Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Shake your body, baby!

#09 2012 / Julia Brugger

Nach den Swinging Sixties und der Tanzwüste der 90er erlebt die Innsbrucker Körperbewegungskultur einen erneuten Aufbruch. Fünf Rhythmen, Salsa oder Fünfuhrtee – Hauptsache Tanz! Mit oder ohne Partner. Und immer wieder geht es um Befreiung.

60 Leute auf 100 Quadratmetern. Auf verschwitzten T-Shirts hinterlässt die Wirbelsäule ihren Abdruck, der Dampf im Raum verwandelt sich am Fenster in Tropfen. Die Männer und Frauen im Antaratma Yoga Shala bewegen sich zu afrikanischer Trommelmusik, zu Heavy Metal, Drum ’n’ Bass und Pop, zu 20er-Jahre-Musik und Elektrosound. Seit 2009 werden hier 5-Rhythmen Workshops angeboten. Der Andrang ist groß. Ein Mann schnaubt mit geschlossenen Augen zu ekstatischen Klängen, eine Frau bewegt sinnlich-kreisend ihr Becken, ein Dritter boxt Kung-Fu-mäßig in die Luft. Jeder und jede ist mit sich selber beschäftigt, scheint auf seine und ihre Art mit der Musik zu verschmelzen. Es ist acht Uhr am Abend. Tanzen um diese Zeit? Das war nicht immer so und verleitet deshalb zu einem Blick in die Vergangenheit, in der Tanz manchmal mehr und manchmal weniger Raum in der Gesellschaft einnahm.

Die gehemmten 90er
Für Tanzbegeisterte waren die 90er eine harte Zeit. Ohne die Hucke voll und vor 24 Uhr bewegte sich keine Zehe. Man musste lange in Cafés oder Bars ausharren, bis sich Freunde und Freundesfreunde zum „Abshaken“ aufmachten. Bis in die Morgenstunden wurde – wenn überhaupt – passend zur Aerobic-Phase Single-Tanz mit sehr reduzierten Bewegungen praktiziert.
Es war eine Zeit, in der die Wenigsten zur Tanzschule gingen. Sie wollten sich weder sagen lassen, wie sie sich zu bewegen hatten, noch fanden sie es cool. Unweigerlich kam bei manch Tanzbegeisterten der Gedanke auf, wie schön es doch in den 60ern und 70ern gewesen sein musste, als man zeitig zum Tanz aufbrach und Rock ’n’ Roll, Samba oder Twist zum Einmaleins der Jugendlichen zählten.

Swinging 60ies
Kein Zweifel. Die bunten 60er-Jahre waren in Innsbruck lange nicht das, was sie in anderen europäischen Städten, wie beispielsweise London, waren. Es gab wenig bis keine echten Hippies und keine Carnaby Street mit unzähligen Mode- und Musikgeschäften. Doch auch in Innsbruck zeigte sich Aufbruchsstimmung, begleitet vom Ausbruch aus den konservativen Standardtänzen. Wild und frei, erstmals in süßen Petticoats und heißen Stilettos ging man um 20 Uhr in den Falkner- oder Theresienkeller zum Paartanz aus, auch wenn man kein Paar war. Rock ’n’ Roll oder Twist, tanzen konnte eigentlich jeder, der ausging. Erst nach der Jahrtausendwende erlangte der Tanz eine neue Blüte. Während mehr und mehr Jugendliche, auch junge Männer, ihre Körper akrobatisch zu Hip-Hop-Beats bewegten – und teilweise als Streetdancer in der Öffentlichkeit auftraten –, verbreiteten sich Ausdruckstanz nebst Salsa und neuerdings 5-Rhythmen-Tanz und Neo-Swing auch in Tirol. Ausdrucks- und 5-Rhythmen-Tanz haben dabei eines gemeinsam: Man legt das gesellschaftlich antrainierte Korsett ab und lässt sich von seinem ureigensten Inneren führen. Eine Technik, die weder in der Schule noch von Eltern oder der Gesellschaft vermittelt wird. Es lohnt sich also, auf diese Art von Bewegungsfreiheit einen zweiten Blick zu werfen.

5-Rhythmen
Die Fenster sind mittlerweile gekippt, die Haare kleben auf der Stirn und im Nacken, die Wirbelsäule ist auf den schweißnassen T-Shirts nicht mehr erkennbar. „Es ist Meditation in Tanzform“, erklärt Verena Sacher-Graiff, Künstlerin und Gründungsmitglied des Vereins Tanzraum Innsbruck , der regelmäßig 5-Rhythmen-Tanzabende und -Workshops anbietet. „Tiroler bewegen sich meist im Stakkato. ‚Um sechs Uhr steh’ ma auf, geh’n auffi auf’n Berg und was uns nit umbringt, macht uns nur stärker“, beschreibt Verena eine klassische Tiroler Lebensweise. Von der rhythmischen Dynamik betrachtet, sei das klar Stakkato, eine sehr pointierte, starke und zielgerichtete Dynamik. Das Leben würde jedoch flexibler und runder werden, wenn man das gesamte Rhythmuspotenzial integrierte. Also bewegen sich die schwitzenden Körper im Raum zu weichem Flowing, zu klarem Stakkato, zu explosivem Chaos, zu Leichtem, Lyrischem und werden bei Stille immer ruhiger. Jeder dieser fünf Rhythmen weckt andere Emotionen, Erinnerungen und Gefühle, die über den Körper nach außen gelangen. „Es geht darum, die Rhythmen in sich zu erfahren und sie durch den Körper sprechen zu lassen. Dadurch entstehen neue Bewegungsmöglichkeiten“, so die Kunsttherapeutin. Und zudem lässt diese Art der Körperarbeit im Gehirn neue Strukturen und Synapsen entstehen. Dieser Tiefgang durch Tanz liegt jedoch verständlicher Weise nicht jedem oder jeder. Und so bietet Innsbruck auch leichtere Formen, die den Körper in Schwung bringen.

Salsa und der gute alte Swing
Mittwochs lädt das Stadtcafé zur heißen Karibiknacht. Unter dem Motto „Noche Caribe“ schwingen nicht nur die Hüften, sondern wechseln auch Latino-Getränke wie Rum, Tequila, Cachaca oder Pisco schwungvoll die Barseite. Ähnlich geht es freitags bei der „Cuba Night“ im Mexico Arriba zu, im zweiten Stock des Cammerlander-Hauses.
Während den Sommer über jeden Dienstagabend am Sparkassenplatz unter freiem Himmel Tango getanzt wurde, finden Kurse, Workshops oder freie Tanzabende mittlerweile wieder unter Dach statt. Ansprechpartner hierzu sind die Vereine Libertango  Innsbruck und Tango Innsbruck.
Im Treibhaus ist seit März „Fünfuhrtee“ am Sonntag angesagt. 20er- bis 50er-Jahre- Musik, mit nostalgischem Plattenspielerrauschen über iTunes abgespielt, zieht Jugendliche und Junggebliebene an. Selbst wenn man nicht den einstündigen Crashkurs in Lindy Hop um halb sechs absolviert hat, entlockt die lebensfreudige Musik den Beinen unweigerlich mindestens ein Wippen. Yesteryear Mo alias Monika Ploner brachte das Swing-Revival, das sie in den 90ern live in den USA miterlebte und mitentwickelte, nach Innsbruck. „Verglichen mit anderen Städten und Ländern gehört Tirol leider zur Wüste der Partnertänze“, bedauert sie das in ihren Augen zu geringe Engagement der Männer. „Dabei gehört social dance zum Leben wie das Essen mit Messer und Gabel und ich kann nur sagen: Swing ist ein unglaublich männlicher Tanz“, wirbt die Tanzlehrerin.
Und wie es scheint, sind doch auch einige Männer davon überzeugt. Denn von den lernfreudigen neun Paaren, die für den Kurs angetanzt sind, sind acht Paare Männlein und Weiblein und nur zwei Damen fehlt ein männlicher Tanzpartner. In der heutigen geschlechterliberalen Zeit ist das zum Glück auch kein Problem mehr.