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MOLEcafé

Künstlerische Auswüchse: Kunstkollektiv Wildwuchs

#09 2012 / Christoph Tauber

Rund um das Absamer Künstlerehepaar Richter schließen sich in loser und wechselnder Zusammensetzung KünstlerInnen für Kunstprojekte zusammen. Das Motto dieses Jahres: Zwischenstation Sehnsucht.

Ein heißer Sommerabend im Juni. Vor der kleinen Galerie KOOIO im Innsbrucker Stadtteil Mariahilf stehen knapp ein Dutzend Menschen mitten auf dem Gehsteig und sehen beim Schaufenster hinein. Durch die offene Tür dröhnen wimmernde Bässe, vibrierende Seiten einer E-Gitarre erzeugen einen tranceartigen Sound. Der Musiker und DJ Andi Stecher zupft an seiner Gitarre herum und dreht andauernd an den Reglern des Mischpultes. Sehnsuchtsmusik, wie sie in der Ankündigung genannt wurde, leitet die Vernissage des Künstlerkollektivs Wildwuchs ein. Thema der Ausstellung und gleichzeitig Jahresmotto ist Zwischenstation Sehnsucht.
Das Stecher’sche Drehen und Zupfen hätte für einen zufällig Vorbeikommenden wie ein Soundcheck eines Gitarristen ausgesehen, der versucht, den richtigen Ton zu finden, für die Anwesenden hat es jedoch das Bild von der Sehnsucht hörbar gemacht. Genauso experimentell wie die Musik von Stecher ist die Kunst des Kollektivs Wildwuchs – eine heterogene, wild zusammengewürfelte Gruppe von Tiroler KünstlerInnen rund um das Künstlerehepaar Gerlinde und Werner F. Richter. Einziges verbindendes Element der Gruppe ist die persönliche Freundschaft der KünstlerInnen mit dem Paar, denn obwohl beide sich auf dieselbe Ebene stellen mit den anderen KünstlerInnen, ist es spürbar, dass ohne deren Initiative Ausstellungen wie Zwischenstation Sehnsucht nicht möglich wären. Viel Arbeit bleibt an ihnen hängen, doch nur ab und an spürt man in den Worten von Werner F. Richter eine Spur Unmut darüber. Verschiedenste KünstlerInnen haben versucht, ihr Bild von Sehnsucht greifbar zu machen, mehr oder weniger ansprechend. Manchmal jedoch bleibt es eine Aufladung von Gegenständen mit Sinn, zum Beispiel wenn gegen Ende der Vernissage ein Künstler mit zwei Federn kommt und diese an die Wand heftet. Es wirkt wie eine Notlösung, eine Reproduktion der Stereotype und Metaphern, die mit dem Wort Sehnsucht verbunden werden.

 Ziel: Kunst unter Menschen bringen. Im Sinne des erweiterten Kunstbegriffes von Joseph Beuys ist das Ziel des Kunstkollektivs, Kunst in den öffentlichen Raum zu bringen, an ungewöhnliche Orte und unter die Menschen. Einen ungewöhnlichen Ort haben sich die Wildwuchs-Gründer für die diesjährige Kunstwoche ausgesucht, und zwar das Bio-Hotel Grafenast am Pillberg. Dort treffen sich, gerade zum Erscheinungstermin dieser MOLE-Ausgabe, verschiedene Künstler-Innen wie Ursula Beiler, Nora Schöpfer, das Künstlerehepaar Richter oder Doris Knapp und Otto und Marianne Süßbauer. Das Thema dort ist dasselbe: Zwischenstation Sehnsucht. Die malerische Landschaft mit Blick Richtung Inntal hoch oben am Berg soll, wie Werner F. Richter betont, für die nötigen Sehnsuchtsgefühle bei den KünstlerInnen sorgen, die in dieser Woche am Pillberg leben und arbeiten. Zugänglich ist das Kunst-Symposium für alle. „Unser Bestreben ist es, die Kunst nach außen zu tragen und vom Sockel herunterzuholen“, fasst Werner F. Richter die Konzeption von Wildwuchs zusammen. Die Auseinandersetzung mit Kunst und mit den künstlerischen Werken soll für jedeN möglich sein, ganz ohne Erklärungen können auch die Kunstobjekte von Wildwuchs nicht auskommen und da bleibt noch viel zu tun.
Diejenigen, die das einwöchige Kunstsymposium verpasst haben oder einfach den Weg zum Pillberg nicht gefunden haben, haben Mitte Oktober die Gelegenheit, in der Schwazer Galerie Unterlechner die Ergebnisse dieser Woche zu sehen. Das Künstlerpaar Richter, das im Absamer Schloss Melans lebt und arbeitet, ist nun schon seit mehr als 30 Jahren künstlerisch tätig, seit Anfang der Nullerjahre mit dem Kunstkollektiv Wildwuchs. Und es wird nicht die letzte Station künstlerischen Schaffens des kreativen Paares sein.