Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Zarte Pflanzen in der Shopping-Stadt

#09 2012 / Robert Gander

Will man in Tirol zeitgenössische Kunst außerhalb Innsbrucks sehen, führt einen der Weg vielleicht nach Schwaz, vielleicht nach Hall, seltener wohl nach Reith im Alpbachtal, nach Rattenberg oder Imst. Eher nicht auf der Kunstkonsum-Agenda dürfte Wörgl gestanden haben. Das könnte sich jetzt ändern.

An prominenter Stelle in der Wörgler Bahnhofstraße befindet sich seit über zehn Jahren der Polylog, ein Medienkunstwerk des deutschen Künstlers Christian Möller. Der Titel des Werkes und seine städtische Landmarkfunktion waren ausschlaggebend, den in unmittelbarer Nähe entstehenden neuen Ort für Kunst Galerie am Polylog. kunst.raum.wörgl zu taufen. Eine Benennung, die nicht nur der Galerie, sondern auch dem Kunstwerk dienlich sein kann, das nach einem dahingehenden Stadtratsbeschluss entfernt hätte werden sollen.

Von der Drechslerei zur Galerie
Die Galerie schließt an den Kommunikationsgedanken des Polylog an und sieht sich als Plattform und Ort des Austausches für unterschiedliche Themen und Ausdrucksformen sowie deren Vermittlung. Zu diesem Zweck wurden die Räumlichkeiten der ehemaligen Drechslerei Riedmann auf einer Fläche von ca. 160 m² behutsam restauriert. Gerade im verhältnismäßig großzügigen Foyerbereich ist die vormalige Nutzung als Werkstätte noch zu ahnen. Darüber hinaus gibt es in der straßenseitig durch einen längeren Gang erreichbaren Galerie zwei Ausstellungsräume, eine kleine Blackbox und einen Garten im Innenhof, dessen Nutzung noch nicht festgelegt ist.
Die Räumlichkeiten werden seitens der Stadt angemietet. Das Komma, als städtische Einrichtung im Kulturmanagement, ist für deren Verwaltung zuständig. Kommaleiter Luggi Ascher ist auch Gründungsmitglied des Galerieträgervereines Am Polylog, der wiederum seine Miete an die Stadt entrichtet. Neben Günther Moschig, der für die Programmkuratierung zuständig ist, ist der Kulturreferent der Stadt Wörgl Johannes Puchleitner im Vereinsvorstand der Galerie. So viel zur betrieblichen Aufstellung. Es bleibt abzuwarten, welche Auswirkungen diese Verquickung von Politik und Kulturveranstalter einerseits und die Konzentration auf das Komma andererseits haben werden. Ebenfalls abzuwarten wird sein, wie sich das städtische Konzept, die Galerie ein halbes Jahr mit kuratierten Ausstellungen zu bespielen und den Rest des Jahres Vereinen und Privatpersonen gegen eine geringe Miete zur Verfügung zu stellen, auswirkt. Moschig hat jedenfalls für das gesamte Jahr 2013 ein Programm entwickelt, dessen Um- und Fortsetzung für eine klare Positionierung wohl unumgänglich ist. Zu sehen sein werden Claudia Hirtl (Februar bis April), Christoph Hinterhuber und Pietro Sanguineti (Mai bis Juli), Matthias Bernhard und Ina HSU (September bis November).

Die Eröffnungsausstellung lässt eine Programmatik erkennen, die auch jüngere KünstlerInnen zum Zug kommen lässt und verfolgt den Anspruch, internationale Kunst in Beziehung zu regionalem Kunstschaffen zu setzen. Die kurz mit Pflanzen betitelte Eröffnungsschau verbindet Werke der beiden Österreicher Wilhelm Scherübl und Ruth Kaaserer, des schottischen Künstlerduos Dalziel + Scullion und der New Yorker Fotografin Margaret Morton. Die Positionen kreisen um ein mittlerweile zur globalen Bewegung gewordenes Phänomen, das seinen Ausdruck in einem neuen sozialen Umgang mit der Natur findet (vgl. MOLE 04, Green Design). Und diese Bewegung ist auch in der Kleinstadt Wörgl angekommen. Urban Gardening, Community Gardening, Guerilla Gardening sind die Schlagworte, die seit den 1970er-Jahren und den Green Guerillas der New Yorker Künstlerin Liz Christy diese Entwicklung begleiten. Das Verhältnis von Natur und Kultur, Stadtökologie, interkulturelle Verständigung, lokaler Wissenstransfer und Nahrungsmittelproduktion wird darin neu verhandelt, die Stadt als Lebens- und Handlungsraum verstanden. Urbanes Gärtnern ist soziales Gärtnern, partizipativ und gemeinschaftsorientiert.
Die Kunst kennt das Thema Gärten und Wachstumsprozesse von Pflanzen schon seit der Renaissance. Der „Vater der Architekturtheorie“ Leon Battista Alberti gilt als der erste, der sich im 15. Jahrhundert auf theoretischer Ebene mit dem Garten befasste. Gartengestaltung wurde zur Kunst erhoben (ars topiari) und wurde Ausdruck einer humanistischen Philosophie. Der auf Abschottung zielende Klostergarten des Mittelalters war überwunden. Gärten wurden nun offen nach außen hin gestaltet und bildeten eine Einheit mit dem Wohnhaus. Gerade in den letzten Jahren beschäftigt der Garten wieder zahlreiche zeitgenössische KünstlerInnen vom realen Gartenbau bis zu digitalen Bildwelten.
Im Kontext der künstlerischen Arbeiten bekommt auch der Freigarten Wörgl eine Präsentationsmöglichkeit. Der Freigarten Wörgl wurde 2011 von einer Gruppe engagierter GärtnerInnen auf einem kleinen von der Stadtgemeinde zur Verfügung gestellten Grundstück angelegt. Nach den Prinzipien der Permakultur eines nachhaltigen Wirtschaftens wurde hier mit regionalen Pflanzensorten eine öffentliche Ruheinsel geschaffen, in die jeder und jede eingeladen ist mitzuarbeiten oder einfach nur zu ernten. Die Hereinnahme in die Ausstellung verdeutlicht den Beteiligungsansatz, den Moschig in seiner Programmierung anstrebt. Im Rahmen eines Kunstprojektes von Wilhelm Scherübl ist die Bevölkerung aufgerufen, ihre Zimmerpflanzen in die Galerie zu bringen. Als Gegenleistung erhält man dafür eine Druckgrafik des Künstlers.

Stadtsache Kultur
Wörgl startete vor einigen Jahren einen für eine Tiroler Kleinstadt seltenen Entwicklungsprozess in Sachen Kultur, der nicht in erster Linie darum bemüht ist, einzelne Veranstaltungen zu realisieren, sondern Stadt und Kultur zusammen denkt. Erstes konkretes Ergebnis war Ende 2010 ein Kulturleitbild, auf das man sich per Gemeinderatsbeschluss einigen konnte. Naturgemäß allgemein und offen formuliert, ist es dennoch bemerkenswert, dass es ein solches überhaupt gibt. Ebenfalls überarbeitet wurden die Kulturförderrichtlinien.
Die Galerie am Polylog ist als weiterer Schritt dieses Entwicklungsprozesses zu sehen. Sie eröffnet am 5. Oktober. Die Ausstellung Pflanzen ist bis zum 15. Dezember donnerstags und freitags von 17–20 Uhr und an Samstagen von 10–13 Uhr zu sehen. Ein Begleitprogramm bietet Film- und Buchpräsentationen, Diskussionsrunden rund um das Thema Ernährung und ein Philosophisches Café.

Der Polylog funktioniert wieder. Er wurde restauriert, bekam ein Software-Update und soll nun auch im Zusammenspiel mit der Galerie genutzt werden. Dass es jedoch mit einem nicht geringen Registrierungsaufwand verbunden ist, der Grundidee folgend persönliche Nachrichten via Netz oder Mobiltelefon auf das Display zu schicken, davon kann man sich auf polylog.woergl.at überzeugen. Die Angst vor missbräuchlicher Verwendung dieser öffentlichen Plattform, vor der Verbreitung unliebsamer oder unkorrekter Nachrichten scheint (noch) groß zu sein. Derzeit laufen in erster Linie kommerzielle und kulturelle Ankündigungen über das LED-Display.