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Innsbruck. (K)ein guter Tanzboden?

#09 2012 / Christine Frei

Da Tanzsommer, dort Landestheater. Und dazwischen das Osterfestival mit einem kleinen ambitionierten Tanzschwerpunkt. Unsere Gretchenfrage an VeranstalterInnen und ProfitänzerInnen, derer es in dieser Stadt gar nicht so wenige gibt: Wie hat es Innsbruck denn mit dem zeitgenössischen Tanz? Unser Befund: Das Teufelchen steckt schon in der Fragestellung.

Oft sind es die kleinen, fast beiläufig aufgeschnappten Episoden, die einem mehr über ein Thema verraten als so manches Szene-Gespräch. Weil sie – so wie in den zwei folgenden Beispielen – paradigmatisch erzählen und abhandeln, was sonst leicht dem Verdacht einer Publikumsbeschimpfung anheim fallen könnte. In der einen Episode wurde ich quasi unfreiwillig zur Augen- und Ohrenzeugin einer etwas ernüchternden Publikumsreaktion, in der anderen zur mehr oder minder unfreiwilligen Stichwortgeberin einer nicht weniger verräterischen Besucherhaltung. Aber der Reihe nach: Es war 2008 nach einer Aufführung von Birgit Scherzers zugegebenermaßen ebenso wagemutigen wie emanzipatorischen Neuinterpretation von Wagners Ringmotiven Alles weiß ich: Alles. Der Vorstand eines international tätigen Tiroler Paradeunternehmens steht mit seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar am Kassenautomat der Parkgarage und bekennt dort etwas resignativ: „Ich hab jetzt wirklich gar nichts verstanden.“ Seine Frau will das offenkundig nicht auf sich sitzen lassen. Sie kommt für sich zum Schluss: „Beim TANZSOMMER ist uns das noch nie passiert.“ Ich verkneife mir den Hinweis, dass es für diese Zwecke sowohl Programmhefte als auch Einführungen gäbe.

Zwei Jahre später, Enrique Gasa Valga ist mittlerweile Direktor der TanzCompany. Bereits mit seiner Einstandschoreografie Olé! Es lebe das Leben! schafft der Spanier, der schon als Tänzer unter Jochen Ulrich und Birgit Scherzer erklärter Publikumslieblings war, die Trendwende.
Seither ist jede seiner Produktionen, und das ganz unabhängig davon, ob sie nun eher humorvoll oder ernsthaft angelegt sind, sowohl medial wie auch in der Auslastungsstatistik ein Quotenerfolg. Der schließt seine Person nachdrücklich mit ein: Wenn er sich seinen großteils weiblichen Fans zeigt, kreischen sie wie bei einem Andreas-Gabalier-Konzert. Selbst der neue Intendant Johannes Reitmeier zeigte sich bei der Spielplanpressekonferenz im April dieses Jahres restlos entzückt, wie gut sein Tanzchef mit seinen leidenschaftlichen Statements „über die beste TanzCompany Europas“ bei den hiesigen MedienvertreterInnen wie auch beim Publikum ankommt.
Während Andreas Gabalier selbst dem Profil ein Rätsel blieb, ist Gasa Valgas Erfolgsrezept relativ einsichtig. Er hat keine Scheu vor einfachen und hyperästhetischen Bildern. In Georg Trakl etwa zeigt er den Tod als berückend schönen Engel in barock-weißem Federnornat, den UP-Magazin-Herausgeber Günther Egger dann auch noch in Vogue-Manier fürs Theatertitelbild ablichtete. Das passt natürlich weder zu den tiefschwarzen und verstörenden Abgründen in Trakls Innen- wie Außenleben noch zu den Originalschauplätzen in Innsbruck, aber recht gut zur Provinz, die manches Mal davon träumt, eine Weltstadt zu sein. Und der Erfolg gibt Gasa Valga natürlich Recht …

Nach besagter Premiere  fängt mich jedenfalls eine Spitzenpolitikerin ab. Wie es mir denn gefallen habe, fragt sie, ganz offenkundig hoch entzückt. „Zu schön und für meinen Geschmack zu wenig abgründig“, ringe ich um Höflichkeit, worauf sie mich kopfschüttelnd ansieht. Nach einem anstrengenden Tag müsse sie nicht auch noch anstrengendes Theater haben.

Diese Einschätzung kann Dagmar Kostolnikova,  die einst von Eva Lerchenberg-Thöny nach Innsbruck geholt wurde und noch unter Jochen Ulrich alle großen Frauenrollen tanzte, nur bestätigen. „Ich glaube, dieses Publikum mag richtiges Tanztheater, wo die TänzerInnen mit und über ihren Körper sprechen, nicht so gerne sehen. Dazu müssten sie sich einlassen. Da ist ihnen die Show, die sie jetzt geboten bekommen, einfach lieber.“ Die Profitänzerin, die gemeinsam mit ihrem Mann Feri, der ebenfalls so wie sie über lange Jahre Solotänzer am Landestheater war, vor einem halben Jahr ein eigenes Tanzstudio eröffnet hat, träumt allerdings schon davon, dass sie dem Innsbrucker Publikum irgendwann ihr eigenes Tanztheater zeigen kann. In Innsbruck, so sagt sie, würde ja eigentlich gar kein zeitgenössisches Tanztheater mehr gezeigt, das sei vielmehr neoklassizistischer Tanz. Echtes Tanztheater seien für sie die Arbeiten von Pina Bausch. „Diese Frau hat eine ganz eigene Sprache kreiert. Da geht es nicht um Technik, sondern um den reinen unverfälschten Ausdruck.“

Tatsächlich scheint zeitgenössischer Tanz  neben den Erfolgsgeschichten Innsbrucker TANZSOMMER und Enrique Gasa Valgas TanzCompany am Landestheater wenig bis gar keinen Boden mehr zu haben, auch wenn allenthalben immer mal wieder die Diskussion aufbrandet, ob man ergänzend zum Innsbrucker TANZSOMMER mit seinen etablierten Kompanien und erprobten Tanzstücken nicht auch einen Schwerpunkt mit mehr experimentellen Formen zeigen sollte. Für TANZSOMMER-Chef Josef Resch würde es „organisatorisch natürlich schon Sinn machen, so einen Schwerpunkt an den TANZSOMMER anzuhängen.“ Allerdings müsste ein derartiger Schwerpunkt dann unter einem anderen Label laufen. Denn das Festival-Publikum habe ja mittlerweile eine ziemlich klare Erwartungshaltung und auch Vorstellung davon, was beim TANZSOMMER geboten werde. Hinzu komme, dass man bei so einer Programmierung dieser Art – anders als etwa beim TANZSOMMER – nicht mit den Einnahmen kalkulieren könne. Damit müsste es zur Gänze aussubventioniert werden, was angesichts stagnierender und rückläufiger Kulturbudgets wenig realistisch sein dürfte. Ein Abzwacken oder Umverteilen des TANZSOMMERbudgets sei ebenfalls kontraproduktiv, so Resch, weil die Budgets, welche zur Verfügung stünden, allein schon durch die gestiegenen Kosten de facto seit Jahren weniger würden.

Wer also in Tirol punktuell zeitgemäße Formen von Tanz und Performance sehen möchte, dem bleibt als Referenzpunkt derzeit nur das Osterfestival. Und damit ein Kulturveranstalter, der schon in den neunziger Jahren mit TANZ THEATER tanz erstmals ein modernes Tanzfestival zu etablieren versucht hatte. 1993 riefen Gerhard und Maria Crepaz von der Galerie St. Barbara in Hall dieses Festival gemeinsam mit dem damaligen TLT-Intendanten Dominique Mentha sowie Eva Lerchenberg-Thöny ins Leben. Doch schon nach drei Ausgaben war Schluss: denn 1995 begründete Lerchenberg-Thöny gemeinsam mit Josef Resch den Innsbrucker TANZSOMMER. 2006 wagte man mit 123tanz im Salzlager Hall einen weiteren Versuch, der ursprünglich auf drei Jahre angelegt war, aufgrund einer Rochade im Haller Gemeinderat allerdings schon nach dem ersten Jahr wieder auf Eis gelegt werden musste. Doch davon lässt sich Hannah Crepaz, die vor fünf Jahren die Programmierung des Osterfestivals von ihren Eltern übernommen hat, nicht beirren. Tanz respektive Performance sei für sie nun mal eine der zeitgenössischsten künstlerischen Ausdrucksformen. Daher legt sie selbst großen Wert auf den kleinen, feinen Tanz-Performance-Schwerpunkt im Rahmen des Osterfestivals. Die Resonanz des Publikums sei zudem ausgesprochen gut, sagt sie. „Wir zeigen ja keine einfachen Themen.“ Aber das Publikum sei sehr wohl bereit, sich darauf einzulassen.

Eva Müller, in Innsbruck lebende Tänzerin und Choreografin, die fast zehn Jahre der renommierten Wiener company homunculus angehörte, sieht das ähnlich, auch wenn sie glaubt, dass der Diskurs zuweilen in die falsche Richtung läuft. Sie hält nichts davon, die verschiedenen Formen gegeneinander auszuspielen. Was es in Innsbruck gäbe, habe durchaus seine Berechtigung. Aber es wäre wichtig, eben noch anderes zu zeigen. Sie habe in den letzten Jahren eines gelernt: „Wenn ich meine Projekte als Performance bezeichne, kommt automatisch ein anderes, mehr kunstaffines, wesentlich aufgeschlosseneres Publikum. Würde ich sie mit Tanz betiteln, dann wäre da gleich eine ganz andere Erwartungshaltung, die ich wahrscheinlich enttäuschen würde.“ Der Boden für experimentelle Formen sei absolut da, ist sie überzeugt. Was ihr fehle, sei die Vernetzungsmöglichkeit. Es gäbe eben kein Tanzquartier so wie in Wien, wo man gemeinsam trainieren und sich dann auch austauschen könnte. Dem kann sich Benito Marcelino nur anschließen. Der langjährige Solotänzer am Stuttgarter Ballett, der unter Birgit Scherzer auch am Landestheater zu sehen war, lehrt seit drei Jahren an der Schauspielschule. „Ich komme ja aus Amsterdam, wo die freie Szene geradezu mächtig ist.“ Hier spüre er zwar durchaus Interesse, aber es gebe noch keine Strukturen. „In der Kompanie des Landestheaters tanzt ja keine einzige Tirolerin und kein einziger erfahrener Tiroler. Das ist doch eigentlich eine Schande für ein Land, oder?“

Constanze Korthals, frühere Solotänzerin am Tiroler Landestheater, die neben ihrem Brotjob mittlerweile auch Pilates unterrichtet, vermisst zudem die Möglichkeit, hier irgendwo zu leistbaren Preisen trainieren zu können. „Wir TänzerInnen können nicht wie SchauspielerInnen oder MusikerInnen irgendwo in einem Kellerraum oder zu Hause proben. Wir brauchen einen Raum mit einem guten Boden.“ Sie selbst hat sich in der Zwischenzeit künstlerisch auf Improvisationstanz verlegt, weil sie sich dadurch flexibel an die jeweiligen Raum- und Aufführungsmöglichkeiten anpassen kann. Dagmar Kostolnikova bemängelt des Weiteren, dass es kaum leistbare Aufführungsmöglichkeiten für freie Produktionen gäbe. Die Kammerspiele wären zwar ideal, aber für freie Produktionen viel zu teuer.

Das Freie Theater Innsbruck, das derzeit entsteht, könnte den zahlreichen hier lebenden ProfitänzerInnen durchaus eine neue Auftrittsplattform bieten. Wenngleich sich gerade an diesem Beispiel deutlich zeigt, dass sie noch viel zu wenig untereinander vernetzt sind. Denn das neue Theater ist zwar theatertechnisch bestens ausgestattet, einen Schwingboden, wie ihn sich TänzerInnen wünschen würden, hat es keinen. Eva Müller, die zuletzt beim columbosnext-Projekt AKTHAMAR mitwirkte und dadurch bereits einen Kontaktzum neuen Theaterhaus hat, würde daher künftig gerne Workshops über den zeitgenössischen Tanz halten. „Der zeitgenössische Tanz ist für viele Menschen hier wie eine Fremdsprache.“ Die müsse man erst mal vermitteln. „Denn man kann nur lieben, was man als Teil von sich selbst erkennt …“