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MOLEcafé

Von Klagenfurt lernen heißt siegen lernen.

#09 2012 / Martin Fritz

Das ORF Landesstudio in Kärnten ist trotz Hitzewelle bis weit über den letzten Sitzplatz hinaus gefüllt, Klagenfurter Literaturfans treffen auf Berliner LiteraturagentInnen, manche blättern in ausgeteilten Texten, manche sind eher in ihre Mobiltelefone und die parallel im Internet laufenden Diskussionen vertieft und alle tun zumindest so, als würden sie den vor den Kameras ihren Text vorlesenden AutorInnen zuhören – es ist Bachmannpreis in Klagenfurt. Doch was bringt all diese Leute dazu, sich bei Temperaturen jenseits der 30 Grad einem Minderheitenprogramm wie Literatur zu widmen?

Im Vorwort zum Buch Wie man den Bachmannpreis gewinnt hat die Bachmannpreisträgerin Kathrin Passig den Reiz dieser Veranstaltung und damit die Antwort auf diese Frage prägnant zusammengefasst. Der Bachmannpreis befriedigt nämlich ein – so die Passig’sche These – wohl universales menschliches Bedürfnis danach, in allen Bereichen menschlichen Schaffens möglichst objektiv daherkommende Vergleichbarkeit, Reihungen und Wertungen präsentiert zu bekommen. Das führt dann eben zu so unterschiedlichen Dingen wie dem Songcontest, den Olympischen Spielen, Uni-Rankings, Germany’s Next Topmodel oder eben dem Wettlesen in Klagenfurt. So zweifelhaft die Kriterien der Bewertung auch immer sind, es scheint zu interessieren, wer im jeweiligen Metier am schnellsten, höchsten und besten ist. Im Bereich der Literatur fehlen allgemein verbindliche Wertungskategorien jedoch besonders eklatant, es muss letztendlich auf den hinter möglichst schwammigen Begriffen versteckten subjektiven Geschmack zurückgegriffen werden, wenn nicht von Autoritäten abgesicherte Urteile Orientierung bieten. Und Klagenfurt macht bei deren Erstellung, so Passig, wenigstens am wenigsten falsch.


Der Bewerb

Dass die Tage der deutschsprachigen Literatur, wie der Bachmannpreis in Klagenfurt eigentlich heißt, vom Zirkel der eingefleischten Fans intern in aller Schlichtheit nur „Der Bewerb“ genannt werden, liegt wohl genau darin begründet. Denn was der Gugelhupf unter den Mehlspeisen darstellt, ist Klagenfurt unter den Literaturveranstaltungen: eine eigentlich simple Kombination für sich genommen nur teilweise genießbarer Elemente zu einem nahe der Perfektion stehenden Ganzen verquickt. Die Mischung aus öffentlichem Vortrag der Texte durch die AutorInnen, einer ebenso in aller Öffentlichkeit und Transparenz sich ihre Meinung bildenden und
diskutierenden Jury und der flächendeckenden Live-Übertragung des Ganzen im Fernsehen schafft es, das Minderheitenprogramm Literatur zum publikumsanziehenden Live-Event zu transformieren.
Während eine der vielen Schönheiten von Literatur sonst häufig gerade darin liegt, von allem Körperlichen, von Präsenz und Stimme ihrer AutorInnen abgekoppelt zu sein und vorerst mal nichts als abstrakte Zeichen auf Papier oder E-Book-Reader zu sein, ist im Zeitalter der Digitalisierbarkeit (und damit abstrakten Zeichenwerdung) von allem und jedem die gar nicht so paradoxe Gegenbewegung immer stärker zu spüren, die sich die Anwesenheit von AutorInnen in Live-Situationen eben doch herbeiwünscht. Es will gewusst werden, wie sich der Bachmann-Kandidat X so anzieht und was für Ticks die Preisanwärterin Y beim Vorlesen hat. Meistens sind AutorInnen-Lesungen trotzdem ein Trauerspiel, wird dieser Beruf doch vorwiegend und mit gutem Grund von Leuten ergriffen, die gute Texte verfassen können und eben nicht von primär guten VorleserInnen. Aber mit der vor die Aufmerksamkeitsökonomie gespannten Möhre des Wettbewerbs und von den freundlichen MitarbeiterInnen des ORF ebendort stets pünktlich ausgehändigten Ausdrucken der Texte lassen sich die Lesungen in Klagenfurt eben mehr als nur genießen.


Das Ritual

Denn Klagenfurt ist noch ein weiteres: jedes Jahr verlässlich mit denselben Ritualen zugekleistert, die einlullende Sicherheit wie spannende Möglichkeit zur Brechung, jedenfalls also gute Laune bieten. Und so war der Bachmannpreis auch 2012 wie jedes Jahr der schlechteste Jahrgang aller Zeiten (Quelle: Feuilleton), während vor Ort und in Wahrheit alle (inklusive Ihres Berichterstatters) ohnehin bereits viel zu eng in die Maschinerie verstrickt und mit sämtlichen Beteiligten längst zu verhabert waren, um noch irgendein sinnvolles Urteil abgeben zu können.
Was in den vielen Gespräche vor Ort und zeitgleich im Internet blieb, war ein liebevoller, unvoreingenommener, kritischer Blick (als leuchtendes Vorbild muss hier Uwe Wittstocks Blog-Kolumne Klaglos in Klagenfurt angeführt werden) auf alle Texte und TeilnehmerInnen, der die Entscheidung der Jury ebenso gutheißen konnte, wie er auch mit beinahe jedem anderen Text als SiegerInnen-Text glücklich hätte werden können (aber vielleicht stimmt es ja wirklich, dass heuer fast alle Texte auf ihre Art gelungen waren). Ob der Hauptpreis für Olga Martynovas herrlich überkandidelte experimentelle Prosa oder der Publikumspreis für Cornelia Travniceks nur vordergründig als leichte Sommergeschichte getarnten Romanauszug Junge Hunde – so hoch verdient diese Texte ausgezeichnet wurden, ebensosehr wäre auch Andreas Stichmann (um nur ein willkürliches Beispiel zu nennen) preiswürdig gewesen für seinen Text aus der Perspektive eines unterm Sofa liegenden, zaudernden und so eine Familienidylle ebenso imaginierenden wie erlebenden Einbrechers.
Ebenfalls wie jedes Jahr kristallisierte sich ein mit der Zeit gar nicht mehr so heimliches gemeinsames Thema der meisten Texte heraus, das 2012 neben dem Dauerbrenner der Konzentration auf Kindheit und Jugend vor allem in der plastischen Schilderung von Gewalt gegen Tiere bestand. Was auch
immer das über den Stand der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zu sagen hat, konnte auch in zahlreichen intensiven Debatten dazu nicht mit letzter Sicherheit geklärt werden.
Auch abseits der Lesungen herrschte die
übliche Routine. Nicht nur zeitlich nahm das Wörtherseeschwimmen wieder die Gestalt der wichtigsten Nebenbeschäftigung an, gilt doch der Wettbewerb in dieser Tätigkeit spätestens seit dem 2011er Doppelsieg von Wallstein-Lektor Thorsten Arend (Hauptpreis für Maja Haderlap in seinem Verlag und eben Wettschwimmen) vielen als eigentlicher
Höhepunkt des Klagenfurt-Ausflugs.

Die restliche Zeit vertrieb sich der deutschsprachige Literaturbetrieb dann bei den diversen Buffets und Empfängen, in der allseits als nahezu unerträglich zauberhaft beschriebenen Open-Air-Bar Lendhafen und naturgemäß in der wohl besten Bar weltweit, dem Theatercafé, wo unter der Ägide von Fräulein Veronika und deren unübertroffen spröden Charmes die Lesungen des jeweiligen  Tages noch lange nachbesprochen wurden, bevor sich dann ein Mantel der Diskretion über die weitere Abendgestaltung der honorigen Gäste Klagenfurts legen muss. Nur so viel: Gespräche über die Mähboote auf der
alten Donau nahmen weiten Raum ein.


Das Modell
 
Der Wörthersee wird sich so leicht wohl kaum aus Klagenfurt in die hiesigen Gefilde exportieren lassen – ebenso wie eine Veranstaltung der Größe und Art der Tage der deutschsprachigen Literatur zu kopieren weder sinnvoll noch möglich wäre, und sei das Original wie beschrieben auch noch so schön. Und doch gibt es auch Tugenden von Klagenfurt, an denen sich hierzulande erfolgreich orientiert wird.
Das internationale Literaturfestival Sprachsalz in Hall etwa bedient die oben beschriebene Sehnsucht nach der Aura einer Live-Situation recht geschickt, nicht zuletzt dadurch, dass es als einen Schwerpunkt Legenden der Beat-AutorInnen ins Kurhotel lädt. Das Innsbrucker Prosa Festival, das sich in seiner Frühzeit mit seinem ehemaligen Namen Tage der jungen deutschsprachigen Literatur spielerisch ebenso an Klagenfurt anlehnte wie es sich auch durch die Abgrenzung definierte, bemüht sich ebenfalls, die Persönlichkeit der AutorInnen ins Licht zu rücken, durch traditionelle Interviews vor deren Lesungen – um gar nicht erst von den monatlichen Poetry Slams in der Bäckerei zu sprechen, die das Prinzip des Wettbewerbs als extrinsischen Publikumanlockungsfaktor bereits verinnerlicht haben. Und auch das regelmäßig im Großraum Innsbruck stattfindende Literarische Quartett, bei dem wechselnde LiteraturkennerInnen öffentlich über aktuelle Neuerscheinungen diskutieren, übernimmt das Prinzip der öffentlichen Transparenz einer Meinungsbildung von ExpertInnen – wenngleich es bei dieser Veranstaltungsreihe im Gegensatz zu einer Preisvergabe auch um nichts als pointierte Meinungen geht.
Tirol verfügt also ebenfalls über eine rege Literaturveranstaltungsszene und jährliche Festivals, viele Zutaten des Bachmannpreises, dieses wohl größten aller Literaturereignisse des deutschsprachigen Raums, sind auch in der Region zu erleben. – Und es kann eben nur einen Gugelhupf geben, aber das Kleingebäck ist zwischendurch ja auch nicht schlecht.