Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Wider die Provinzialität – »neue« Musik am Land

#08 2012 / Markus Stegmayr

Das Verhältnis von Provinz und „neuer“ Musik ist von divergierenden Ansätzen in Bezug auf Ästhetik und einer abweichenden Haltung zur Tradition gekennzeichnet. Man muss sich diesem Verhältnis daher auf ästhetischer Ebene annähern.

Heterogenität in einem Umfeld, das nach Homogenität strebt. Widerständiges in einem Kontext, der die Nivellierung und das Einfache fordert. Eine Provokation, ein Affront – Musik, die einen nicht mehr schlafen lässt, die aufrührt, aufrüttelt, aufs Ganze geht – und das in einer Gemeinde mit nicht einmal 10.000 EinwohnerInnen. Wie soll man da noch ein Auge zubekommen und bleiben wollen in diesem „idyllischen Bergdorf“, folgt  man der Selbstbeschreibung von so manchem „Kulturbewahrer“, mit Knödeltischen, Tiroler-Abenden, verflachter „Volkskultur“?

Die Musik am Festival für Jazz und improvisierte Musik artacts, das jährlich in St. Johann stattfindet und längst ZuhörerInnen aus dem In- und Ausland anzieht, fließt, ist im Prozess, kennt keine Heimat. Nicht umsonst heißt ein Projekt der New Yorker Saxophonistin Ingrid Laubrock Anti-House. Man will hier nicht mehr wohnen, wenn man den Protest und die Ignoranz der einheimischen PolitikerInnen vernommen hat, die hier leben, verhaftet sind, nicht mehr weg wollen und nicht mehr weg können. Und dennoch wohnt man hier, hat hier mit der Alten Gerberei einen Ort gefunden, der utopisches Potential besitzt: einen Ort, der so ganz „anders“ ist als das Umfeld, einen Raum, der so gar nichts mit dem provinziellen Außen zu tun hat, in dem er sich befindet, einen Ort, der Denkbares und Mögliches kurz aufblitzen lässt, zu einem Möglichkeitsraum im eigentlichen und weiteren Sinne wird. Aufatmen und eine grenzenlose Freiheit, man könnte auch ein Übermaß an Freiheit sagen, überkommt einen, wenn man die Konzerthalle in der Alten Gerberei betritt. Der Kurator des Festivals artacts, Hans Oberlechner, erzählt, dass manche MusikerInnen mit diesem enormen Freiheitsgefühl gar nicht wirklich umgehen können, obwohl sie ja zum großen Teil aus Chicago oder New York stammen. Wenn sie die Türe öffnen und plötzlich in dieser Halle stehen, dann kann alles passieren, alles ist möglich geworden, die Türen sind aufgestoßen und die Horizonte geweitet, die ansonsten so eng und auf Einheitlichkeit bedacht sind – auch hier, und vor allem am Land.

„Was macht ihr mit unserem idyllischen Bergdorf?“ Von dieser Aussage erzählt Hans Oberlechner, die getroffen wurde, als man versuchte hat, die „andere“ Kultur, die „andere“ Musik in den Ort St. Johann zu tragen, in den öffentlichen Raum hineinzutransferieren. Macht erzeugt Widerstand. Das Forcieren einer Leitkultur fordert geradezu dazu auf, zu widersprechen, jedoch nicht auf provokanter und selbstinszenatorischer Ebene, nicht auf der Ebene der Provokation um der Provokation willen, so meint Hans Oberlechner, sondern auf der Ebene des Inhaltes, der Substanz. Somit desjenigen, das, paradoxerweise, Stand hält, obwohl es nicht mehr „wohnt“ und keine Wurzeln mehr hat, schon gar nicht in der Provinz. Man kann sich auch die Musik von Wrack vorstellen, ein Projekt von Kyle Bruckmann, die auf eine solche abenteuerliche Weise mit Dada ebenso spielt wie mit John Cage und Free-Jazz, sodass man fast schon versteht, warum diese Klänge nicht zwischen Blasmusik und Traditionspflege passen wollen.
Man kann nicht provozieren um zu provozieren, da ist man sich mit Hans Oberlechner einig. Der Widerstand muss mit Inhalten gefüllt werden, die Qualität muss noch gesteigert oder zumindest auf dem hohen Niveau der letzten Jahre gehalten werden. Letztlich sind alle BewohnerInnen und PolitikerInnen eingeladen, aber nur wenige – zu wenige – kommen, nur einige wollen Verständnis zeigen, obwohl die Akzeptanz in den letzten Jahren sehr stark gewachsen ist. Man glaubt zu erkennen, dass mit dieser Art des Verständnisses nicht das Verstehen gemeint ist, das notwendig wäre, um sich an einem Abend in die Alte Gerberei zu begeben, wenn zum Beispiel der „Stammgast“ Ken Vandermark spielt. Was zählt, ist der Versuch zu verstehen. Vielleicht merkt man dann, dass es gar nichts zu verstehen gibt, sondern dass es darum geht, zu genießen, sich in den komplexen, aber einladenden Klanglandschaften zu verlieren, die so anders klingen als man es in dieser Landschaft vermuten würde. Hier ist New York präsent, Chicago, temporär ist die Provinz aufgehoben und in Frage gestellt, aber immer nur in diesem Umfeld, in dieser Räumlichkeit und vor allem auch zeitlich auf einen Abend und auf wenige Stunden beschränkt. Danach, wenn man das Konzert verlässt, sieht man schon wieder die ewiggleichen Wohnblöcke, die kleinen Gasthäuser, die Provinz mit ihren vielen Zeichen.

Wie ist also das Verhältnis von Provinz und „neuer“ Musik zu interpretieren, falls es dieses Verhältnis überhaupt gibt? Kann ein Festival wie das artacts überall stattfinden oder ist es zwingend so, dass ein Ort wie St. Johann ein solches Festival hervorbringt? Hans Oberlechner tut sich schwer, diese Frage zu beantworten, womöglich ist sie auch gar nicht zu beantworten. Man muss nachfragen und sehen, welche Eigenschaften die Musik hat, die bei diesem Festival gespielt wird, man muss sich ansehen und anhören, warum sich Tradition und Innovation manchmal so sehr reiben, um diese Frage zu beantworten.
Sich in soziologische Studien zu ergeben, ist letztlich sinnlos, auch den Kurator zu befragen, führt nur dazu zu sehen, welche Erfahrungen er gemacht hat und wie er das Verhältnis von dieser Musik und Provinz wahrnimmt. Letztlich sprechen die ästhetischen Kategorien und die Radikalität der Musik für sich.
Wie ist sie also beschaffen, diese Musik, die keine Heimat mehr kennt? Byung-Chul Han, ein Philosophieprofessor in Karlsruhe, meint dazu, vereinfacht gesagt, dass das Sein mit dem Wohnen zu tun habe, mit dem Beharren. Somit verwandelt einen diese Musik, man kann nicht mehr „Tiroler-Sein“ in einem konventionellen Sinne. Man wird nicht mehr Beharren und „Sein“ können, man wird sich oft den gängigen Meinungen und Klischees nicht mehr anschließen können. Man wird zum intellektuellen „Nomaden“, man oszilliert zwischen Heimatbezug und dem notwendigen Verlust ebendieser unmöglich gewordenen Heimat. In dieser Musik lässt es sich nur heimisch werden, wenn man seine starren Haltungen und seine kulturell starren Identitäten aufgibt. Somit ist auch der „Kampf“ eines Festivals wie dem artacts benannt. Man könnte es als den Kampf um Identitäten ansehen – und die Musik bildet dabei das ästhetische Programm, wenn es darum geht zu sagen, dass auch noch anderes „Heimat“ sein kann und dieser Begriff wohl im gesamten sehr problematisch ist. Sollen die anderen ihre Knödeltische machen, ihre Tiroler Abende, die wir ihnen gar nicht nehmen wollen, meint Hans Oberlechner.
Aber Heimat ist auch woanders, eine Heimat in der Heimat, in der Musik, für wenige Stunden sind wir aufgehoben. Weil wir wissen, dass auch noch andere entwurzelt sind und das nicht als Verlust erfahren, sondern als großen Gewinn. Wer merkt, wie rastlos eine Musikerin wie Ingrid Laubrock ist, wird nicht umhinkommen zu bemerken, wie träge und auf einen Ort fixiert man geworden ist. Dabei ist für die Flucht aus der Bequemlichkeit gar nicht nötig den Ort zu wechseln, sondern sich auf andere ästhetische Kategorien zu berufen, die auch das Leben zu einer anderen Form von Kunst machen: die Kunst, widerständig zu sein in einer Daseinsform, welche die Sturheit und das Beharren vollständig abgelegt hat und die Reise, den Prozess und den Weg als das Eigentliche definiert. Die Provinz ist nur in unserem Kopf, die Lösung und der Ausweg liegen in der Kunst.