Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Wie eine besprühte Häuserwand

#10 2012 / Martin Varano

Der Mole zur zehnten Ausgabe: Einige Gedanken über die Möglichkeiten, Risiken und Nebenwirkungen freier Kulturmedien.

Juli 2012 – Ich flaniere durch Ljubljana und genieße die Stadt in sommerlicher Hitze: das Sitzen in schattigen Cafés am Fluss, den raschen Wechsel architektonischer Eigenheiten, die Kühle in den Buchhandlungen, die zum Rasten und Schmökern einladen. Wie immer auf Reisen ist das Leben als Abfolge flirrender Momente und als Schwall von Eindrücken ungewöhnlich präsent. Was meine Blicke und Gedanken immer mehr an sich bindet, ist die endlose Abfolge von Graffiti in Hinterhöfen, an Häuserwänden quer durch die Stadt, in der Metelkova und am Weg dorthin. Graffiti in allen Facetten: kurze Sprüche, abstrakte Zeichnungen, wiederkehrende Symbole, politische Zeichen, Reflexionen, mal politisch korrekt, mal nicht, kurze Ausdrücke von Befindlichkeiten, Gekritzel, handwerklich und künstlerisch raffinierte Meisterwerke – kurzum, eine unzensierte Abfolge menschlicher Denk- und Ausdrucksformen. In diesem Labyrinth von Zeichen, von historischer Architektur, von mediterranem Flair am Fluss zieht mich meine Partnerin in diese Ecke, ich sie in jene, so lange, bis die Hitze wieder eine Pause, eine Ruhestunde fordert, um sich zu sammeln, um die Eindrücke in das eigene Denkschema zu integrieren und eine Form finden zu können.
Und plötzlich, wie aus dem Nichts, entfaltet sich aus meinen Gehirnwindungen ein Gedanke, ebenso banal wie befreiend – und wenigstens für mich klärend: So stelle ich mir ein (ich gebrauche den Begriff mit höchster Vorsicht ...) alternatives Kulturmedium vor.
Ich erinnere mich zurück an jene Tage, als ich die UniPress noch mitgeleitet habe, der MOLE als Redaktionsmitglied verbunden war, sowie an viele Erfahrungen mit anderen regionalen Kulturmedien im weiten Sinne, auf die auch so mancher und manche aus meinem persönlichen Umfeld zurückblicken kann – und denke mir eine kleine prototypische Geschichte irgendeines freien Mediums in einem beliebigen Land in einer beliebigen Szene aus, kurz: eine Geschichte, so allgemein, dass sie immer und überall vorkommen kann.

Am Anfang ist der Zauber ...
Scheinbar, so heißt es zumindest, wohnt jedem Anfang ein Zauber inne – und wohl auch eine Art  Gründungsmythos, eine Idee, ein Wunsch, was werden soll und kann. Im Falle eines neuen Mediums bedeutet das zumindest eine Abgrenzung zum oder eine Erweiterung des Bestehenden. Was kann anders sein? Was fehlt im lokalen Umfeld, was ist noch nicht realisiert, hat noch keinen Ausdruck gefunden? Wen oder was wollen wir begeistern, fördern, bewegen? Es sind solche und ähnliche Fragen, die eine Idee oder deren rudimentäre Ansätze wachsen und reifen lassen. Das kreative und planerische Potenzial aller beteiligten Geister schwingt sich in ungeahnte Sphären hoch. Das Projekt kann durchstarten.

Konfrontiert mit Sachzwängen, 
Anfänge sind eine Sache, Entwicklungen scheinbar eine andere. Alle diesbezüglichen Zusammenhänge zu begreifen oder deren Ursachen und Wirkungen klar auseinanderhalten zu können, scheint unmöglich. Faktum ist: Die Vorstellungen, wie und was etwas sein soll und sein darf, driften irgendwann auseinander.
Am Anfang einer erfolgten oder angedachten Trennung oder Auflösung einer Redaktion eines freien Mediums steht immer ein Wort: Professionalisierung. Denn schon bei den ersten Schritten einer Idee in die Praxis treten die äußeren Rahmenbedingungen unbarmherzig aufs Parkett: Sachzwänge, finanzielle Möglichkeiten, die Umstände eben. Die Wünsche, was werden soll, finden ihre erste Erdung im Boden der Tatsache, was werden kann.
Neben allen unvermeidlichen organisatorischen Gesichtspunkten gewinnen besonders zwei Facetten Raum.
Es sind die Charaktere, Vorurteile und Erwartungen aller maßgeblich Beteiligten einerseits und das „Wissen“, wie man etwas tut, andererseits.
Rufe nach mehr textlicher Qualität, nach einem damit Hand in Hand gehenden steigenden Bedarf an Textredaktion, nach einer Optimierung und – wenn auch so nicht ausgesprochen – Rationalisierung der Organisation hallen plötzlich durch die Sitzungen. Ein Klimawandel setzt ein. Ein stilles Regelwerk entsteht, in das nur Einblick hat, wer durchgehend am Laufenden ist. Und die Spaltung beginnt – früher oder später. Plötzlich wird, anfangs nur leise, gezählt: wer was leistet, wer an wie vielen Sitzungen teilgenommen und wie viele Texte betreut hat, und wer die allseits bekannten Maßstäbe, wie man etwas zu tun hat, befolgt.

... wird er schließlich gebrochen.
Die Umstände und Gepflogenheiten, gegen die sich ein freies, „alternatives“ Kulturmedium nicht nur inhaltlich, sondern auch in der Arbeitsweise absetzen könnte, finden strukturell Eingang in eine immer alltäglichere Routine – nicht mit dem Argument „alle müssen was tun“, sondern mit einer neueren, vielleicht durch ihre Implikationen in ihrem Anspruch noch umfassenderen Floskel: „Wir sind doch alle freiwillig dabei.“

„Fuck your magazine“
Ich steige ins Auto, starte den Motor und schiebe Pantera rein. Bei den ersten Tönen, die von The Great Southern Trendkill aus den Boxen fahren, zucke ich nach 15 Jahren immer noch zusammen, höre immer noch die gleiche Textstelle mit einem Anflug von Wahnsinn und Aufruhr: „Fuck your magazine, and fuck the long dead plastic scene.“
Zu ihrer zehnten Ausgabe möchte ich der MOLE das keinesfalls entgegenrufen, auch sonst nicht. Aber die Wut und den Zorn, die aus diesem Textfragment sprechen, spüre ich noch immer gerne. Manchmal denke ich mir: Warum neue Zeitungen ohne neue Formen? Warum nicht einfach Fragmente zusammenstückeln, wie lose Sprühbotschaften auf Häuserwänden? Das Ganze durch den Kopierer schicken, wie einstmals, und so das komplexe Bild einer Welt erschaffen, ein Geflecht, das jede und jeder selber entwirren muss? Aber das ist eine andere Geschichte.