Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Think about content

#08 2012 / Katrin Jud

Wer im Internet Präsenz zeigen möchte, hat die Möglichkeit, kräftig nachzuhelfen. Dazu kann man sich die Funktionsweise der  Suchmaschine selbst zu eigen machen. Was dabei herauskommt, ist  SEO (Search Engine Optimization),  der gezielte Aufbau eines Internetportals im Hinblick auf eine erhöhte Sichtbarkeit in der Suchmaschine.

Will man bei den Suchergebnissen im Natural Listing (den nicht bezahlten Links) nach oben, braucht man erstens ausreichend Links auf die eigene Seite und zweitens gute Inhalte. Dies erfordert einen Hang zum „Detektivismus“ (weil der
Algorithmus der Suchmaschine teilweise geheim ist), ausgeklügelte Strategien und in Folge dessen Sitzfleisch. Natürlich kann man sich das auch ersparen, indem man Google Werbung schaltet oder sein Geld für teure SEO-Agenturen ausgibt. Will man es nichtsdestotrotz selber machen, geht es vor dem hippen Mega-Mac ab nach Linktausch- und Content-Town.
Die nötige Linkpower kann man dabei durch eine starke interne Verlinkung auf der eigenen Seite, z.B. vom Damen- zum Herrenschuh und zurück, und durch Links von und nach außen haben. Die Power kommt vor allem von großen Seiten mit gewieften SEOs oder wirklich gutem Inhalt, die im Page-Rank, der Google-Suchauswahl, ganz oben stehen (z.B. Wikipedia).

Bedeutet hingegen das Generieren von gutem Content viel Zeit und viel Geld, was dem wirtschaftlich denkenden Individuum dann doch nicht in die Rechnung passt, wird einfach getrickst. Was beim Überlisten von Google beobachtet werden kann, ist die Vereinnahmung der Sprache in Hinblick auf ihre Verständlichkeit im Algorithmus der Maschine. Ausschlaggebend für diese Verständlichkeit ist dabei die „Keyword Density“, die verwendete Dichte des Schlüsselbegriffs. Macht ein Schlüsselbegriff circa 4–7% des Textes aus, wird besagter Text von der Suchmaschine für seine BesucherInnen als relevanter eingestuft, und erscheint somit weiter oben. 
Ein Beispiel: Die MOLE ist das Medium für die kulturelle Nahversorgung in Tirol. In der MOLE sind fünf RedakteurInnen beschäftigt, die den Laden am Laufen halten, wobei die MOLE besonderen Wert auf eine breitgefächerte Themenauswahl legt, und ab und an auch mal Kaffee in der Bäckerei serviert – hier eine Density von 6%. Man stelle sich dies auch in der Langversion vor, es wird nämlich nicht besser. Sprachliche Spannung klingt anders.
Wer das mit dem Tricksen bei der Keyword Density schon mal zu ernst nimmt, nutzt diese zum Zuspammen der eigenen Website mit Keywords in unzusammenhängenden Wortketten. Beispiel: MOLE, MOLLE, Nahversorgung, Kunst, MOLE, um bei, MOLE Medium, MOOLE Kultur. Sehr spaßig und verbreitet, aber ineffizient, und mehr als die Sperrung der Seite im Suchmaschinen-Index gibt es nicht zu holen.
Aufmerksame LeserInnen haben es gemerkt. Die Rechtschreibung und der gute Geschmack können zu kurz kommen, wenn man Texte auf die Keywords „MOLLE“ oder auch „MOOLE“ optimiert, nur weil es Leute gibt, die diese Begriffe tatsächlich in diesen Schreibungen suchen.
 
Was die Suchmaschine außerdem belohnt, ist „Unique Content“, also einzig und allein für die eigene Seite verfasste Texte. Somit wird der „Double Content“ zum Erzfeind aller SEO-SpezialistInnen und zum Alptraum des Online-Marketings im Generellen. Das kann man an dieser Stelle schon mal loben, dass nicht jede und jeder von jeder Seite kopieren kann, ohne im Page-Rank abzusteigen. Ärgerlich wird es nur bei der Erstellung von Landing Pages mit exakt gleichem Inhalt, nur auf jeweils einen anderen Suchbegriff optimiert. Bei Landing Pages handelt es sich um Seiten, die als Köder dienen und nur aktiv werden, sobald jemand den Suchbegriff, auf den sie optimiert sind, eingibt. Auf der Suche nach allen möglichen und unmöglichen Synonymen, dem Wechsel zwischen Aktiv und Passiv, hundertfachem Umstellen von Sätzen von vorne nach hinten, von hinten nach vorne und zwischendrin auch, dreht sich dabei die Verständlichkeit schon mal im Grab um.

Wirtschaftlich ist es absolut nachvollziehbar, dass jede und jeder die/der Erste auf Seite eins sein möchte, dem Suchmaschinen-Himmelstor für alle eingefleischten SEO-ArbeiterInnen. Schließlich gilt es immer, irgendein Produkt zu verkaufen. Beängstigend wird es, wenn dies auf Kosten objektiver
Suchergebnisse, abwechslungsreicher Lektüre, der Verständlichkeit und schließlich der LeserInnen geschieht. Es wird sich herausstellen, welche inhaltlichen und sprachlichen Kakteen und Orchideen die LeserInnen in Zukunft noch erwarten, bei der nächsten Änderung des Suchalgorithmus.
Wer sich bei seinem Internetauftritt diesem Treiben nicht anpassen möchte oder kann, wird wohl bei den Suchtreffern weiter hinten zu finden sein. Vielleicht gewöhnen wir uns auch einfach an, nicht nur die ersten fünf Treffer auf Seite eins anzuklicken.