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Wikipedia – die unfreie Enzyklopädie

#09 2012 / Yilmaz Gülüm

Nicht alle können in Wikipedia schreiben, was sie wollen. Intern haben sich Gruppen und Netzwerke gebildet, die die Bearbeitungen überwachen. Neuankömmlinge – besonders Frauen – haben es da schwer.

Wikipedia gilt als Musteranwendung des Web2.0. Die Online-Enzyklopädie versteht sich als offene Plattform, an der alle InternetbenutzerInnen auf Augenhöhe mitarbeiten können. Keine Vorgesetzten, keine Redaktion. Gemeinsam soll so das gesamte Wissen der Menschheit gesammelt werden.

Was in der Theorie revolutionär klingen mag, hat sich in der Praxis nicht bewährt. Zu diesem Schluss kommen mittlerweile verschiedene KommunikationswissenschaftlerInnen und NetzwerkforscherInnen. Der Grund dafür ist einerseits das dichte Regelwerk, das besonders für EinsteigerInnen schwer zu durchschauen ist. Und andererseits sind es die ungeschriebenen Normen und Hierarchien, die sich mit der Zeit gebildet haben.
Grundsätzlich steht Wikipedia zwar allen offen – zum Erstellen eines Artikels ist nicht einmal eine Registrierung notwendig. Allerdings werden etwa 80 Prozent aller Überarbeitungen von nur zehn Prozent der BenutzerInnen gemacht. Diese Stamm-AutorInnen, genannt WikipedianerInnen, haben Communities gebildet und intern gewissen Regeln etabliert. Wer sich nicht entsprechend in die Gemeinschaft einbringt, der wird seine Ideen in vielen Fällen auch nicht dauerhaft umsetzen können. Eine dieser Regeln ist etwa, bei gröberen Änderungen eines Artikels auf der Diskussionsseite (jede Seite in Wikipedia hat so eine Diskussionsseite) fleißig mitzuposten und sich an andere BenutzerInnen zu wenden. Innerhalb der Communities haben WikipedianerInnen nämlich bestimmte Rollen. Manche fragt man um Rat, andere um Erlaubnis und wieder andere gelten intern als ExpertInnen zu bestimmten Themen. Kommt man mit diesen Menschen auf keinen grünen Zweig oder tritt erst gar nicht mit ihnen in Kontakt, muss man damit rechnen, dass die eigene Arbeit an einem Artikel wieder rückgängig gemacht wird.
Meistens sind diese WikipedianerInnen jene Menschen, die schon in der Vergangenheit an besagtem Artikel mitgearbeitet haben. Sie verfolgen die Änderungen an ihren Texten und greifen ein, wenn etwas nicht in ihrem Sinne geändert wird. Das ist auch der Grund, wieso Fehler häufig so schnell korrigiert werden. Manche der WikipedianerInnen arbeiten im echten Leben in Marketing- oder PR-Agenturen und editieren Wikipedia-Seiten im Sinne ihrer ArbeitgeberInnen.
Der Netzwerkforscher Christian Stegbauer schreibt, dass besonders langfristige Beteiligung in erster Linie durch die Community ermöglicht wird. Ob jemand also über mehrere Jahre hinweg intensiv an Wikipedia mitarbeitet, hängt nicht so sehr von den individuellen Motiven ab. Wichtiger ist, welche Rolle man in der Community annimmt und ob man überhaupt Teil der Gemeinschaft werden kann.

Superheldinnen und Pornostars
Diese Phänomene sind mehrfach dokumentiert. Da ist etwa die Geschichte der Kategorie weiblicher Superhelden in Comics. Eine Benutzerin unter dem Pseudonym „Lexid523“ erstellte 2007 diese Kategorie und ordnete ihr nach Angaben auf ihrem Blog über 200 relevante Artikel hinzu. Bereits am nächsten Tag hatten andere WikipedianerInnen einen Löschantrag gestellt. Es folgte eine hitzige Debatte. Ein User argumentierte, dass die Community ihre Gründe hätte, wieso es so eine Kategorie nicht bereits gäbe. Die Entscheidung der Gemeinschaft solle respektiert werden. Weiter hieß es, dass sämtliche Stamm-AutorInnen der Comic-Texte für die Löschung gestimmt hätten. Dagegen seien nur jene gewesen, die nicht Teil der Community sind. Die Kategorie wurde gelöscht, der Aufwand von „Lexid523“ war somit umsonst. Sie schreibt, dass sie danach die Motivation verloren habe, sich an Wikipedia zu beteiligen. Sie hätte als Außenstehende nie eine echte Chance gehabt, eine neue Idee einzubringen und durchzusetzen.
Dass mit „Lexid523“ eine Frau als Autorin verloren gegangen ist, ist ein weiteres Problem, mit dem Wikipedia konfrontiert ist. Der genaue Frauenanteil unter den WikipedianerInnen ist zwar nicht bekannt, allerdings gehen auch Optimisten von nicht mehr als 20 Prozent aus. Männerdominierte Communities könnten ein Grund für die geringe Beteiligung von Frauen sein, belegt ist das allerdings nicht. Wie sich dieses Problem äußert, dagegen schon. Beispielsweise waren von insgesamt 250.000 Biografien 2009 85,4% über Männer und 14,6% über Frauen. Frauen sind in allen Kategorien stark unterrepräsentiert, mit Ausnahme von Popsängerinnen (55,1%) und Pornostars (81,2%).  Ein Patentrezept, wie man den Frauenanteil erhöhen und die Communities durchlässiger machen kann, gibt es nicht. Eines ist mittlerweile aber klar: Eine offene Plattform allein ist noch keine Garantie dafür, dass alle auch dieselben Chancen haben mitzumachen.