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Wenn die Idylle zum Schreckensbild wird

#08 2012 / Evelin Stark

Sebastian Meise hat mit seinem Debütspielfilm STILLLEBEN bei der Diagonale 2012 – dem Festival des österreichischen Films – den Preis für den besten Film gewonnen. Gleichzeitig feierte sein Dokumentarfilm OUTING dort die Premiere. Der gebürtige Tiroler beschäftigt sich gemeinsam mit dem Osttiroler Drehbuchautor Thomas Reider in beiden Filmen mit der Pädophilie. Ein österreichisches Thema? Heimatfilmmaterial?
Evelin Stark fragt nach.

Sebastian Meise hat mit seinem Debütspielfilm STILLLEBEN bei der Diagonale 2012 – dem Festival des österreichischen Films – den Preis für den besten Film gewonnen. Gleichzeitig feierte sein Dokumentarfilm OUTING dort die Premiere. Der gebürtige Tiroler beschäftigt sich gemeinsam mit dem Osttiroler Drehbuchautor Thomas Reider in beiden Filmen mit der Pädophilie. Ein österreichisches Thema? Heimatfilmmaterial?

Du bist in Tirol geboren und lebst in Wien. Das ist ja nun nicht so ungewöhnlich. Eher überraschend ist, dass du eigentlich Malerei studiert hast – wie kommt man da zum Film?
Das war eigentlich ein Zufall. Ich habe damals in London studiert, dort hat mich eine befreundete Schauspielerin gefragt, ob ich ihr nicht bei ihrem Demoband helfen könne.
Ich habe ihr gesagt, dass ich keine Ahnung von Film habe, doch als ich dann für meinen Zivildienst nach Wien zurück gekommen bin und dort wenig mit meiner freien Zeit anzufangen wusste, habe ich begonnen mich mit einer dieser digitalen Filmkameras zu beschäftigen. In dieser Zeit habe ich dann auch meinen ersten Kurzfilm versucht, eine absurde Szene aus einem Stück von Ionesco. Als ich damit dann auf der Filmakademie genommen wurde, ist mir erst langsam bewusst geworden, wie wenig Film wirklich mit Malerei zu tun hat.

Bleibst du beim Film?
Ich will es auf jeden Fall versuchen.

Was ist Heimat für dich?
Der Begriff Heimat bezeichnet für mich am ehesten das Gegenteil von Fremdheit. Ein Ort und ein Beziehungsgeflecht, mit dem wir unsere frühesten Erlebnisse verbinden, das uns deshalb so vertraut scheint und auf das sich unsere Gefühl von Identität und Realität stützt, auf das wir uns verlassen wollen.

Ist STILLLEBEN ein Heimatfilm? Hat er etwas Österreichisches? Gibt es da eine Verbindung zu deinem Heimatbewusstsein?
Mit dem österreichischen Heimatfilm der 50er und 60er Jahre, der den Begriff der Heimat durch die Lüge einer heilen Welt für sich instrumentalisierte, hat unser Film nicht viel gemein. Diese scheinbar heile Welt, die Idylle der österreichischen Kleinstadt, schien uns aber ein interessanter Kontrast zu dem Innenleben der Figuren unserer Geschichte.
Ich selbst bin in einer solchen Idylle aufgewachsen und ich kenne das Gefühl, bei dem diese Idylle plötzlich zu einem Schreckensbild wird, da sie im Widerspruch zu dem steht, was man fühlt, wie etwa bei Depressionen. Das sind Momente, in denen die gewohnte Ordnung auseinander bricht und das Gefühl einer sicheren Identität in Frage stellt.
So geht es auch den Menschen in der Geschichte unseres Films. Durch die Enthüllung der verheimlichten sexuellen Obsession des Vaters müssen sie die Vergangenheit und die Beziehungen zueinander neu bewerten. Das ist ein durchaus konstruktiver Prozess, was beispielsweise das geschwisterliche Eifersuchtsverhältnis betrifft. Und für die Tochter ist die Entdeckung der väterlichen Obsession sogar erleichternd, denn sie begreift plötzlich, dass die jahrelange Nicht-Liebe, die sie ihr Vater spüren ließ, keine Abneigung war, sondern ein sexuelles Verlangen, das zwischen ihnen stand.

Pädophilie ist ein prekäres Thema, besonders in einem erzkatholischen Land wie Österreich, wo viel hinter verschlossenen Kirchentüren und in Kellern passiert. Wie kommt man als junger Künstler auf dieses Thema?
Inspiration für die Geschichte war ein Projekt an der Berliner Charité, in dem Menschen mit pädosexuellen Neigungen die Möglichkeit zur Therapie geboten wird, bevor sie zu Tätern werden. Was uns daran interessiert hat, war der Umstand, dass es Menschen gibt, die ihre sexuellen Fantasien bezüglich Kindern nicht ausleben wollen, diese Fantasien für sich als Problem sehen und mitunter darunter leiden. Das war uns nicht wirklich bewusst und uns wurde klar, dass wir zwischen der Tat und der Neigung nicht wirklich differenziert haben. Daraus entstand dann die Figur des Vaters, die uns in dramaturgischer Hinsicht sehr spannend schien: ein Mensch, der sich schuldig fühlt und der im ersten Moment von seiner Familie schuldig gesprochen wird, für etwas, das er nicht getan hat.

Wie haben sich die Recherchen gestaltet?
Wir begannen zum Charité-Projekt zu recherchieren und sind dann über Umwege auf Sven, einen jungen Mann gestoßen, der diesen Grundsatz lebt, seine pädophile Neigung nicht ausleben zu wollen. Ihn haben wir parallel zu 'Stillleben' über vier Jahre hinweg in einem filmischen Portrait begleitet. Daraus ist der Dokumentarfilm 'Outing' entstanden.
Sven leidet darunter, dass die Menschen ihn nicht kennen und nichts von ihm wissen. Durch sein Geheimnis bleibt er immer ein Außenseiter, ganz gleich, wen er kennenlernt. In dem Film versucht Sven etwas auszudrücken, von dem er meinte, er müsse es ein Leben lang verstecken. Seine Konfrontation mit sich und seinen Bedürfnissen ist die Aufgabe, der er sich stellen will, um Menschen zu finden, die bereit sind, da mitzugehen, ihn anzuerkennen und sich mit ihm auch auseinander zu setzen. Seien es Therapeuten, Familie oder Freunde.

In deinem Spielfilm führt der Vater ein Doppelleben – einerseits ist er Ehemann und Familienvater, andererseits ergötzt er sich an den nackten Kinderbildern seiner Tochter und spielt mit den Prostituierten Familie. Ist es das Schicksal eines Pädophilen so tun zu müssen als ob, um in das gesellschaftliche Gefüge zu passen? Gibt es die Möglichkeit einer 'Heilung'?
Die Forschung geht heute davon aus, dass diese Neigung sich in der Regel in der Pubertät bildet und ab da bis zum Rest des Lebens bestehen bleibt. Es handelt sich also um ein Bedürfnis, oder, wenn man so will, um eine Störung, die aber wenig über die Wertvorstellungen und das daraus resultierende Verhalten der jeweils Betroffenen aussagt. Das Bedürfnis selbst ist nur eine Facette der Persönlichkeit, sie auszuleben oder nicht ist eine moralische Frage und die Motive, warum jemand ein Gewaltverbrechen begeht, sind komplex und gehen weit über das Bedürfnis hinaus. Dennoch sind wir geneigt, Menschen für diese Fantasien zu verurteilen, sie aus der Gesellschaft auszuschließen und sie mitunter als potentielle Gefahr zu bewerten.
So stellt sich auch für die Familie des Films die Frage, ob dieser Mann zu väterlicher Liebe fähig war, wenn er die ständige Lust verspürt hat mit seinem Kind sexuell zu werden. Genau diese Frage ist auch der jahrelange Konflikt des Vaters, aus dem sein Schuldgefühl resultiert und die Frage nach der Schuld überträgt sich auf die Familie.
Grundsätzlich denke ich, wenn ein pädophiler Mensch den Wunsch hat, Teil dieser Gesellschaft zu bleiben und sich deshalb dafür entscheidet, seine Fantasien nicht auszuleben, sollte er die Möglichkeit haben sich mitzuteilen und wir sollten ihm helfen seine Fantasien nicht in die Tat umzusetzen. Seinetwegen und der Kinder wegen. Wenn wir ihn verurteilen, für das, was er denkt und fühlt, erzielen wir genau das Gegenteil. Sein Ausschluss aus der Gesellschaft würde bedeuten, dass er tatsächlich nichts mehr zu verlieren hat.