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MOLEcafé

CENTER COURT - Herr Inspektor spielt einen Volley-Smash

#10 2012 / John Lendl

Der Mole Fortsetzungsroman - Teil 2

Wilander stand da, der verlorene Kevin immer noch quengelnd an seiner Hand. Doch Wilander beachtete ihn kaum. Instinktiv glaubte er zu wissen, dass diese Eingebung, die er gerade gehabt hatte, mehr wert war als alle Kevins dieser Welt zusammen. Wilander hatte etwas gesehen, vielleicht sogar die Zukunft, das begriff er in diesem Augenblick. Er ließ das Kind stehen, wo es war, gab es sozusagen zum zweiten Mal verloren, und hastete hinüber zu der Menschentraube, die sich rund um den Beckenrand gebildet hatte wie die erste Kruste auf einer Blutung.
Was Wilander dort sah, verschlug ihm die Sprache. Was ihm seine Vision in kodierter Form gezeigt hatte, war hier Realität geworden und lag schamlos vor ihm. Nur in einem Punkt hatte die Offenbarung nicht recht behalten: Der Kopf da auf den Betongussplatten gehörte zumindest einmal nicht Irma. Und das ließ Wilander dann fast glücklich und erleichtert aufatmen, als er das Handy herauszog, um die Polizei zu rufen.
„Hallo“, sagte er, „ich würde gerne melden, dass hier eine Frau im Freibad aufgeschlagen ist.“ „Wie, aufgeschlagen?“, fragte die Stimme im Hörer. „Mit dem Kopf voraus, offensichtlich“, sagte Wilander und merkte erst danach, wie unglaublich dumm das klang. Dennoch schien genau das passiert zu sein. Der Kopf trug zwar keine Badehaube. Aber rot war er doch. Rot und etwas glibberig.
Der Mann, der kurze Zeit später aus dem Polizeiauto ausstieg, war etwas beleibter als es ihm guttat, etwas älter, als er es sich wünschte, und etwas ernster, als seine Gesprächspartner es genossen. Der Mann war Kriminalbeamter und er trug seine größte Kränkung im Pass: Er hörte auf den Namen Horst Skoff. „Wie der Tennisspieler?“, fragte man ihn immer, wenn er in einem Hotel eincheckte, und Skoff knirschte mit den Zähnen und bejahte. „Aber nicht verwandt?“, fragte der Hotelangestellte weiter, mit der unbeirrbaren Treffsicherheit nervtötender Menschen. „Nein, nicht verwandt.“ Und dann zog Skoff den Kopf ein, weil er wusste, dass sein Gegenüber schon dieses belustigte Grinsen aufgesetzt hatte.
Noch schlimmer war es geworden, als jener andere, tennisspielende Skoff überraschenderweise das Zeitliche gesegnet hatte. Da fragten die Hotelangestellten dann plötzlich: „Horst Skoff? Sollten Sie nicht tot sein?“ Und das war für einen Beamten des Morddezernats dann doch eine komische Erfahrung.
Skoff durchquerte das Drehkreuz am Eingang des Freibades und ließ den Blick über die Anlage schweifen. Es war ihm immer wieder rätselhaft, wie der Tod die Szenerien für seine überraschenden Auftritte wählte. Und egal, welche Bühne er sich aussuchte, nie blieb man von der Darbietung unberührt. Und nun also dieses Freibad, dachte Skoff, einen Ort, der nur Sonne und Erfrischung kannte. Hier hatte er wieder zugeschlagen.
Skoff schritt aus und erreichte das Sportbecken. Die Totengräber waren schon da – soll heißen, Trübinger, der Forensiker, tänzelte schon um den Leichnam herum wie ein aufgeregter Pinscher.
„Was kannst du mir sagen?“, fragte Skoff den Totengräber. „Verbrennungen am ganzen Körper“, sagte Trübinger, „eine Schnittwunde am Hals, das war die eigentliche Todesursache. Und dann wäre da noch das ...“ Mit einer einladenden Geste bat er Skoff, an das Tuch zu treten und hob es hoch, sodass nur Skoff daruntersehen konnte. „Das“, sagte Trübinger fast triumphierend, „das war einmal der Kopf.“ „Und du bist sicher, dass die Schnittwunde die Todesursache ist?“, fragte Skoff.  „Ich bin ja kein Mediziner, aber das sieht nicht gesund aus.“ (Dabei dachte er: „Der Tod hat sich wieder einmal selbst übertroffen. Ein Meisterstück.“)
Trübinger lächelte jenes schaurig unergründliche Lächeln der Leichenbeschauer: „Der Kopf sieht böse aus, aber das kommt vom Aufprall. Genick gebrochen, komplexe offene Schädelfraktur. Aber das ist definitiv alles post mortem.“
Skoff schnüffelte. „Und der Geruch? Ist das Benzin?“ „Benzin, Diesel, irgendwas in der Richtung“, gab Trübinger zurück, „da kann ich noch schauen, ob sie was davon in der Lunge hat, wenn du willst. Aber mein lieber Sherlock, ich sage dir: Wenn ich jemanden in Benzin ersäufe, schneide ich ihm dann nicht noch nachträglich die Kehle durch.“ (Zwei Dinge hasste Skoff: Wenn man ihn auf den Tennisspieler anredete und wenn man ihn Sherlock nannte. Aber der Logik Trübingers konnte er folgen.)
Skoff wechselte das Thema. „Wo ist das Ganze denn eigentlich passiert? Wie kam sie überhaupt hierher?“ Trübinger warf entschuldigend die Hände in die Luft: „Das, mein Freund, musst du mir sagen. Ich kann dir nur den Tipp geben, dass sie ein ordentliches Tempo gehabt haben muss. Die ist wirklich ungespitzt in den Boden eingestochen, aus großer Höhe.“ Skoff hatte sich nie mit der Tatsache abfinden können, dass Forensiker über Leichen sprachen, als wären es tote Tiere am Wegesrand. In allen Jahren bei der Polizei war ihm dieser technische Zugang fremd geblieben. Jedes Mal wieder scheiterte er daran, die Toten wirklich sterben zu lassen. Immer wieder musste er sich vorstellen, dass sie einmal gelebt und geatmet hatten und nun ein Loch in jemandes Welt hinterließen. Skoff trauerte um seine Toten, schämte sich aber irgendwie für die Anflüge von Gefühl – lieber wäre er professionell geblieben. Er bedankte sich bei Trübinger und besichtigte den Fundort. Die Leiche war aufgeprallt. Doch wie war sie gefallen? Skoffs Gehirn war es gewöhnt, unerwartete Schlüsse aus spärlichen Indizien zu ziehen. Und so zog es ihn unwiderstehlich hin zu einer der unwahrscheinlichsten Erklärungen für den Aufprall: Skoff erklomm den 10er-Sprungturm. Und als er oben angekommen war, da lobte er sich selbst für seine Eingebung. Man könnte fast sagen: für sein unglaubliches kriminalistisches Gespür.