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MOLEcafé

So long and goodbye

#08 2012 / Christine Frei

Bis 31. August ist Brigitte Fassbaender noch offiziell Intendantin des Tiroler Landestheaters. Die Comic Opera Albert Herring von Benjamin Britten ist ihre letzte Regiearbeit in diesem Haus und offenkundig ein augenzwinkernder Abschiedsgruß, in dem sie noch einmal fast ihr gesamtes Ensemble zeigen kann. Fassbaenders letzte Saison war ein bewusstes Abschiednehmen in vielen Etappen …

Mittlerweile könne sie die Tage ja schon zählen, bis sie Innsbruck verlassen wird. „Sie zählen die Tage?“, frage ich ungläubig. „Ja, sicher“, sagt sie und erweckt dabei den Anschein, als blicke sie kurz in sich hinein. Ob ihr der Abschied schwerfalle? Das ändere sich, sei mal leichter, mal schwerer. Aber schließlich sei es ja ihre eigene Entscheidung gewesen. Schon im Winter hat sie damit begonnen, ihre Bücher zu packen. Sie scheint dem wohl unvermeidlichen Blues vorbauen zu wollen, so gut sie nur kann.
Nicht von ungefähr hat sie den Spielplan ihrer letzten Spielzeit so angelegt, dass sie bis zuletzt vollauf mit dem Landestheater beschäftigt ist und dann nahtlos mit dem Eppaner Liedsommer weitermachen kann, den sie in diesem Jahr ebenfalls schon das zehnte Jahr leitet. Bis dahin wird sie für ihre FreundInnen und MitarbeiterInnen noch ein Erinnerungsbuch gestalten, mit verschiedensten Texten, die während ihrer dreizehn Jahre in Innsbruck entstanden sind. Die Texte und die Idee dazu seien ihr beim Aussortieren und Packen gekommen. Und schon ist sie wieder mitten drin im Tun und Umsetzen. Dieser ungebremste Gestaltungsdrang scheint tatsächlich ein Wesenszug von Brigitte Fassbaender zu sein. Und die selbstbewusste Power, mit der sie sich den Dingen hingibt, die sie sich vornimmt, ist schon einigermaßen erstaunlich.
1995 beendet sie – früher als notwendig – ihre außergewöhnliche Gesangskarriere als Mezzosopranistin, die sie an die größten und bedeutendsten Opernhäuser der Welt führte. Sie hatte sich in der Zwischenzeit bereits als Opernregisseurin einen Namen gemacht und dabei „erkannt, dass es hier noch mehr für mich zu tun gibt“. Ihre zweite Station als Regisseurin war im übrigen Innsbruck, wo sie 1992 in Wlasaks letztem Jahr Alban Bergs Lulu inszenierte. Sie übernimmt also 1995 für zwei Jahre die Operndirektion in Braunschweig und legt damit den Grundstein für ihren nächsten Karriereschritt. Denn bereits 1998 wird sie zur Nachfolgerin von Dominique Mentha bestellt. Als sie 1999 ihre erste Saison als inszenierende Intendantin mit Orpheus in der Unterwelt eröffnet, ist sie gerade mal 60 Jahre alt. Jetzt, dreizehn Jahre später, wirkt sie freilich alles andere als amtsmüde. Ganz im Gegenteil, hat sie doch nach ihrem Debüt als Musical-Librettistin vor zwei Jahren in ihrer letzten Spielzeit ein weiteres Mal das Risiko einer Musical-Uraufführung gewagt.

Shylock, mit dem sie sich ein letztes Mal vor ihrem Hausgott Shakespeare verneigt, ist kein leichter Stoff, und der Shakespear’sche Ausgangstext Der Kaufmann von Venedig wurde in der Vergangenheit immer wieder für antisemitische Lesarten missbraucht. In der von Fassbaender und Komponist Stephan Kanyar entwickelten fiktiven Vorgeschichte – mit dem über dreißig Jahre jüngeren Kanyar realisierte sie schon Lulu –, legen die beiden schonungslos offen, wie Shylock von Kindesbeinen an wegen seines vermeintlichen Andersseins als Jude systematisch ausgegrenzt, benachteiligt und übervorteilt wird und machen dadurch seine Wut und seinen zuletzt fast irrationalen Hass nachvollziehbar. Zugleich zeichnen sie Shylocks verhassten Gegenspieler Antonio als durchaus ambivalente Persönlichkeit: Der hedonistische und vermeintlich gedankenlose Sonnyboy ist tatsächlich nur Fassade, als schwuler Mann, der seinen wesentlich jüngeren Liebhaber an eine Frau verliert, ist er ebenso Außenseiter und emotional gestrandet. So umstritten das Musical als Kunstform einerseits schon allein deshalb ist, weil es aufgrund seiner musikalischen Formensprache immer unter generellem Mainstream-Verdacht steht, so bietet es andererseits natürlich die Möglichkeit und Chance, große ethische und gesellschaftliche Themen für ein breiteres Publikum zu verhandeln. Diese Intention hat sich die scheidende Hausherrin bei Shylock zweifelsfrei verschrieben: Der Text ist in seiner ungekünstelten Direktheit ein großes Plädoyer für Menschlichkeit und Empathie und hat in seiner dramaturgischen Ernsthaftigkeit – wenn sie Shylock kurz vor der Pause singen lässt: „Ich bin ein Mensch wie ihr, muss ich mich dafür schämen …“, durchaus etwas von einem aufklärerischen Vermächtnis. Wobei sich nicht nur in Text und Regie, sondern auch in Inszenierung und Ausstattung ein melancholisch wehmütiger Grundton durchzieht, zumal sich nichts lösen lässt und Shylock als tragisches Einzelschicksal zuletzt von der Masse verschluckt wird. „Der Mensch ist in dieser Hinsicht leider wenig lernfähig“, sagt Fassbaender. Gerade deshalb seien Kunst und Kultur für eine Stadt, für eine Gesellschaft überlebenswichtig.

Dass in Deutschland mehr und mehr städtische Theater aus Budgetgründen schließen müssen: „Eine Schande“, ruft sie aus. „Denn eine Stadt ohne Theater ist tot.“ Dass das Kulturangebot im Gegenzug immer mehr in die Extremlager – hier Eventkultur, da reine Elitenkunst – abdrifte, dem kann sie wenig abgewinnen. „Ich wollte immer Theater für die Menschen hier vor Ort machen.“ Das ist ihr im Musiktheater gelungen, wobei sie unumwunden zugibt, dass man gerade in diesem Fach aus einem bewährten Fundus schöpfen könne. Denn auch wenn die Pflege der zeitgenössischen Musik in den Statuten für das Haus festgeschrieben ist, sei es ein offenes Geheimnis, so Fassbaender, dass die zeitgenössische Oper beim Publikum (und insbesondere bei den AbonnentInnen, die von der Politik stets als Messlatte und Legitimation für die Akzeptanz des Theaters herangezogen werden) nicht allzu beliebt sei.
Trotzdem hat Fassbaender regelmäßig Werke in Auftrag gegeben und dabei durchaus eine glückliche Hand bewiesen. Sowohl ihr Operellenprojekt wie auch die letzten beiden Auftragswerke – Florian Bramböcks eben uraufgeführte gewitzte Fahrradoper Der dritte Polizist oder Norbert Zehms hochexpressive Oper Cadence Macbeth boten genau die richtige Mischung von irritierend widerspenstigem Tonmaterial und dann wieder tonalen Klangfolgen, um das heimische Publikum auch über den Uraufführungsabend hinaus anzuziehen. „Ich hätte gerne noch mehr unbekannte Stücke gewagt“, gesteht Fassbaender. „Aber ich hasse nichts mehr als vor halbleerem Haus zu spielen.“ Das sei bei dem Arbeitseinsatz, der hinter diesen Großproduktionen stehe, einfach beschämend für das ganze Team. Und sie spart nicht mit Kritik an einzelnen Medien, die durch unseriöse Berichterstattung, Unwahrheiten, unfaire und bösartige Verrisse auch viele Versuche, Neues auszuprobieren, konsequent untergraben und in weiterer Folge verunmöglicht hätten. “Die einfach austeilen und selber gar nichts einstecken können“, sagt sie. Das verletze, gibt sie unumwunden, aber mit durchaus kämpferischem Unterton zu. Daran werde sie sich nie gewöhnen. Tatsächlich habe sie als Sängerin das Glück gehabt, dass sie von dieser anderen zerstörerischen Seite der Medien verschont blieb.

Über den neuen Spielplan, den ihr Nachfolger Johannes Reitmeier am 20. April mit seinem neuen Team im Foyer des Landestheaters mit dem durchaus sympathischen Eingeständnis präsentierte, dass er hier und heute zweifelsohne der nervöseste Mann im Raum sei und die Fußstapfen, in die er nun trete, schon einigermaßen groß seien, wird sie, das merkt man schnell, nichts sagen. Also probiere ich es andersrum. Wie es sich denn anfühle, wenn jetzt überall im Haus schon der neue Spielplan aufliege und die Neuen bereits mit den Vorproben beginnen. „Natürlich befremdlich“, gesteht sie. Wenn man merke, dass einem plötzlich die langjährige Heimat abhanden komme. Allerdings werde die Programmierung eines Spielplans ihrer Meinung nach maßlos überschätzt. “Ganz ehrlich: Das ist in einer halben Stunde gemacht.“ Man wisse ja, was man zu tun hat und was noch ansteht. „Natürlich macht man zunächst das, was der Vorgänger nicht gemacht hat.“ Reitmeier beginnt durchaus geschickt mit Catalanis lyrischer Oper La Wally, die zwar selten gespielt, aber ganz klar als Verbeugung vor einer lokalen Heldin und dem heimischen Publikum zu verstehen ist, wobei das Motiv der widerspenstigen Frau, die sich angstfrei und erfolgreich gegen den patriarchalen Vater auflehnt, in diesen Tagen – und das konnte Reitmeier nun wirklich nicht absehen – noch zusätzlich eine politisch pikante Note erhält. Allerdings zeigen sich auch in Intendantenwechseln thematische Kontinuitäten. Denn ähnlich wie Reitmeier im Vorjahr, sagte Fassbaender bei ihrem Antritt als Intendantin vor dreizehn Jahren, dass sie dem Schauspiel wieder zu mehr Akzeptanz beim Publikum verhelfen möchte. Wahrscheinlich ist die Programmierung eines abonnenten-, kritiker- und gleichzeitig zeitgeistgefälligen Schauspiel-Spielplans ohnehin ein sich ständig perpetuierender Widerspruch.

Fassbaender, die eigentlich Schauspielerin werden wollte, dann zu einer schauspielenden Sängerin der Spitzenklasse wurde und bei ihren eigenen Operninszenierungen immer allergrößten Wert darauf legt, dass ihre SängerInnen sich das geistig-seelische Kleid der jeweiligen Rolle überstreifen, liebäugelt ja durchaus selber mit dem Schauspiel. Dreimal hat sie in ihrer Intendantinnenzeit selber im Schauspiel Regie geführt, mit sicherer Hand und absolutem Gespür für die psychische Dynamik von Situationen und Charakteren. Auch wenn sie als künftig freie Opernregisseurin bereits gut gebucht ist – als nächstes inszeniert sie Don Pasquale im Cuvillies-Theater in München, kehrt also dorthin zurück, wo sie einst ihre Weltkarriere startete –, würde sie die eine oder andere Schauspielregie schon reizen. Genauso wie das Schreiben von eigenen Theaterstücken. An Ideen mangelt es ihr naturgemäß nicht, eher an der Zeit, dann auch dranzubleiben. „Theaterstücke sind ja wirklich sauschwer“, lacht sie.
Dazwischen werde sie natürlich immer wieder mal malen und zeichnen, eine weitere Passion, die sie erst in ihrer letzten Spielzeit etwas öffentlicher machte. In Kürze wird auch ihr erstes von ihr geschriebenes und illustriertes Kinderbuch erscheinen. Die Geschichten seien im letzten Jahr für das vorweihnachtliche Kinderprogramm auf der Probebühne entstanden, erzählt sie. Auf das Buch freut sie sich selber am meisten, das merkt man ihr richtiggehend an. Ob sie es sich vorstellen könnte, doch noch mal wieder nach Innsbruck und in dieses Haus zurückzukehren? Noch im Februar hatte sie das dezidiert ausgeschlossen. „Nur mit einer Tarnkappe. Und nachdem ich eine solche nicht habe, wird das wohl eher nichts werden.“ Vielleicht in ein paar Jahren? Sie lächelt: „Schauen wir mal.“