Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Traum von einem linken Bergsteigen

X: Ich komme jetzt in so ein Alter, weißt du ...
Y: Du bist gerade erst sechsundzwanzig geworden.
X: … und da fällt mir auf, dass sich einiges verändert in meinem Bekannten- und Freundeskreis. Natürlich gibt es da Kinder und Hochzeiten und Eigentumswohnungen. Und die echten Freundinnen und Freunde werden auch immer weniger. Aber vor allem: Die fangen jetzt alle damit an, wie verrückt auf die Berge zu steigen!
Y: Ich kann erst seit Kurzem die Nordkette identifizieren. Und weißt du, es hat mein Leben überhaupt nicht verändert.
X: Ich verstehe die ja auch. Wenn du tatsächlich beschließt, nicht aus Tirol auszuwandern, also ich meine, wenn du wirklich dein Leben lang hier bleibst, dann macht das doch nur Sinn, wenn du auf die Berge steigst.
Y: Ich kenne auch ein Restaurant in der Altstadt. Da kann man auch hingehen.
X: Das Interessante dabei ist aber die Inszenierung. Diese Flut an Bergfotos bei Facebook. Die haben dann zum Beispiel die Nordkette als Titelbild und ich frage mich, welche Sehnsüchte da zum Ausdruck gebracht werden. Mit sechzehn River Phoenix, mit dreißig der Glungezer. Wieso will man denn in seinem eigenen Klischee leben?
Y: Aber das hat mir kein Mensch geglaubt! Kein einziger. Die dachten, das sei Koketterie.
X: Was?
Y: Die Nordkette! Dass ich nicht wusste, wo diese Nordkette ist! Ich hab das auch schon wieder vergessen. Diese Ketten schauen alle gleich aus, weißt du.
X: Leistungsprinzip und Körperkult.
Y: Unlängst wollte ich jemanden in Natters treffen, bin aber nach Igls gefahren und dachte mir: jetzt nur noch schnell nach rechts. So war’s auf Google Maps eingezeichnet. Aber dann musste ich schließlich eine Dreizehnjährige nach dem Weg fragen und die hat mich mit großen Augen angesehen und gesagt: „Da bist du ja gaaanz falsch! Das ist am anderen Berg.“ Am anderen Berg! Darauf wäre ich nie gekommen. Da ist eine Schlucht dazwischen!
X: Welcher Berg?
Y: Noch schlimmer ist es mit Tälern. Lechtal, Ötztal, Zillertal ... keine Ahnung.
X: Das Zillertal sehe ich immer in der Sportschau! Die machen Werbung in deutschen Bundesligastadien.
Y: Der Begriff Tal ist für mich völlig bedeutungslos. Leer. Der steht da so vor mir und ich blicke durch ihn durch wie durch ein Gespenst. Bei den Bergen ist das genauso. Deshalb muss ich auch nicht auswandern.
X: Warte nur, bis du dreißig bist.
Y: Sechsundzwanzig! Du bist sechs – und – zwanzig! Und keiner deiner Freunde hat eine Eigentumswohnung!
X: Weil ich nämlich keine Freunde mehr habe! Ich habe unlängst ein Interview mit Kathrin Passig gesehen und sie sagte, dass diese Menschen, die meine Freunde sind und von denen ich bisher dachte, dass sie in allen wesentlichen Fragen des Lebens meiner Meinung sind, tatsächlich nur in relativ wenigen Punkten meiner Meinung sind.
Das zeigt mir das Internet. In sozialen Netzwerken nämlich kann man Leuten dabei zusehen, wie sie sich so verhalten, als wäre man selbst nicht dabei. Sie fühlen sich nicht unbeobachtet, kommunizieren aber anders als beim Smalltalk an der Straßenecke. Die liken dann auch mal eine Anti-Abtreibungsdemo.
Y: Oder Amazon.
X: Die lachen auf ihren Gipfelfotos und da höre ich sofort Philip Glass. Es muss doch ein Bergsteigen geben, das ohne diese Reproduktion auskommt. Es kann doch nicht jeder Sonntagsspaziergang zum Ausflug in die Tirol Werbung mutieren. Man muss die Berge entmythologisieren!
Y: Aber schön sind sie schon.
X: Ich träume von einem linken Bergsteigen.
Y: Bitte wie?
X: Im Roland Barthes’schen Sinne natürlich.
Y: Natürlich.
X: Barthes sagt ja, es kann keinen linken Mythos geben. Hör zu: „Wenn ich Holzfäller bin und auf den Baum zu sprechen komme, den ich fälle, dann spreche ich den Baum, ich spreche nicht über den Baum.“
Y: … dann spreche ich den Baum? Wie die in Twin Peaks.
X: Das ist eine politische Sprache, verstehst du? Sie präsentiert einem die Natur nur, insoweit man sie verändert. Es ist die Sprache des produktiven Menschen, der spricht, um das Reale zu verändern und nicht, um es als Bild zu bewahren! Und das muss doch mit den Bergen auch irgendwie funktionieren! Der Holzfäller wirkt handelnd auf das Objekt ein, also auf den Baum, und dieser Baum ist deshalb kein Bild für ihn, sondern der Sinn seiner Handlung. Wenn ich allerdings kein Holzfäller bin, kann ich den Baum nicht mehr sprechen, nur mehr über ihn, ich behandle nicht das Ding, sondern dessen Namen. Aber heißt das jetzt, dass ich bei der Bergrettung arbeiten muss, nur um dem Mythos der Alpen zu entkommen?
Y: Kann ich bitte den Baum sprechen?
X: Es geht hier um Objekt- und Metasprache, verdammt!
Y: Tut mir leid, der Baum hat gerade Mittagspause.
X: Ach, du bist so ...



Siehe auch:
Roland Barthes: Mythen des Alltags. Suhrkamp 1964.
ISBN 978-3518100929.
Kathrin Passig: Das Internet jenseits üblicher Projektionen.
YouTube (veröffentlicht am 04.09.2012 von Stifterverband).