Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Ein Schuss vor den Bug

#08 2012 / David Schreyer

Wie steht es – zwei Jahre nach der Demontage von Interregional – um die Kultur in Telfs?

Telfs, nach Innsbruck und Kufstein die drittgrößte Gemeinde Tirols, ist sportlich. Die Kommune bemüht sich wie die meisten anderen Gemeinden der Region um ein Image als Sportgemeinde. Viel Geld wurde und wird dafür in die Hand genommen. Ziel Nummer eins der Investitionen: Steigerung der Nächtigungen. Zudem erhofft man sich durch das Vorhandenensein von Dreifachturnhalle, Sommereislaufplatz und Co eine gesunde Jugend. Mindestens genauso wichtig wie körperliche ist aber geistige Fitness. Und beim Erwerb dieser spielen Kunst und Kultur eine wesentliche Rolle. Eine funktionierende Musikschule, anspornende Institutionen und Veranstaltungsreihen sind mehr als irgendetwas anderes dazu in der Lage, die junge Schar von einer konsumierenden in eine schaffende zu verwandeln. Und das ist es doch, was wir, unsere Gesellschaft, auch die Wirtschaft, in letzter Konsequenz brauchen: Nachwuchs, der sich durch Kreativität, Kritikfähigkeit und geistige Regheit auszeichnet.

Die Konzertreihe Interregional war so eine Institution mit Brückenwirkung. Sie hat es geschafft, die Tätigkeit der Telfer Musikschule, die Ausbildung von NachwuchsmusikerInnen, mit der internationalen Musikszene zu verbinden. Seit den 1970ern wurde der Verein und dessen Programm von Ehrenamtlichen organisiert. Auch wollte man zur Belebung des Telfer Rathaussaales beitragen. Neben Eigenproduktionen, an denen MusikschülerInnen und in der Region ansässige KünstlerInnen mitwirkten, traten auch immer wieder international bekannte ProtagonistInnen auf. So waren etwa Jazzlegende Joe Zawinul, die Stuttgarter Philharmoniker und Pianist Till Fellner am Fuß der Hohen Munde zu Gast.
Im Herbst 2010 kam dann, was nicht hätte kommen dürfen: ein Schildbürgerstreich. Die Fraktion Wir für Telfs samt Speerspitze Bürgermeister Christian Härting hat es mit einem durchaus unglücklichen Manöver geschafft, Interregional in die Knie zu zwingen. Vorsätzliches Handeln soll niemandem unterstellt werden – Faktum ist, es ist passiert. Zu persönlich wurde die Diskussion damals um die schuldenfreie Institution geführt, die Gemeindeführung brüskierte damit all jene, die sich jahrelang für die Sache engagiert hatten. Der Stachel bei kulturell interessierten TelferInnen, alles andere als eine Minderheit, sitzt nach wie vor sehr tief. Zu kleinlich gab sich die Ortspolitik damals, vergaß sie doch unter anderem völlig darauf, den Wert der unzähligen ehrenamtlich erbrachten Arbeitsstunden in Relation mit dem von der öffentlichen Hand zu bestreitenden Aufwand zu setzen.

Knapp zwei Jahre später ist der Tenor im Ort immer noch derselbe: „So etwas wie Interregional wird es hier nie mehr geben. Das hätte nicht passieren dürfen.“ Denn eigentlich war Interregional für die Gemeinde ein gutes Geschäft. Auch, weil der Verein ganzjährig die Werbetrommel für die Region rührte. Telfs war Dauergast in diversen Medien aufgrund des vielseitigen Kulturprogramms – kostenlose Werbung für den Ort. An dieser Medienpräsenz war Interregional maßgeblich beteiligt. Menschen aus dem Umland freuten sich und besuchten Telfs – gerade wegen seines Kulturprogramms. Die Marktgemeinde war österreichweit als eine rege, umtriebige bekannt.
Heute ist das anders. Ein einst mit viel Geschick und tatkräftiger Unterstützung zahlreicher Sponsoren für den Telfer Rathaussaal zu sehr günstigen Konditionen erworbener Konzertflügel ist mittlerweile von dessen Bühne verschwunden. Die Hochkaräter, welche es in Telfs bis 2010 regelmäßig zu sehen gab, müssten in Zukunft mit einem vor einigen Jahrzehnten für ein paar Tausend Schillinge gekauften Piano vorlieb nehmen. Eh charmant. Und so freuen sich wenigstens die Telfer MusikschülerInnen über ein anständiges Instrument zum Üben. Denn der Steinway ziert nun ihre Musikschule. Ist dieses Zeichen sinnbildlich zu sehen? Will die Marktgemeinde ihren Veranstaltungssaal kulturell wiederbeleben, wird sie für Fehler vergangener Tage geradestehen müssen. Auch, indem sie vorhandenen Initiativen tatkräftig unter die Arme greift beziehungsweise selbst tätig wird.

Die wichtigste Institution des Telfer Kulturlebens sind die Tiroler Volksschauspiele. Und das schon seit Jahrzehnten. Im Sommer 2011 feierten sie ihr 30-jähriges Bestehen. In der kommenden Hitzeperiode wird es einen schauspielenden Felix Mitterer und eine Oper von Kabarettbarden Georg Ringsgwandl zu sehen geben. Jeden Sommer verwandeln Mitwirkende den Ort in eine Hochburg der Kreativität. Alte Glashäuser, Hinterhöfe und Waldlichtungen werden zu Aufführungsorten. Professionelle sind vom Engagement der LaiendarstellerInnen überrascht und umgekehrt. Man versucht, mit den Aufführungen, abseits des unterhaltenden Zweckes, die Diskussion über Kunst und Kultur anzuregen. Man will etwas mitteilen. Wohl auch deshalb sind die Volksschauspiele im Ort unumstritten und weisen ausdrücklich darauf hin, dass die Zusammenarbeit mit der politischen Instanz funktioniert. Mit besonderem Sinn für Kunst und Kultur hat das wahrscheinlich weniger zu tun. Die Tiroler Volksschauspiele sind ein wichtiges Zugpferd und eine das Image prägende Einrichtung. Wie schnell man sich einer solchen entledigen kann, hat sich die Telfer Führungsriege im Rahmen der Causa Interregional selbst beigebracht. Einen weiteren Ausrutscher dieser Tragweite kann und darf man sich nicht leisten.

So mancher Telfer Kulturschaffende glaubt daran, dass die Gemeindeführung schön langsam realisiert, welchen Wert qualitativ hochwertige Kulturarbeit für den Ort hat, dass es sich bei der Förderung derselben nicht um Gutmenschentum, sondern vielmehr um einen wesentlichen Beitrag zu Standortattraktivität und Lebensqualität handelt. Bleibt zu hoffen, dass sich der Lerneffekt in Telfs fortsetzt, dass junge Initiativen, wie das Theater im Container, in der Lage sind, verbrannte Erde aufzubereiten und Gleichgesinnte zum Initiieren motivieren. Vielleicht gibt es dann, außerhalb der Volksschauspielzeit, auch in Telfs wieder Interessantes zu sehen.