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Beruf: Freie Hochzeitsrednerin

#08 2012 / Christine Frei

HochzeitsrednerInnen sind die ZeremonienmeisterInnen freier Trauungen. Noch weitgehend unbemerkt, etablieren sich im heiligen Land Tirol vor allem Frauen in diesem neuen Metier.

Nur Birgit Grafinger kommt es beim Erzählen über diesen „wunderbaren Beruf“ („ich habe es nur mit glücklichen Menschen zu tun“) irgendwann spontan über die Lippen: „Wir sind ja die Konkurrenz.“ Susanne Parth-Blackman, welche die Berufs- und Geschäftsidee der HochzeitsrednerInnen, der ZeremonienmeisterInnen für eine freie Trauung, vor zwei Jahren aus den Staaten ins heilige Land Tirol importierte, will das dezidiert nicht so verstanden wissen. Denn die Paare, die sich für eine freie Zeremonie und damit für eine Hochzeitsrednerin oder einen freien Hochzeitsredner entscheiden würden, kämen für eine katholische Trauung ohnehin nicht in Frage, weil geschieden, aus der Kirche ausgetreten, gleichgeschlechtlich, unterschiedlichen Konfessionen zugehörig oder sogar gläubig, aber kirchenkritisch. Interessanterweise wünschen sich aber gar nicht so wenige Paare, die sich für eine freie Trauung entscheiden (müssen), trotzdem eine Zeremonie in einer Kapelle oder Kirche. Das sei sogar möglich, meint Grafinger, freilich nicht in Pfarrkirchen, sondern in kleineren Kirchen, die nur gelegentlich und dann eben meist für Trauungen genutzt würden. Allerdings bitte Grafinger die Paare dann, selber dort anzufragen. Weil eben doch Konkurrenz.
Bei einer Trauung seien sogar mal Klosterschwestern dabei gewesen, erzählt Grafinger, was sie schon ein wenig nervös gemacht habe. Schließlich sei sie ja gelernte Katholikin und es daher nicht gewohnt, „vorne am Altar zu stehen und ihre Stimme zu erheben.“ Hinterher habe sie eine dann beiseite genommen und ihr gestanden, dass sie noch nie eine so schöne Trauung erlebt habe. Und Susanne Parth-Blackman, die die Hochzeitsredner Tirol nicht zuletzt deshalb gegründet hat, weil sie sich dieses Angebot auch für ihre eigene Hochzeit gewünscht hätte, meint nicht wenig subversiv: „Wenn ich die Frauen reden höre, denk ich mir immer wieder, wie gut der katholischen Kirche Frauen als Priesterinnen täten.“
Tatsächlich scheint den Frauen der Tabubruch aber gar nicht so bewusst zu sein. Dabei ist es schon frappierend, dass sich ausgerechnet im heiligen Land fast ausschließlich Frauen ganz offiziell in diese männliche Domäne hineinwagen. In den paganen und außerkirchlich-spirituellen Zirkeln sind Frauen selbstredend schon viel länger als Zeremonien- und Ritualmeisterinnen aktiv. Die ausgebildete Schamanin Johanna De Lorenzo aus Kematen, im Normalleben eine gestandene Managerin, bietet etwa als „Adlerin“ schamanische Hochzeiten an.
Elfi Knofler, die neben der früheren Standesbeamtin Sandra Klotz und Susanne Parths Mutter Annemarie das Kernteam von Susanne Parth-Blackmans Hochzeitsrednerinnen bildet, hat nicht zuletzt deshalb als Hochzeitsrednerin begonnen, weil sie selbst schon so oft bei Trauungen gewesen sei, die sie als langweilig und viel zu wenig persönlich empfunden habe. Für ihre eigenen Hochzeitreden befragt die systemische Coachin und Kommunikationsberaterin die Paare im Vorfeld nach den Werten, die sie in ihrer Beziehung leben wollen. Diese Frage sei das Herzstück jeder ihrer Hochzeitsreden, denn eben darin liege für sie das Geheimnis von langjährigen, guten Beziehungen begründet.
So groß die Sehnsucht nach einer schön gestalteten Trauungszeremonie auch sein mag, etwa die Hälfte der wie auch immer getrauten Paare wird sich innerhalb der nächsten zehn Jahre wieder trennen. „Und leidet dann an ihren gebrochenen Herzen und enttäuschten Glaubenserwartungen“, weiß die in Telfs lebende Künstlerin und spirituelle Beraterin Eudokia Gundolf. Letztlich könne man eine Beziehung weder mit räumlicher Trennung noch mit dem Scheidungspapier seelisch und emotional wirklich abschließen. Daher führe sie mit den Menschen, die sich an sie wenden, Heilzeremonien durch. „Damit die Liebe wieder in ihr Leben zurückkehren kann.“  Wenig verwunderlich also, dass der Amtskirche immer noch mehr Menschen abhandenkommen. Denn außer „Ausschluss“ von Geschiedenen ist den selbsternannten Gottesvertretern auf Erden bislang tatsächlich nichts eingefallen. – Die zeremonielle „Seelsorge“ für Trauung wie für Trennung haben indes längst andere übernommen.