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Eine vergessene Utopie

Das Utopia in der Tschamlerstraße 3 war 16 Jahre lang eine der bedeutendsten Innsbrucker Kulturinstitutionen. Das ursprüngliche Werkstättenkonzept wurde zu einem wichtigen  Kulturzentrum Westösterreichs. Ausgehend von dort gab es zahlreiche umgesetzte Ideen, unvergessliche Veranstaltungen und viele Personen, die das Kulturleben in der Stadt mitprägten. Doch die Spuren dieses Ortes sind nach zwölf Jahren nur mehr spärlich zu finden. In Gesprächen mit ehemaligen UtopistInnen werden alte Erinnerungen wachgerüttelt.

Wir wollten einfach Werkstätten (es waren ja viele Leute dabei, die handwerklich gearbeitet haben), Kultur und sozialintegrative Momente unter ein Dach bringen“, meint die Künstlerin Lies Bielowski rückblickend auf ein Projekt, aus dem schließlich das Utopia werden sollte: die Traumwerkstatt. Dabei handelte es sich um ein umfassendes Werkstätten- und Kulturprojekt, das Anfang der 1980er ausgearbeitet wurde. Der Plan war ein offenes Haus zu schaffen, wo HandwerkerInnen und KulturarbeiterInnen unter einem gemeinsamen Dach vereinigt sind. Man wollte neue Arten von Arbeit, Kultur und Leben erproben. Eine Tischlerei, eine Töpfer- und Siebdruckwerkstatt, ein Nähatelier, eine Schlosserei, ein Kulturraum sowie ein Buchladen sollten darin Platz finden. 1984 fand man dann in einer ehemaligen Schlosserei in Wilten die passende Örtlichkeit.

Doch schon bald stellten sich die ersten Probleme ein.
Zwar gab es eine eineinhalbjährige Mietfinanzierung durch Subventionen, allerdings noch keine Zusage für die Zeit danach. Klaus Bucher und Christine Margreiter, ebenfalls Mitglieder der Traumwerkstatt, versuchten dann auf eigene Faust zu starten. Sie gründeten das Utopia und der Keller wurde bespielt. Inzwischen wurde auch klar, dass Tischlerei und Schlosserei keine Genehmigungen für ihre Maschinen bekamen, erinnert sich der Tischler und Mitinitiator der Traumwerkstatt Gerhard Höckner. Auch das Nähatelier mit Hermine Span und Lies Bielowski löste sich bald auf. Span wechselte zu ihrem heutigen Platz beim Treibhaus, Bielowski blieb dann noch einige Zeit, aber nach ca. drei Jahren war sie, wie auch die Töpferei und die Buchhandlung Parnass, ebenfalls weg. So zerfiel die Vision von einem gemeinsamen Haus mit einer gleichberechtigten, transparenten und selbstverwalteten Unternehmensstruktur. Das ursprüngliche Konzept  musste der Realität angepasst werden.
Im Oktober 1985 eröffnete schließlich der Utopiakeller. Der Vorstand setzte sich aus Klaus Bucher, Christine Margreiter, Wolfgang Burtscher und Regina Obermayr zusammen. Das Café im selben Gebäude machte 1986 auf. Es hatte einen eigenen Trägerverein, dessen Vorstand jedoch aus denselben Personen in anderer Funktion bestand. Ein Resultat von Meinungsverschiedenheiten bezüglich der kulturellen Ausrichtung des Utopia.
Die Entstehung der Traumwerkstatt und der Ursprung des Utopia fielen in eine besondere Zeit in Innsbruck, hebt Lies Bielowski heute hervor: „Es brauchte so einen Findungsprozess. Das habe ich in der Zeit damals schon toll gefunden in Innsbruck, dass es solche Spielplätze gegeben hat und keine vorgefertigten Räume. Das hat in Innsbruck etwas in Bewegung gesetzt.“

Die Legende am Bergisel: Das Utopia Festival
Das Programm des Utopia entwickelte ein breites Spektrum. Wolfgang Burtscher erinnert sich an seine Vielfalt. Sowohl lokale als auch internationale Gruppen fanden Platz. Daneben gab es Veranstaltungen wie die berühmte Dienstagsdisco mit Musikladeninhaber Rudi Böschl. „Wir wollten keinen Kommerz, auch wenn wir uns inhaltlich nicht immer einig waren. Wir wollten uns selbst finanzieren, um unabhängig zu bleiben.“ Das gelang dem Utopia, zumindest bis zum legendären Utopia Festival 1987, besser bekannt als Bergiselfestival. Ursprünglich waren zahlreiche Stars wie Peter Gabriel und Herbert Grönemeyer geplant, teilweise auch schon angekündigt. Doch aufgrund von Unstimmigkeiten zwischen Agenturen blieben dann nur wenige Namen übrig. Zusätzlich gab es bezüglich der Finanzierung Fehlinformationen, organisatorische Versäumnisse und  Wetterpech.
Burtscher erinnert sich zurück, wie Klaus Bucher meinte, er mache sich keine Sorgen um genügend Besucher, sondern um die 3.000 Leute vor dem Stadion, die keine Karten mehr bekommen. Doch es kam anders und das Festival floppte. Am Ende blieben ein sagenhaftes Konzert von Miles Davis und ein dickes Minus im Budget zurück. Dazu kamen noch die Schulden aus dem laufenden Betrieb, sodass das Utopia seine finanzielle Unabhängigkeit schließlich aufgeben musste.  Der Kellerverein ging Konkurs, der Caféverein musste die Schulden übernehmen und Klaus Bucher ging. Durch eine neue Geschäftsführung, Kultursubventionen, aber auch dank Privatkrediten von BesucherInnen des Utopia konnte das weitere Überleben gesichert werden.

Innsbruck um ein Stück weite Welt bereichern.
Das Utopia hatte inzwischen schon eine enorme Bedeutung im kulturellen Leben in Tirol. Die regionale Szene profitierte von speziellen Schwerpunkten wie dem Regionalmonat. Einen Monat lang lag das Hauptaugenmerk auf der Tiroler Szene. Außerdem konnten Gruppen wie die Hosi ihre Gaydisco dort veranstalten, später die Libertines ihre Fetisch- und SM-Partys Smash.
Aber auch in Sachen zeitgenössischer Kunst war das Utopia pionierhaft. Die ehemalige Mitarbeiterin und heutige Geschäftsführerin der Klangspuren, Maria-Luise Mayr, erzählt, wie die Stadt Innsbruck 1989 Konzepte für die Belebung des Innsbrucker Sommers suchte. Das Utopia brachte ihre Idee zu Kunst im öffentlichen Raum ein. Für die Kunststraße bekamen sie den Zuschlag. Renommierte KünstlerInnen wie Maurizio Nannuci oder Llorenc Barber präsentierten im Sommer ihre künstlerischen Werke im Innsbrucker Stadtbild.

Ein weiterer jährlicher Höhepunkt war das Voices Festival.
Die menschliche Stimme stand im Fokus eines urbanen Festivals. Innsbrucker Kirchen und Kulturorte sind in dieser Zeit bespielt worden. Internationale KünstlerInnen wie Blixa Bargeld, Shelley Hirsch oder die Jungle Brothers kamen nach Innsbruck. Christine Margreiter, langjährige Verantwortliche für das Utopia und Initiatorin dieser Veranstaltung, betont, wie wichtig es immer war, einen Ort zu schaffen, wo man sich austauscht, inspiriert wird und wo man Spaß haben kann. „Das war unser Anspruch und diesen haben wir versucht umzusetzen. Mal mehr und mal weniger erfolgreich.“ Dieser Gedanke spiegelt sich in vielen Ideen, die das Utopia hervorbrachte, wider. So wurde 1997 erstmals auf der Seegrube ein Festival veranstaltet: das Wetterleuchten Festival, welches es bekanntlich heute noch gibt.
Doch nicht nur im kulturellen Bereich war das Utopia prägend, auch im IT- und Webbereich war es am Puls der Zeit. Der langjährige Utopiamitarbeiter Peter Mössmer, zuletzt vor allem fürs Booking zuständig, erzählt: „Ich habe sofort mit Computern gearbeitet. Das haben die Agenturen damals noch nicht gehabt, das war eine günstige Zeit.“ Er war auch daran beteiligt, als der erste Kulturserver Transnomad 1996 im Utopia aufgestellt wurde – ein Kulturprojekt in Zusammenarbeit mit dem Kulturverein Transit. Auf diesem Server war auch die Utopia-Website zu finden. Und das Utopiacafé war eines der ersten öffentlichen Internetcafés in Innsbruck.

Das Ende einer Utopie.
1998 verabschiedete sich Peter Mössmer, einer der letzten, der von Anfang an dabei war. Mit seinem Abgang änderte sich auch die Ausrichtung des Utopia. Man setzte vermehrt auf Partys und weniger auf Konzerte. Diese liefen besser. „Das war der Beginn des Endes“, so Reinhard Prinz, kaufmännischer Leiter nach Christine Margreiter. Das Publikum änderte sich und die neue Linie schlug sich auf die bis dahin gute Kommunikations- und Subventionsstruktur mit den politisch Verantwortlichen nieder. Der Bund stellte die Subventionen ein, die Betriebsstruktur des Utopia blieb jedoch gleich. Für Prinz war das die logische Folge: „Wenn du als Kulturbetrieb deinem Konzept nicht mehr treu bleibst und die Buntheit nicht mehr da ist und man zum Partyschuppen degeneriert, dann musste man abstürzen.“
Das Kultur- und Kommunikationszentrum Utopia gab es noch einige Jahre, dann war der Konkurs offiziell. Die heutige p.m.k.-Geschäftsführerin Ulli Mair versuchte zum Schluss als kaufmännische Leiterin, das Haus zu retten. Doch zu diesem Zeitpunkt war es schon zu spät. Die Stadt Innsbruck war nicht mehr daran interessiert, das Kulturzentrum zu unterstützen und den ausgearbeiteten Entschuldungsplan zu akzeptieren. Noch im Jahr 2001 schloss das Utopia seine Pforten.
Heute ist dort das Weekender, und bis auf das Gebäude erinnert nicht mehr viel an das Utopia. Auch wenn es die Einrichtung schon über ein Jahrzehnt nicht mehr gibt, wirkt der Geist des Utopia in vielen Erinnerungen nach. Eines wird in den Gesprächen mit den ehemaligen Kulturtreibenden und BesucherInnen klar: Sie erlebten dort unglaubliche Konzerte und Events. Martin Gollreiter, ebenfalls ehemaliger Utopiamitarbeiter, bringt es im Gespräch auf den Punkt: „Das Utopia war einmal der place to be!“