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MOLEcafé

CENTER COURT - Wilanders erster Aufschlag

#09 2012 / John Lendl

Der Mole Fortsetzungsroman - Teil 1

Es war ein Tag im Juli, als Mats Weiler, genannt Wilander, das erlebte, was man Wechselbad der Gefühle nennt. Es war sehr passend, dass er sich dabei in einem Freibad aufhielt. Es begann mit einer Erfahrung von Glück:
Das Thermometer zeigte 33 Grad an, Mats zeigte einem Kind an, dass es nicht vom Beckenrand zu springen hatte. Gegen jede Erwartung gehorchte das Kind. Wilander fühlte Souveränität. Funken sprühten aus jedem wehenden Grashalm, mischten sich mit den Kinderschreien, in denen sich Sonnenlicht brach. Ein Schwimmbad war ein riesenhafter Generator schillernder Details. Und Mats dankte still dem Schicksal, dass er dieses Paradies mitbewohnen durfte, ja, ihm als Bademeister sogar vorstand und es lenkte. Machtphantasien erleichterten ihm den Kopf. Mats befand, dass dies gerade eben einer jener Momente erhabener Schönheit sein musste, wenn der Mensch von einer umfassenden Liebe und Bewunderung für die Welt um ihn ergriffen wird. (Einer jener Momente, in denen der Mensch die Wirkungen des Biers aus Oswalds Badebistro voll erfuhr.)
Mats atmete aus. In einem langen, konzentrierten Strom. Seine Schultern senkten sich, die Geräusche um ihn her wurden aus seinem Körper geweht.
Nichts war mehr da, nur die Schönheit der Szenerie.
Er ließ den Blick schweifen, wie ein Dirigent kurz vor dem ersten Einsatz. Und überall waren sie, die Virtuosen in seinem lautlosen Konzert: Mats sah die Sehnen in einem gertigen Arm arbeiten, mehrere Pumpstöße erfolgten, feine Wassertropfen schossen aus einer Zerstäuberflasche, rieselnde Wolken trafen auf eine dunkelbraun gebräunte Wade – gegerbtes Fleisch, die Oberfläche bestäubter Orangen im Supermarktregal. Unansehnlich, doch auf morbide Weise faszinierend. Sein Blick schweifte, Kinder plantschten, ihre Gischt trieb mit Wilanders Blick zum Beckeneinstieg. Neu erwachende Brüste glitten dort aus dem Schaum, Mats folgte den Tropfen, die überall an diesem schönen Körper Halt zu finden suchten und schließlich doch zurückbleiben mussten, um einer im anderen zu ertrinken. Hände fuhren hoch, um auch das letzte Wasser aus dem Oberteil zu drücken. Mats sah dünne Rinnsale herunterfallen wie Tränen. Er verbot sich selbst ein kleines, verhaltenes Seufzen. (Denn vor seinem inneren Auge, gleichsam hinter seinen Sonnenbrillen, da sah er noch ganz andere Brüste, jene der Kassendame, Irma, und erinnerte sich, wie sie ihm jeden Tag vielsagend zuzwinkerte.)
Erneut atmete er langsam und bewusst ein. Und fragte sich dabei, wie lange der Moment wohl dauern konnte, ohne dass sein Glück im Morast der Realität ertrinken würde. Er zählte die Sekunden.
Er kam bis 24. Dann stand der kleine Kevin da. Und er hatte seine Mami verloren.
Wilander dachte, dass kleine Kevins immer ihre Mami verloren, vor allem im falschen Moment. (Und dazu wohl aus voller Absicht, was wahrscheinlich das wahrhaftigste Symptom des Kevinismus darstellte.) Doch hier in diesem Moment bedeutete Kevin auch einen Vorwand, um an Irmas Kasse den eigenen Charme sprühen zu lassen.
Dann aber ging alles sehr schnell.
Wilander führte das Kind zu den Kassen und wechselte dabei im Wechselbad der Gefühle unbemerkt in ein anderes Becken. An seiner Hand zappelte der kleine Kevin. Sie bogen um die Ecke, das Kassenhäuschen kam ins Blickfeld und neben sich hörte Wilander das Geräusch des 1-Meter-Sprungbretts. Jemand sprang darauf, schien sich aber nie davon zu lösen. Immer wieder kam der Springer zurück. Und mit jedem Mal wurde der Ton lauter.
In Wilanders rechtem Ohr donnerte es, als läge sein Kopf selbst auf der Planke.
Er musste an Kriegstrommeln denken. Das war verstörend. Es fröstelte ihn. Irgendetwas geschah mit ihm. Im Nachhinein dachte er: Ihn befiel eine unbestimmte Furcht. Im anderen Ohr ging eine Sirene an. Und das beidseitige Dröhnen mischte sich zu einem Alarmton eines nahenden Unheils. Erneut verlor Wilander die Hand des kleinen Kevin.
Als er nachfassen wollte, fuhr seine Hand ins Leere. Bumm-Bumm, ging das Brett, das Blut in Wilanders Ohren folgte im Takt, er riss den Kopf herum, suchte nach dem kleinen Kevin, konnte ihn aber nirgends entdecken.
Und warum nicht? Die Antwort auf die Frage erschien Wilander so bestürzend einfach, dass er auf eine kindische Weise kichern musste: Weil um ihn herum nichts mehr zu sehen war. Alles war schwarz. Nur sich selbst konnte er noch deutlich erkennen. Bumm-Bumm.
Wilander taumelte, drehte sich nach dem Geräusch um. Wie eine Wasserblase platzte in der Ferne das Sprungbrett aus der Dunkelheit. Eine Schwimmerin in einer leuchtend roten Badehaube federte auf und ab, holte mit angezogenem Bein immer wieder Schwung. Plötzlich war auch das Becken wieder da, tiefblau und leer, jedoch hunderte Meter von dem Sprungbrett entfernt. Die Menge (Wilander akzeptierte, dass nun auch eine Menschenmenge aufgetaucht war), die Menge also, feuerte die Springerin an. Wilander sah frenetisch jubelnde, blutige Münder, zerfallende, lachende Wangen, Hände, die abgerissene Arme hielten und mit ihnen applaudierten – eine Zombie-Armee, wie Wilander trocken konstatierte, die lautstark johlend die Springerin willkommen hieß. Oswald vom Badebistro ging mit einem Bauchladen durch die Reihen und verkaufte Bier.
Die Menge tobte sich in ein jauchzendes Crescendo, an dessen Höhepunkt sich die Schwimmerin nun endlich vom Brett löste. Sie beschrieb eine graziöse Kurve durch die Luft. Bezaubert sah Wilander ihr nach. Im Flug drehte sie sich und winkte ihm zu. Er war so verdattert, dass ihm nichts einfiel als schwach zurückzuwinken. Und erst im letzten Viertel der Flugbahn erkannte Wilander, dass es sich bei der Schwimmerin um Irma handelte. Und dann waren seine Gedanken irgendwie so, wie der Aufschlag der Badehaube auf den Betongussplatten, die den Beckenrand säumten. Bumm.
Ein Quengeln an seiner Hand riss ihn wieder zurück. Kevin quengelte. Was hatte Wilander nur gerade erlebt? Er schüttelte den Kopf. Doch als ihm klar wurde, dass dort am Beckenrand tatsächlich eine Menschenmenge zusammenstand, da wurde ihm plötzlich etwas mulmig zumute.