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Spekulation und Orakel oder Mut zur Fiktion

#09 2012 / Christian Hoffelner

Spekulation ist in Zeiten instabiler Finanzmärkte und Immobilienblasen vornehmlich negativ konnotiert. In Kunst und Gestaltung eröffnen sich durch den Gebrauch spekulativer Methoden hingegen produktive Möglichkeiten – über bemerkenswerte Objekte und nahezu okkulte Rituale.

Die Anwendung eines Orakels kann man sich so vorstellen: John Cage benutzte beispielsweise das Buch I Ging für seine Arbeit. Das 3000 Jahre alte chinesische Orakel-Buch funktioniert, indem drei Münzen sechsmal geworfen werden. Das Ergebnis entspricht einem Zeichen im Buch, das auf einen Orakelspruch verweist. Cage ersetzte die Orakelsprüche durch Noten und eignete sich so eine entpersonalisierte Kompositionsweise an, die u.a. im Stück Music Of Changes zu hören ist.*
Auch das uns aus der griechischen Mythologie bekannte Orakel von Delphi ähnelt der Funktionsweise des Buches. Die ärmere Bevölkerung, die sich individuelle Weissagungen eines personifizierten Mediums nicht leisten konnte, konnte ein Binär-Orakel befragen. Indem aus einem Behälter weiße und schwarze Bohnen gezogen wurden, antwortete das Orakel mit Ja oder Nein. Über die kulturellen Auswirkungen solch okkulter Rituale kann man sich bis heute den Kopf zerbrechen. Über den Wahrheitsgehalt der Ergebnisse umso mehr. Erstaunlich ist allemal, dass es Objekten bzw. Systemen gelingt, gewisse Formen von Wissen, Glauben, aber auch Produktionsweisen hervorzubringen.
Im Mikrokosmos des Internets, der mit abertausenden von subjektiven Beiträgen aufgefüllt ist, passiert im Grunde Ähnliches, natürlich in weitaus komplexerem Ausmaß. Das Internet als Wissensspeicher und Anlaufstelle für unzählige Fragestellungen polarisiert. Wissenschaftliche Arbeitsweisen stehen gefährlichem Halbwissen aus dem Netz befremdlich gegenüber. Recherchen in der Suchmaschine Google etwa oder dem Online-Lexikon Wikipedia werden im akademischen Kontext skeptisch verfolgt. In manch angewandten Disziplinen sind Anwendungen wie diese feste Bestandteile alltäglicher Arbeitsweisen geworden. Bei Einträgen, die während ihrer raschen Rezeption nicht immer auf ihre Richtigkeit geprüft werden, bei Maximen wie „Trial and Error“ oder „Do it yourself“, wird bei Wissen aus dem Netz oft schnell an Vorgefundenes angeknüpft. Auf diese Weise wird fremdes Material in das eigene eingearbeitet und neu interpretiert, auch wenn es sich bei einem Suchergebnis lediglich um eine Vermutung gehandelt hat. Unsere Gadgets eröffnen uns als personalisierte Gedankencontainer den Zugang zu jenem kollektiven Gedächtnis, das wir durch sie anzufassen und einzuschätzen gelernt haben. Ihre aktiven Dimensionen und ihr permanentes Produzieren erschließen sich uns erst auf den zweiten Blick. Während wir die Geräte gebrauchen, sind unsere Sinne zugleich fokusiert und betäubt.
Bei Verkaufsplattformen im Netz werde ich z.B. relativ pauschal einer Zielgruppe eingegliedert: egozentrisch, ohne Halt noch Hoffnung, irgendwo zwischen Boheme und Hipstertum. Schlaue Händler-Portale bieten mir so ihre auf mich zugeschnittene, selektierte Ware feil; im Fachjargon: „Behavioral Targeting“ – verhaltensbasierte Zielgruppenansprache. Und das alles, weil ich diese raffinierten, technischen Geräte gebrauche und spekulative Systeme mit Daten füttere. Das statistische Prognoseverfahren errechnet mithilfe von Algorithmen den Rest. Die Kraft und Faszination, so wie die orakelähnlichen Eigenschaften des Werkzeugs, sind dabei unübersehbar.
Dennoch glaube ich noch an andersartige Schätze hinter den glänzenden Displays unserer eloxierten Begleiter. Absurderweise denke ich des Öfteren über die Frage nach, die ich anstelle eines Suchbegriffs bei Google eingeben könnte, um den Gradmesser zeitgenössischer Relevanz vollends auszuquetschen. Am Boden der Tatsachen geht es jedoch meist schneller: Douglas Adams, Enter, Wikipedia, The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy – und der Zug fährt. Die Gedächtnislücke nach der Frage der Fragen bleibt bestehen: „Nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.“ Dieser Satz stammt aus dem Buch des britischen Schriftstellers, in dem alltägliche Sehnsüchte auf Science-Fiction treffen. Teil der Geschichte ist der Planet Magrathea. Dort steht ein Supercomputer, der über eine Rechenzeit von siebeneinhalb Millionen Jahren die ultimative Antwort des Universums errechnet hatte: 42. Verstört und unzufrieden über das weniger aufschlussreiche Resultat des Computers, dreht es sich im Buch nun um die eigentliche Frage, die diese Antwort hervorgebracht hat. Nur wer die Fragestellung kennt, versteht die 42. Mit unseren Geräten verhält es sich ähnlich. Doch Supercomputer klingen noch anders: enorm anziehend und verheißungsvoll.
In der Philosophie spricht man seit einiger Zeit vom „Speculative Realism“, der eine Rückkehr zum Ding an sich vollzieht, und mit einer langen philosophischen Tradition, die die Realität vom Subjekt her denkt, bricht. Ein zentraler Gedanke Quentin Meillasouxs, einem der Hauptakteure in diesem Feld, ist, dass es Realität unabhängig von einem erkennenden Subjekt geben kann. Der Transfer dieser Theorien – u.a. auch von Graham Harman, Ray Brassier und Iain Hamilton Grant – in die Kunstproduktion, lässt sich bereits als erfolgreich einstufen.
Spekulation im alltagssprachlichen Sinn, einer unbewiesenen Hypothese nachzugehen, ist jedem gestalterisch tätigen Menschen vertraut. Orakel, Wagnisse und nicht epistemologisch festgenagelte Theorien im kulturell-produktiven Sinn wirken so auf mich sehr inspirierend.
Warum also sollten wir uns, in Zeiten kollektiven Geistes, nicht auf eine Gratwanderung zwischen Spekulation und Erfahrung einlassen und unerklärliche, absurde oder metaphysische Methoden in unsere Arbeitsprozesse aufnehmen? Ich denke dabei an Konzepte von John Cage, Mechanismen aus dem Netz und natürlich an den Supercomputer Deep Thought, aus dem besagten Roman von Douglas Adams, der allwissende, spekulative Fähigkeiten vergegenständlicht. „But first, are you experienced? Have you ever been experienced? Well, I have.“


Empfehlungen:
Tobias Huber (Hrsg.): Realismus Jetzt. Merveverlag, angekündigt für Okt. 2012 ISBN: 978-3-88396-285-6

* Oe1 – Diagonal, Hundert Jahre John Cage.
Acht mal acht Fragmente. Präsentation: Johann Kneihs, Samstag, 1. September 2012, 17:05 Uhr.
** Are You Experienced, The Jimi Hendrix Experience, MCA, London 1967.