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MOLEcafé

120 Tage Tirol

#10 2013 / Christine Frei

Über vier Monate sind Johannes Reitmeier und sein neues Team mittlerweile im Tiroler Landestheater. Der nächste Spielplan steht bereits – wenn auch unter Verschluss, während der aktuelle noch ihr Ankommen reflektiert.

Einen besseren Einstand hätte er sich in der Tat nicht wünschen können. Als sich Neo-Intendant Johannes Reitmeier beim Gala-Konzert nach dem Theaterfest am 22. September letzten Jahres – zum Start der neuen Saison und seiner Intendanz – mit launigen Worten und viel Enthusiasmus bei seinem künftigen Publikum bedankte, sprangen die ZuschauerInnen im Parkett und auf den Rängen plötzlich geschlossen auf und spendeten spontan Standing Ovations. „Da muss man ja zum Morgenmenschen werden“, lacht Reitmeier, der bereits am frühen Morgen mit enormer Energie und guter Laune sein Büro betritt. Für ihn selbst muss jener Moment fast wie eine Erlösung und möglicherweise auch eine kleine Genugtuung gewesen sein. Zu oft habe er sich in den Wochen und Monaten davor anhören müssen, ob ihm eigen-tlich schon bewusst sei, in welche Fußstapfen er trete, welche Skepsis man ihm entgegenbringe und ob er sich überhaupt in der Lage sehe, das Niveau zu halten. In manchen Augenblicken habe er schon gezweifelt. Aber er habe ja nie einen Hehl daraus gemacht, dass er eben keine Weltkarriere aufbieten könne, um dann gleich durchaus selbstbewusst hinzuzufügen: „Aber ich beherrsche das Handwerk, und ich habe immerhin sechzehn Berufsjahre als Intendant vorzuweisen.“ Zudem sei die Führung eines Theaters immer „Learning by Doing“, denn kein Theater sei wie das andere.

Doch das Hiersein, darin sind sich Reitmeier und sein Schauspieldirektor Thomas Krauß einig, sei jetzt schon um einiges leichter als auf dem Weg hierher zu sein. Die fast überschwängliche Freude, mit der Reitmeier dabei ans Werk geht, hat ihm zweifelsohne binnen kürzester Zeit viele Türen geöffnet. Der Mann, soviel ist klar, ist ein Meister des Socializings. Wirkte er bei seinem ersten Medienauftritt nach seiner Ernennung als Intendant fast ein wenig hemdsärmelig, so wird man schon beim Eintritt in sein Büro gleich eines Besseren belehrt. Alles in elegantem Schwarz-Weiß-Grau gehalten, er selbst in Jeans, Jackett und mit dem mittlerweile bei kunstsinnigen Männern mittleren Alters obligaten Kurzschal bekleidet. An den Wänden gestisch-abstrakte Malerei in dezenter Unfarbigkeit, auffallend sein Faible für Lampen. Im Eck etwa eine augenfällig mit Blattsilber verkleidete Cup des Tiroler Labels Kunstlicht. War die Vorgängerin bekannt für ihre Katzenleidenschaft, so lässt ein buntes Hundebettchen neben seinem Schreibtisch auf gelegentlichen Besuch eines Vierbeiners schließen. Ein Jack Russel Terrier, wie Reitmeier sofort erzählt. Die frappierende Offenheit, mit der er über seine Arbeit ebenso wie über seinen Lebensgefährten spricht, ist tatsächlich erfrischend. Und in die Freude, das ist spürbar, mischt sich auch eine Form von Dankbarkeit, hier für ein geradezu theaterverrücktes Publikum, wie Schauspieldirektor Krauß es nennt, Theater machen zu dürfen. Denn in Deutschland, also jenem Land, das sich über Jahrhunderte für seine DichterInnen und DenkerInnen rühmte, schlägt den Theaterschaffenden schon seit Jahren ein ungleich schärferer Wind entgegen, herrscht ein geradezu fataler Leistungs- und Rechtfertigungsdruck. „Was man da stets für Argumente aufbieten musste“, seufzt Reitmeier: vom Theater als hartem Standortfaktor bis hin zur sogenannten Umwegrentabilität. Er sei sich zuletzt oftmals wie ein Finanzmanager vorgekommen.
Und selbst wenn im Haus unter den Alteingesessenen zuweilen hinter vorgehaltener Hand getuschelt wird, dass jetzt nur noch deutsch gesprochen werde, so waren Reitmeier und Krauß in ihrer ersten Spielplangestaltung doch augenfällig sehr darauf bedacht, ihr eigenes Ankommen und die Hinwendung zu einem neuen Publikum zu reflektieren. Reitmeier etwa präsentierte sich mit La Wally, also einer echten Tiroler Heroine. Krauß, der in Gesprächen eher ein Mann der leiseren Töne ist, hat sich mit Hebbels Nibelungen an einen Klassiker gewagt, der die barbarischen Auswirkungen des übersteigerten Deutschtums überaus weitsichtig vorwegnahm. Seine zweite Regiearbeit, die von ihm dramatisierte Fassung des schwedischen Erfolgsfilmes Wie im Himmel, ist ebenfalls unverkennbar eine Reverenz an Innsbruck. Reitmeier wiederum wird noch Janáceks Schlaues Füchslein und die Oper Stallerhof des zeitgenössischen österreichischen Komponisten Gerd Kühr nach dem Libretto von Franz Xaver Kroetz inszenieren.

Der zweite Spielplan ist ebenfalls schon fertig. Am 20. März soll er präsentiert werden. Eine ganz wesentliche Triebfeder bei der Konzeption sei immer auch, das Ensemble in ganz neuen Rollen zu zeigen, betonen Reitmeier und Krauß. Natürlich gehe es nach wie vor darum, das Vertrauen des Publikums zu gewinnen. Denn wenn das Grundvertrauen da sei, das weiß Reitmeier nicht zuletzt aus seinen zehn Jahren in Kaiserslautern, könne man sich gemeinsam aufmachen, Neues zu entdecken, und immer mal wieder Ausflüge in abseitiges Repertoire wagen.