Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Von Ahornschnecken und Schlangenbögen

#09 2012 / Maria Markt

Wer sich eine Geige ganz genau anschaut, entdeckt die dünne Fuge in der Mitte des Körpers. Sie bildet den Übergang zwischen den zwei symmetrischen Teilen der Oberseite, die aus ein und demselben Stück Holz geschnitten sind. Die Streichinstrumentenbauerin Claudia Unterkofler trägt solche dreieckigen Holzstücke aus ihrem Lager in die kleine, tageslichthelle Werkstatt, wo neue Geigen auf den letzten Schliff und reparaturbedürftige Instrumente auf eine Auffrischung warten. Sie erklärt die Entstehung einer Geige mit jener Genauigkeit und Liebe zum Detail, die für dieses Handwerk notwendig sind: Dass zum Beispiel die Oberseite immer aus Fichte, und Boden, Zargen und Schnecke meist aus Ahornholz oder Pappel gemacht werden. Wie die Wölbung der Flächen Einfluss auf die Akustik nimmt und dass wir es mit Schubwirkung und Statik zu tun haben. Oder dass die Jahresringe des Holzes in Längsrichtung laufen, weil das dem Klangkörper mehr Stabilität gibt.
Die gebürtige Telferin Claudia Unterkofler absolvierte ihre Ausbildung zur Instrumentenbauerin im Herkunftsland von Stradivari, Amati, Guarnieri – in Italien. Neun Jahre lang studierte sie in Schulen in Parma, Cremona und Padua, bevor sie sich nach der Meisterprüfung 2009 selbständig machte. In der italienischen und in der Tradition des berühmten Tiroler Geigenbauers Jakob Stainer baut und repariert sie Geigen, Bratschen, Celli, Bögen und Barockstreichinstrumente in ihrer Werkstatt in der Innsbrucker Karmelitergasse. Sie ist damit eine von zwei Frauen, die das Handwerk in Tirol ausüben. Am liebsten arbeite sie mit dem Holz der Haselfichte aus dem Pitztal, erzählt Claudia Unterkofler, denn das sei ein hervorragendes „Klangholz“. Für die Bögen hingegen braucht es hartes Material wie Schlangen- oder Eisenholz aus Afrika. Aber nicht nur die Akustik macht eine Geige aus, auch eine unverwechselbare Ausführung gehören zu einem guten Instrument. Industrielle Fertigung gibt es natürlich auch bei Musikinstrumenten, den Wunsch nach langlebigen und handgemachten Unikaten mit eigenem Charakter werde es aber immer geben, meint die Geigenbauerin. Am Eingang zur Werkstätte entdecken BesucherInnen auch gleich das aktuelle Schaustück: Eine Gambe mit Intarsien und einem geschnitzten Kopf als Abschluss des Griffbretts lässt das handwerkliche Gespür erahnen, das hinter dieser kleinteiligen Arbeit steckt.
Im Gegensatz zu anderen, teils gefährdeten alten Handwerken ist der Instrumentenbau „eine lebendige Arbeit, denn Musik, ob alt oder neu, wird uns immer berühren und ist Teil unserer Kultur. Der ganz eigene Klang eines Holzinstrumentes samt seinen Obertönen und Bässen kann digital einfach nicht generiert werden. Deshalb werden richtige Instrumente zum Glück auch nie überflüssig“, lacht Claudia Unterkofler, während sie eine gerade fertig gewordene Geige behutsam für ihren ersten Auftritt poliert.