Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Tiroler Tauschwut

#09 2012 / Katrin Jud

„Peter, kannst du mal ...?“

Es ist ein sonniger Montag im August und Meinhard und ich treffen uns im masterpieces am Marktgraben. Dort logiert der freie Architekt gegenwärtig mit seinem mobilen Büro. Wir sitzen an einem antik anmutenden Tisch aus glattem, dunklem Holz, inmitten von dekorativen Ölgemälden, Pfauen, Obstschüsseln, gelben Papageien und dem ein oder anderen Akt. Zusammengeführt hat uns die Plattform Zimply. Für die kleine Hilfe im Alltag. Meinhard hat einen 4 cm langen Riss in seiner Hose. Schuld daran ist ein laotischer Hund. Mit Nadel und Faden bewaffnet, versuche ich diesem Problem beizukommen, während meine Entlohnung dafür in vollem Gang ist. Wir tauschen gegen eine Geschichte.

Seit nunmehr drei Monaten befindet sich die Website des Start-up-Unternehmens Zimply im Beta-Stadium. Zur Verfügung steht gegenwärtig ein Pool von 80 HelferInnen. Diese hauen Nägel in Wände, lösen Computerprobleme und entsorgen Kühlschränke. Außer einer empfohlenen Belohnung gibt es keine Vorgaben in Bezug auf das Tauschverhältnis. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Innsbruck ist für Zimply ein Testfeld, klein zwar, aber anonym genug, um Tauschprozesse außerhalb des Familien- und Freundeskreises in Gang zu setzen. Geplant ist die Expansion in weitere Städte Österreichs. Profitorientiert agiert Zimply in Bezug auf den Kontaktaustausch. Nimmt man ein Hilfegesuch, das finanziell entlohnt wird, an und erhält den Kontakt des Hilfesuchenden, wird ein Credit abgebucht (= 2 Euro). Beruht der Tausch auf immateriellen Gütern, bekommt man den Credit rückerstattet. Die Neuanmeldung auf Zimply ist kostenlos, inklusive der ersten fünf Credits. „Noch ist Zimply eine Spielwiese. Die Plattform wird zu dem, was die NutzerInnen daraus machen“, erklärt Florian Köllich, einer der Gründer. Die Offenheit der Plattform lässt Rückschlüsse auf die
Bedürfnisse und das Verhalten der NutzerInnen zu, die wegweisend für das junge Unternehmen sein werden. Die Idee war die
Installation einer modernen Form der Nachbarschaftshilfe, die reale Tendenz geht in Richtung schnelle und anonyme Problemlösung. „Es gibt zwischen den Gruppen der HelferInnen und Hifesuchenden noch kaum Überschneidungen“, wundert sich Köllich. So sind bisher 80 Prozent der Hilfesuchenden Frauen, die handwerkliche Unterstützung benötigen und dafür bezahlen. Doch Gesuche mit Fokus auf ein persönliches und längerfristiges Tauschverhältnis nehmen zu. Theresa sucht einen erfahrenen Kletterpartner, Dietmar möchte gemeinsam Joggen und Petra hält nach Personen mit handwerklichen Fähigkeiten Ausschau und bietet als Gegenleistung EDV-Hilfe an. Auf diese Weise kommt es zu Tauschverhältnissen, die sich aus der geldwirtschaftlichen Abhängigkeit lösen und dadurch politische Brisanz gewinnen.
Wesentlich formeller gestaltet sich die Ablösung vom kapitalistischen Tausch in den sogenannten Tauschkreisen. Denn tendenziell entstehen Tauschkreise, Zeitbörsen oder Talent-Netzwerke in wirtschaftlichen Krisenzeiten als Antwort auf das Phänomen der Arbeitslosigkeit. Plötzlich ist in den Haushalten wenig Geld, aber viel Zeit vorhanden. Gemeinsam ist den Tauschkreisen deshalb eine bargeldlose Tauschweise, die Abwendung vom Prinzip der Gewinnmaximierung und die Neubewertung der Arbeit unabhängig vom Leistungsprinzip. Jede Tätigkeit wird nur an der Zeit gemessen, die sie in Anspruch nimmt. Eine Stunde Rasenmähen ist gleich viel wert wie eine Stunde Buchhaltung.
Jeden ersten Freitag im Monat trifft sich das Talente Netz Tirol, im Sommer bevorzugt in den Gärten seiner Mitglieder.
Der eingetragene Verein existiert seit 1995. Im August fand das Treffen zehn Kilometer östlich von Innsbruck statt, bei Biobauer Thomas Huber in Absam. In der Tenne zwischen Heuballen und landwirtschaftlichen Geräten stehen Tische mit Gemüse: Tomaten, Gurken, Salat und Zucchini. Geschäftig werden weitere Abstellmöglichkeiten vorbereitet für Öle, Salben, handgesiedete Seife oder in Gläser abgefülltes Räucherwerk. Das Talente Netz Tirol tauscht in der eigenen Alternativwährung, den „Talenten (tl)“. Ein Talent entspricht dabei einer Arbeitsstunde. Das „Talentekonto“ jedes Mitgliedes wird vom Verein zentral verwaltet, jeder einzelne beginnt mit einem Null-Saldo. Zur Aktualisierung des Kontostandes dient ein Zettel auf jedem Tisch. Auf diesem werden die Tauschgeschäfte protokolliert.
Das Talente Netz Tirol erprobt seit Jahren erfolgreich ein Modell der „Solidarischen Ökonomie“. Der Mensch soll unabhängig von Erwerbsarbeit in gesellschaftliche Prozesse integriert werden, sein Recht auf Mitbestimmung wahrnehmen und somit seine Lebens- und Arbeitsbedingungen verbessern, soviel zur Theorie. In der Praxis bleiben die Antworten auf die Frage nach den Beweggründen zum Beitritt ins Talente Netz Tirol oberflächlich: „Weil hier eine Nachfrage nach meinen Produkten besteht“, „Ich brauche nicht alle Dinge, die ich herstelle“, oder: „Ich wollte ausprobieren, mal etwas gegen Talente zu tauschen.“ Bei der an das Tauschtreffen anschließenden Jause im Garten wird jedoch etwas deutlich. Die Freude am persönlichen Austausch, die soziale Anerkennung im Kollektiv, der Spaß an der Produktion und die Unabhängigkeit von der Macht des Geldes sind die prägenden Erfahrungen der Anwesenden. Besonders für Brigitte ist dies neu. Mit weißen, hautengen Jeans, Stiefeln und seidig-blauem Oberteil sticht sie aus der mehrheitlich leger gekleideten Gruppe heraus. „Dass es Menschen gibt, die neben ihrer Arbeit noch Zeit haben, war mir immer suspekt.“ Jetzt ist sie selbst in die Parallelökonomie eingestiegen und stellt Seifen her. Sie legt, ein Mitgrund für ihr Interesse am Talente-Netzwerk, Wert auf nachhaltige Produktion. Erst irgendwann erwähnt sie in einem Nebensatz, dass sie ihre Brötchen in einem Kreativberuf verdient, Rolle spielt es hier nämlich keine.
Nach zweieinhalb Stunden sitzt Meinhard noch immer lächelnd mit dem Ellbogen auf die Tischkante gestützt, da, das Loch in der Hose ist schon lang behoben. Als Menschenfreund macht ihm das Tauschen und Anpacken, egal ob mit bekannten oder unbekannten Gesichtern, Spaß. „Das Geld- und Zinssystem subversiert man, indem man es in Teilbereichen einfach aus dem Leben ausklinkt. Das kostet dann Zeit, es macht jedoch selbstbestimmter, freier und sozial reicher“, sagt er.