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MOLEcafé

Gegen Himmelblau und Blassgelb, gegen glühend heißen Waschbeton!

#08 2012 / David Schreyer

Freischwimmbäder sind fast nie Beispiele für gelungene Architektur. Die wahlweise blassgelben oder himmelblauen Wand- und Bodenfließen? Die glühend heißen Waschbetonplatten? Neben Altersheimen, Gemeindeämtern und ähnlichen Bauaufgaben zählen Freischwimmbäder gemeinhin zu jenen Projekten, mit denen hiesige Kommunen sehr gerne unkompliziert verfahren. Sie sehen es nicht als etwas Besonderes an. Die Hauptattraktion, das Becken selbst, wird meist vom Erdboden verschluckt. Auf Sprungtürme, welche in der Tat fantastische Hochbauten mit skulpturalem Charakter sein könnten, wird verzichtet. Vielleicht, weil die für eine solche Attraktion nötige Beckentiefe unfinanzierbar ist. Möglicherweise auch, weil es an MutbürgerInnen fehlt, die mit dem Unding etwas anzufangen wissen. Die Umkleidelandschaft ist gerne eine, die Gestaltung betreffend, unterbelichtete Zone. Die meist hölzernen Umkleidekabinen erinnern höchstens an frühsommerliche Hochgefühle und dramatische Körperkontakte unserer Jugend. Meist furchtbar: der Sanitärbereich. Der Geruch von WC-Steinen könnte in vielen Albträumen eine wesentliche Rolle spielen. Jener Ort, an dem man kaubare Gummitiere und Eis-am-Stiel erwerben kann, die Tabak-Gelato-Pommes-Station, trägt auch selten zur Steigerung der baulichen Qualität bei. Eine Unmenge von Gartensesseln, wahlweise aus braunem oder weißem Kunststoff, weist auf kreatives Unvermögen hin. Alles egal? Weil die werte Besucherschaft so oder so bis zur Bewusstlosigkeit in der Sonne schmort. Es sollte nicht egal sein, denn ein schönes Freibad ist eine wahre Attraktion.

Ab 1962 wurde in Jenbach das Freibad errichtet. Man hat sich damals ein steil abfallendes Grundstück, direkt an einem Geländesprung gelegen, ausgesucht. Dort sollte das Terrassenbad Realität werden. Am Ende einer auf einem Plateau liegenden Sackgasse wurde der Eingang, das Kassenhäuschen, postiert. Im Grunde eine Idealsituation, Badegäste konnten in der von Durchfahrten befreiten Zone aufeinander warten. Hatte man die Pforte durchschritten, ging ein weitläufiges Grundstück talwärts. Drei Badebecken wurden in die abfallende Wiese gegraben. Vier gemauerte, weinrot gestrichene Kuben bieten heute noch Raum für Spinde, Umkleidekabinen und Sanitäreinrichtungen, kleine Bauten, welche an einer Art Kette aufgefädelt dastehen. Die Kette, genauer die Überdachung des die Kuben verbindenden Weges, ist sehenswert. Zehn Zentimeter dünne Betonplatten liegen auf filigranen Stahlstützen und bieten so Schutz vor sommerlichem Platzregen. Kein das Regenwasser ableitende Blech, kein die Betonplatte stärkender Unterzug. Heute wäre die Ausführung einer solch einfach gedachten und ebenso feinen Konstruktion beinahe undenkbar – keine HandwerkerIn, keine IngenieurIn würde für die Funktionstüchtigkeit garantieren wollen. Trotzdem funktioniert die Konstruktion seit fünfzig Jahren. Man kann die geschmeidige Überdachung getrost als Augenschmaus bezeichnen, den man sonst nur an Orten zu sehen bekommt, an denen man das Thema Dichtheit weniger streng nimmt als hierzulande. Etwas abseits findet man noch eine kleine Jausenstation. Ansonsten: viel Grün, plantschende Badegäste und eine Bepflanzung, die in den letzten fünfzig Jahren zu beachtlicher Größe herangewachsen ist, so dass das Areal, das auch den ein oder anderen Schattenplatz bieten kann, ein sehr angenehmer Ort ist. Die Schwachstellen, für die Freibäder hinlänglich bekannt sind, gibt es zwar auch hier – jedoch in deutlich abgeschwächter Form.

Seit Errichtung  des Bades hat der rund um die erwähnte Sackgasse gelegene Ortsteil an Bedeutung gewonnen. In Zeiten des Wohlstandes ist dies auch mit gesteigertem Verkehrsaufkommen verbunden. Die Straßenführung der Gemeinde Jenbach war und ist etwas kompliziert. Wollte man das Plateau mit einem motorisierten Fahrzeug erreichen, musste man durch das gesamte Ortszentrum fahren. Ein Umstand, den die BewohnerInnen des Kerns gelöst sehen wollten. Die Gemeinde musste 2008 handeln – ein Kurzschluss wurde realisiert, die Sackgasse damit zu einer Durchfahrtsstraße. Eine schlangenförmig steil aufwärts verlaufende Brückenkonstruktion erlöst seitdem das Ortszentrum von unzähligen sinnlosen Durchfahrten. Für das Freibad bedeutete das, dass die Eingangssituation gänzlich neu gedacht werden musste. Auch, weil um die Steilbrücke realisieren zu können, der gesamte Vorbereich um satte 1,5 Meter abgesenkt werden musste. Der in Jenbach ansässige Architekt Bernhard Stöhr, sein Atelier liegt lediglich einen Steinwurf vom Bauplatz entfernt, setzte sich mit dieser Aufgabe auseinander.

Bernhard Stöhr  hat sich dafür entschieden, die gesamte Situation umzudrehen und den Wartebereich nach innen zu verlegen. Direkt an der neuen Straße steht nun ein großzügiges Tor, ein aus Beton gegossener kantiger Bügel. Ist das Bad geöffnet, schlüpft man hindurch. Ist das Bad außer Betrieb, wird der Durchgang durch Schiebetore geschlossen. Diese versperren zwar den Weg ins Bad, man kann aber jederzeit einen Blick hinein werfen – die Barriere ist ein aus schwarzem Stahl gefertigter, mit senkrechten Stäben verstärkter Rahmen. Das Freibad kann so immer beobachtet werden.

Der gestaltende Trick mit den Schiebetoren macht das Eingangstor zur Funktionsanzeige. Die von den dunklen Stahlstäben versteckten Holzboxen ergeben eine schwarze Fassade, markieren so ein geschlossenes Bad. Treten die dahinterliegenden Holzeinbauten in den Vordergrund, wird im Freibad in Sonne und Wasser gebadet. Besonders in den in der Alpenfurche doch recht ausgedehnten Übergangszeiten ein sehr praktisches Detail. Der großzügiger Wartebereich, direkt hinter dem Eingangstor gelegen, lädt die BesucherInnen ein, innerhalb der Badeanstalt aufeinander zu warten. Das funktioniert und entschärft zugleich die Gefahrenstelle vor dem Bad. Viele Wartende wären dort einem erheblichen Risiko durch den Verkehr ausgesetzt. Der mit Sitzstufen, einem Trinkwasserbrunnen und einer behindertengerechten Zugangsrampe versehene Bereich wird von einer hellen, fein strukturierten Betonklammer zusammengehalten.
Diese Klammer nimmt die im Bestand des Freibades vorhandenen Linien – Wege samt Überdachung, Umkleidekabinen, Terrassierung und markante Geländefluchten – auf und setzt sie fort. Nicht nur, was die Form des neuen Eingangs angeht, auch beim Material wurde auf die bestehenden Hochbauten reagiert. Zwar hat der Architekt darauf verzichtet, die weinrote – für die Umkleidekabinen verwendete – Malerfarbe einzusetzen, doch er hat auf den schon für die zierliche Überdachung verwendeten Beton zurückgegriffen. Dieses Material, in entsprechender Qualität zum Einsatz gebracht, ermöglichte es, ein Eingangstor ohne Dachpappe, Blech und Attika zu realisieren. Es verleiht dem Baukörper eine schlichte Eleganz, die dem bereits bestehenden Bad gerecht wird. Hinzu kommt, dass der Bau von denselben Tiefbauspezialisten errichtet wurde, die schon die oben beschriebene kurzschließende Kurvenbrücke gebaut haben. Brückenbauer sind Meister der Schalungstechnik. Auf große Schaltafeln wurde verzichtet, hunderte Holzbretter wurden zu einer Form verbunden. So kommt es, dass der Beton eine feine Holzmaserung besitzt – was dem Bau bei praller Sonne eine fein gescheckte Oberfläche verleiht.

Zwei hölzerne, in den Durchgang geschobene Boxen schließen die vielen durch das Bad laufenden Linien letztlich ab. Sie schaffen Raum. Die größere für Erste Hilfe und eine behindertengerechte Toilette. Diese liegt direkt an der barrierefreien Zugangsrampe, unnötige Umwege werden somit vermieden. Die kleinere Holzbox dient als Kassahäuschen. Drei Monate hatte man, um den neuen Zugangsbereich zu errichten. Die in der Werkstatt zu guten Teilen vorgefertigten Holzeinbauten halfen, um diese straffe Zeitvorgabe einzuhalten. Detail am Rande: Die in den Beton geprägte Holzmaserung setzt sich direkt in den mit Funktion gefüllten Einbauten fort.
Zwischen den Holzboxen tun sich zwei Lücken auf. Die eine Öffnung dient dazu, in das Bad zu gelangen, die zweite weist all jenen, die genug von Sonne und Badespaß haben, den Weg nach Hause. Man kann den Besuch des Schwimmbades mit einem sanften Streicheln der fein gemaserten Holz- und Betonoberflächen beenden. Ein Erlebnis, das das Potential hat, unsere bisherigen Schwimmbaderinnerungen, Fliesen, Waschbeton und WC-Steine zu überschreiben.