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Wie klingt eigentlich Innsbruck

#08 2012 / Alexandra Bröckl

Das Auge kann man verschließen, dem Klanglichen jedoch bleibt man stets ausgesetzt. Einmal dafür sensibilisiert, wird Innsbrucks Klanglandschaft zu einem Erlebnis. Ein kartografischer, klangforschender und künstlerisch-musikalischer Streifzug durch die Soundscapes der Alpenstadt.

Es ist ein gewöhnlicher Wochentag am Innsbrucker Westfriedhof. Gleich hinter dem Klinikareal gelegen könnte man hier, an dem Ort an dem die Verstorbenen ihre letzte Ruhe finden, friedliche Stille erwarten, doch das ist nur im ersten Moment so. Bereits wenige Minuten nach dem Eintreten hinter die schützenden Friedhofsmauern findet eine Anpassung der akustischen Wahrnehmung statt und beim genaueren Hinhören wird plötzlich der leise, aber stetige Grundton der Stadt offenbar. Verkehrslärm in Gestalt von regelmäßigem Rauschen dringt vom Südring und der Autobahn her. Immer wieder ertönt ein Hupen und auch das Dröhnen der Flugzeuge drängt sich in die Geräuschkulisse, die ansonsten von einer menschenfreien Ruhe und Vogelgezwitscher aus den vielen Friedhofsbäumen geprägt ist. Ab und zu unterbrechen knirschende Schritte anderer FriedhofsbesucherInnen die oberflächliche Stille des Friedhofs.

Das World Soundscape Project
Was mit dem Besuch des Westfriedhofs besser hörbar wird, ist der sogenannte Grundton eines Klangraums, der immer da ist, jedoch selten bewusst herausgehört wird. Der kanadische Komponist und Ökologe R. M. Schafer war in den 1960er Jahren einer der Ersten, die sich mit Fragen rund um die klangliche Umwelt beschäftigten. Im Rahmen des von ihm damals initiierten World Soundscape Project, werden Klänge auf der ganzen Welt kartografiert und gesammelt. Neben dem Grundton unterscheidet Schafer noch zwei weitere Klangkategorien. Der Orientierungslaut dient einer bestimmten Gruppe oder einem Kollektiv zur akustischen Bewältigung des Alltags. Als Signaltöne gelten jene Töne, denen wir Aufmerksamkeit schenken, weil sie eine direkte kommunikative Funktion einnehmen. Sie spielen vor allem in urbanen Räumen, etwa im Straßenverkehr, eine große Rolle.

Klangdschungel in der Museumstraße
Bewegt man sich durch die vielbefahrene Museumstraße, begegnet man einer vielschichtigen Klangatmosphäre. Busse und Straßenbahnen durchqueren die Straße ebenso wie Taxis und Privatverkehr. Wir hören die hydraulischen Geräusche der Niederflurbusse, wenn die Türen geöffnet oder die Fahrzeuge heruntergelassen werden, und die Signaltöne der Bustüren: „Piep; Piep; Piep“. Die Niederflur-Straßenbahnen haben einen neuen Klang in die Straße gebracht. Anstelle des ungelenken Rumpelns der alten Garnituren ist ein elektrisches Summen in hoher Tonlage getreten. Der Signalton der neuen Tram – ein aufdringliches Klingeln – ist in etwa derselbe geblieben, so müssen sich die VerkehrsteilnehmerInnen nicht umgewöhnen.
Auch die vielen PassantInnen tragen mit ihren Gesprächen untereinander oder an Telefonen zu einer entsprechenden Geräuschkulisse bei. Aus einigen Geschäften dringen animierende Pop-Sounds als Hintergrundmusik für Einkaufsfreudige auf die Straße. Ab und zu ist auch ein Straßenmusikant zu hören, dessen Melodien durch die schluchtenartige Architektur der Museumstraße nach Ost und West getragen werden, sodass oft, bevor die Augen etwas sehen, die Ohren schon angespielt werden.

Klangforschung in Innsbruck
In vollem Umfang werden diese urbanen Soundscapes und Klangräume erfahrbar, wenn sie von ihrer ursprünglichen räumlichen Erfahrung und der dominierenden visuellen Wahrnehmung entkoppelt gehört werden. Zur Erkundung des akustischen Raums in Innsbruck wurde unlängst von Studentinnen der Europäischen Ethnologie eine Klangkarte gestaltet, durch die die Klang-Textur der Stadt akustisch erfahrbar gemacht wurde. Sie besteht aus Klangaufzeichnungen von verschiedenen Orten der Stadt – etwa der Hofgasse in der Altstadt, dem Café Central oder dem Marktplatz –, die auf einer selbsterstellten Karte verzeichnet wurden. So ermöglicht diese, mittels Klangausschnitten aus dem Innsbrucker Alltag eine bewusstere Wahrnehmung der Soundscapes der Stadt. Die Klangkarte ist im Internet über die Plattform PREZI (siehe Link am Ende des Textes) abrufbar.

Field-Recordings als elektronische Sounds beim Innsbrucker netlabel aut.ark
Aber nicht nur Forscherinnen haben sich daran gemacht die Sounds der Alpenstadt einzufangen, Martin Huber und Lucas Norer vom Kulturverein aut.ark etwa beschäftigten sich auch in künstlerischer Hinsicht mit der Innsbrucker Klanglandschaft. Bereits 2009 wurden im Rahmen von PLAYGROUND – einem performativen Musik- und Kunstfestival – vier Musiker mit Field-Recordern ausgestattet losgeschickt, um Innsbrucks urbane Klänge einzufangen und zu bearbeiten. Die Ergebnisse der musikalischen Interpretationen der Soundscapes der Stadt wurden auf dem Netlabel Autark auf der Playground Compilation veröffentlicht.
Für die Betreiber von aut.ark bieten Fieldrecordings als künstlerisches Mittel die Möglichkeit, wirklich einzigartige Sounds zu verwenden, die so wahrscheinlich nicht reproduzierbar sind und somit etwas sehr Charakteristisches und Originäres haben. Als ZuhörerIn beginne man Klangsituationen aufzuspüren, aktiv hineinzuhören und seinen akustischen Horizont zu erweitern, so Huber und Norer. Ihre Intention war es, einen Fokus auf diese Art des Hörens im städtischen Umfeld zu setzen. Dass ihnen dies gelungen ist, zeigt die Playground Compilation eindrucksvoll, weitere Projekte dieser Art sind bereits in Planung.

Auf dem Weg zum Alpenzoo - alpin-urbane Klangraumschichten
Am Parkplatz und dem Vorplatz zum Alpenzoo tummeln sich Dieselbusse, einparkende Autos, Zoo-BesucherInnen und SpaziergängerInnen. Wenn gleich hinter dem Zoo der Asphalt in einen Kiesweg übergeht, sind neue Geräusche wahrnehmbar, wie das Knirschen der eigenen Schuhe oder der stärker gewordene eigene Atemrhythmus nach der ersten größeren Steigung. Bald wird der Pfad auf die Hungerburg durch seine erdige Beschaffenheit die Schritte dämpfen, dafür stören die vermeintliche Ruhe immer wieder vorbeiziehende SpaziergängerInnen, Wandernde und schnell atmende SportlerInnen. Irgendwann ist man aber doch eingetaucht in die „Natur“ mit Vogelgezwitscher und rauschenden Blättern und so lässt sich auch der brummende Grundton des Inntals an den äußeren Rand der akustischen Wahrnehmung schieben. Auf der Hungerburg angekommen, herrscht dann wieder buntes akustisches Treiben. Der Stadtverkehr hat es ebenfalls auf den Berg geschafft, wo die Seilbahn brummt und vom Restaurant wolke 7 Loungemusik herüberweht.

Den städtischen Charakter teilt sich Innsbruck also immer noch mit der Nähe zu Natur und Berglandschaft, aber auch umgekehrt wachsen die urbanen Strukturen immer weiter in die ländliche Umgebung Innsbrucks hinein. Somit wird überall hörbar, was schon lange vor der neuen Marketing-Schiene der Stadt, die nun mit der sogenannten „alpin-urbanen Ästhetik“ Innsbrucks wirbt, in der Klangtextur der Stadt zu finden war: die gleichzeitige Präsenz von Ländlichkeit und Urbanität. Gerade diese Besonderheit macht für viele BewohnerInnen auch den Reiz Innsbrucks aus. Wir schmunzeln also nur über den geschwollenen Marketingduktus, weil wir Innsbruck schon lange so lieben wie es sich anhört: wie ein auditiver Schmelztiegel zwischen Stadtklängen und Alpenrauschen, dessen Sound ein ganz spezieller ist.