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»Der Wille zur Internationalität ist total provinziell«

Über ausufernde Städte, Visionen für den urbanen Raum und Provinzialismus. Lotte Schreiber, Regisseurin des Dokumentarfilms Tlatelolco über ein Wohnbauviertel in Mexiko, und Arno Ritter, Leiter des aut. architektur und tirol und Kommissär des österreichischen Pavillons der diesjährigen Architekturbiennale Venedig, sprachen mit Evelin Stark und David Schreyer.

Welche Stadt ist euch im Moment die liebste?
Lotte Schreiber: Ich glaube, die Stadt gibt es für mich nicht. Die wäre aus vielen unterschiedlichen Städten zusammengesetzt. Es wäre zum Beispiel eine Mischung aus Wien und Mexico City. Wien hat viele Dinge, die Mexico City fehlen und umgekehrt. Die beiden Städte könnte ich mal nennen.

Was hat denn Mexico City, was Wien nicht hat?
LS: Etwas, das man vielleicht als „aktives Leben im öffentlichen Raum“ umschreiben könnte. Das, was Wien versucht zu organisieren und zu implementieren, das geschieht in einer Stadt wie Mexico City ganz einfach, ganz von allein.
Arno Ritter: Mir gefallen Städte immer dort, wo sie nicht in ihrem eigenen touristischen Klischee stecken bleiben. Vor allem liebe ich jene Zonen, in denen die Städte ausfransen, nicht wirklich geplant werden, sondern einfach sind bzw. zivilgesellschaftlich organisiert werden. Vielleicht, Lotte, ist es das, was du mit Mexiko City verbindest: in Österreich organisiert man Leben, dort lebt man es einfach, oft auch halblegal.
Ist für das Leben in der Stadt denn überhaupt noch Raum? Sieht man sich Stadtvisionen an wie London 2012, Formel 1 Stadtkurs in Shanghai ... gibt es denn noch Raum für Stadtentwicklung, die sich mit spannenden Dingen für das tägliche Leben auseinandersetzt?
AR: Man muss unterscheiden zwischen offiziellen Prestigeprojekten, die aus der politischen und stadtplanerischen Perspektive oder von Investorenseite als die Zukunft der Stadt deklariert werden, und informellen Stadtmodellen. Zudem muss man unterscheiden zwischen offizieller Stadtplanung und den daneben subkutan selbstorganisierten Stadtentwicklungen. Das sind zwei Spannungspole. Paris lebt zwar vom Eiffelturm, es lebt aber auch von seiner Subkultur, seinen informellen Räumen und Zonen.

Auch in Mexico City gab es 1968 Olympische Spiele – wie hat sich Mexico City zu dieser Zeit präsentiert?
LS: Tlatelolco, dieser große Stadtteil, war Teil eines Stadtentwicklungsprojektes, das im Vorfeld der Olympischen Spiele geplant worden ist. Es war zum Großteil unbesiedeltes Gebiet, hie und da Slums, die sich dort um diesen Gürtel entwickelt haben. Es ist ein Stadtteil, der ursprünglich ein sehr visionäres Potenzial hatte. Architekt Mario Pani wollte ja die Durchmischung dieser Stadt in der Stadt mit einem Finanzierungsmodell realisieren, das für die damalige Zeit eine absolutes Novum war. Etwas, das ich bis heute vermisse. Das hat so natürlich nicht funktioniert, auch weil die Unterstützung von politischer Seite gefehlt hat, und weil auch sehr viel an Infrastruktur nicht umgesetzt worden ist.

Was blieb von Panis idealistischen Ansätzen?
LS: Meiner Meinung nach funktioniert Tlatelolco heute sehr gut – auch, weil die MexikanerInnen sehr erfinderisch sind. Wenn sie kein Geschäftslokal bekommen, setzen sie sich mit ihrem Bauchladen auf die Straße.
AR: Jede Stadt hat ihre Identität historisch aus der Reaktion der Bevölkerung auf die Topografie, das Klima, die ökonomischen und sozialen Verhältnisse entwickelt.
Daraus entstand eine Art „genius loci“, ein spezifischer Charakter, der den sichtbaren und spürbaren Unterschied zwischen Barcelona und Berlin ausmacht. Heute ist das Thema „Wie-baue-ich-weiter“ an diesem Charakter etwas verloren gegangen. Aber eine wesentliche Frage ist: Kann man die unterschiedlichen Städte weiterbauen und vor allem wie? Diese Diskussion fände ich spannend. Warum orientiert man sich nicht mehr an der Banalität des Alltags, denn der Alltag hat immer versucht, Probleme zu lösen. So auch in Innsbruck. Der Balkon ist für Innsbruck eigentlich nicht sinnvoll, wegen des Klimas. Deshalb entstand in gewissen Klimaregionen – Nordspanien, Oberitalien und eben auch in Innsbruck – die Loggia. Das ist eine intelligente Reaktion auf die örtliche Situation, die man vorfindet. Aber heute baut man immer wieder Balkone, die meist eh nicht zu gebrauchen sind ...
LS: ... der klassische Besenkammerlbalkon ...
AR: ... deshalb bin ich so skeptisch dem so genannten internationalen Diskurs gegenüber. Weil sich der Diskurs von dem, worum es geht, oft entfremdet. Ich merke es bei den Architekturstudenten. Sie haben zwar ein hohes internationales Fachwissen, aber die alltäglichen Dinge vor der Haustüre haben sie sich nicht einmal angesehen.
Ich sag jetzt mal ganz zynisch: „Es gibt ein provinzielles Denken in der Architektur, nämliche sichtbar international sein zu wollen.“ Der angestrengte Wille zur Internationalität ist zumeist sehr provinziell, denn dahinter steckt oft ein latentes Minderwertigkeitsgefühl.

Das Phänomen der Gentrifizierung ist ein aktuelles Thema?
LS: Da muss man total aufpassen. Kreativpotential entdeckt ein Viertel, die Mieten sind günstig, hoher Ausländeranteil, es interessiert niemanden, dort zu leben.
Leute mit wenig Budget, dafür aber umso mehr kreativem Geist werten den Stadtteil auf. Irgendwann kann man sich dort keine Wohnung mehr leisten. Schon gar nicht als Student oder Künstler. Leider ist das oft so, das kann man in sehr, sehr vielen Städten beobachten.
AR: Diese Art von Generierung von Identität über den Missbrauch von Mensch und Kreativität geht mir unheimlich auf den Nerv.
LS: Da kenne ich ein Werbebanner zum Verkauf von Luxuswohnungen im ersten Wiener Gemeindebezirk. Eine schicke, sexistisch dargestellte Lady, und dann steht da: „You don’t have to live in these apartments to love Vienna. Owning them will do.“ Das ist so zynisch, so pervers. Aber es ist ehrlich.
AR: Man kann die Umcodierung von Stadt sehr gut am Beispiel von Dachgeschosswohnungen erklären. Die oberste Ebene war die Spitzweg-Ebene, dort haben ursprünglich die armen Leute gewohnt, wie Künstler und Schriftsteller. Heute wird die oberste Ebene nur noch der obersten Schicht zugeordnet. Diese Umcodierung von Stadt, von Ebenen, von Beziehungen vom privaten zum öffentlichen Raum, hat sich weithin druchgesetzt. Die oberste Ebene wurde zur privatisierten Ebene – mit exklusiver Schrebergartenidylle.

Während Schrebergärten sozusagen von den Bahngleisen hinauf in die Obergeschosse ziehen, siedeln sich Einkaufszentren an den Bahngleisen, in den neu gestalteten Bahnhöfen, an.
LS: Ich will keine kommerzialisierte Stadt! Die Stadt als Gesellschaftsmodell – warum wurde das von Hochglanz und Kapital abgelöst? Heute ist jede Stadt austauschbar, weil sie von denselben Handelsketten besetzt und gestaltet wird.
AR: An neu gestalteten Bahnhöfen und Flughäfen kann man erkennen, dass diese nicht funktionell im Sinne des Kunden, sondern im Sinne der Wirtschaft geplant sind. Alle Wege in diesen Bauten werden so angelegt, dass man als Reisender an möglichst vielen Shops vorbei kommt und nicht so schnell wie möglich zum Zug oder zum Flugzeug.
In den 60er und 70er Jahren hatten viele europäischen Städte eine Krise. Man hat daher versucht, die Innenstädte mit U-Bahnen und Fußgängerzonen zu beleben. Und eben diese Innenstadtmodelle hat der in die USA ausgewanderte Wiener Architekt Victor Gruen in seiner neuen Heimat vermisst. An den Rändern von nordamerikanischen Großstädten hat er die ersten Shopping Malls errichtet. Symbolisch betrachtet, waren die nichts anderes als die Wiener Innenstadt unter einem Dach. Dieses Konzept wurde dann nach Europa wieder importiert und hat zu einer Veränderung des urbanen Lebens geführt, unter dem Diktat des Autos.
LS: Die Idee der Shopping Mall kritisiere ich ja gar nicht. Als Problem sehe ich es, das Modell Shopping Mall wieder nach Europa zurückzuimportieren und damit zumeist funktionierende Stadtstrukturen zu zerstören. Vor allem in kleineren und mittleren Städten. In Städten wie Wien und Innsbruck wird vielleicht nachjustiert, um vorhandene Strukturen aufrechtzuerhalten. Aber ansonsten hat das verheerende Auswirkungen.
AR: Es gibt mittlerweile in Dörfern und kleinen Städten das Problem, dass die historischen Kerne keine Kaufkraft mehr haben – das System ist bereits vielerorts gekippt und es gibt mittlerweile eigene Leerstandskonferenzen, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Die einzige Chance sehe ich darin, dass die Krise so groß wird, dass man intelligent darauf reagieren muss, wenn es nicht schon zu spät ist. Wir befinden uns seit Jahren in einer mentalen Krise und befinden uns gerade spürbar in einer ökonomischen und einer sozialen Krise. Der Druck zum alternativen Handeln wird immer größer. Ein Dilemma in Österreich ist aber noch immer die mangelnde Raumplanung, die zu wenig gesellschaftspolitisch und nachhaltig orientiert ist und noch zu viel dem freien Markt überlässt.

Warum ist Stadt überhaupt lebenswert?
LS: Die kurzen Wege, Infrastruktur, die Kultur, die Abwechslung, das soziale Netzwerk, die Arbeit, die Anonymität. Meine Stadt, Wien, hat fantastische Naherholungsbereiche. Die Stadt ist idealerweise ein Patchwork aus ein bisschen Land mit Stadt.
AR: Die Stadt ist ein nachhaltiges und gesellschaftspolitisches Lebensmodell. Was mich an der Stadt interessiert, ist ihre gelebte und lebenswerte Ambivalenz, das im besten Sinne Produktivwerden ihrer inneren Spannung.



LOTTE SCHREIBER wurde 1971 in Mürzzuschlag geboren. Sie studierte an den Universitäten von Graz, Edinburgh und Neapel Architektur. Heute lebt sie in Wien und ist als Filmemacherin und Künstlerin tätig. Seit 2000 hat Schreiber diverse Projekte in den Bereichen Film, Audiovisuelle Installationen und Kunst am Bau realisiert, zwischen 2002 und 2009 lehrte sie an der Kunstuniversität Linz. Sie kuratiert seit 2010 die Programmschiene Architektur und Film des Crossing Europe Filmfestival Linz. Bisherige Auszeichnungen für Lotte Schreiber: u. a. Outstanding Artist Award des BMUKK 2011, Best Documentary, section architecture des Milano Doc Festival 2009. Ihr aktueller Film Tlatelolco setzt sich mit dem gleichnamigen, am Reißbrett entwickelten Stadtteil von Mexico City auseinander und wurde im Frühsommer 2012 beim Internationalen Filmfestival Innsbruck gezeigt.

ARNO RITTER wurde 1965 in Wien geboren. An der Universität Wien studierte er Publizistik, Geschichte und Philosophie. Zwischen 1992 und 1995 war er als Sekretär der Österreichischen Gesellschaft für Architektur tätig. Seit 1995 leitet und programmiert er das aut. architektur und tirol (vormals Architekturforum Tirol). Ritter gehört verschiedenen Beiräten, etwa dem Landeskulturbeirat Tirol, an und lehrt an Universität Innsbruck und der Universität für Angewandte Kunst Wien. Als Herausgeber und Autor publiziert er vorwiegend zu Architektur, Fotografie und Kunst.
Aktuell ist er als Kommissär für den österreichischen Pavillion auf der Architekturbiennale in Venedig 2012 verantwortlich. Die Biennale findet zwischen 29.08.2012 und 25.11.2012 statt.