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Kunst im öffentlichen Raum. Ein Guide.

#10 2012 / Jürgen Tabor

Sich mit der Kunst im öffentlichen Raum Tirols zu beschäftigen, ist nicht nur der künstlerischen Arbeiten wegen eine spannende Sache, sondern auch, weil kaum eine Geschichte so verworren ist wie diese. Obwohl es durchaus eine Offenheit für Arbeiten gibt, die sich mit Orten außerhalb der Kunstinstitutionen auseinandersetzen, zeigen die unterschiedlichen Niveaus und Funktionalisierungen durch die Auftraggeber und Initiatoren, dass ein Diskurs darüber fehlt, was „öffentliche Kunst“ kann und soll. Dieser Versuch eines Guides versteht sich als Anregung zu einer solchen Diskussion.

Bereits 1949 wurde von der Tiroler Landesregierung beschlossen, öffentliche Bauten durch Kunst am Bau aufzuwerten, wodurch prinzipiell auch ein Grundstein für eine außermuseale Auseinandersetzung mit Kunst gelegt wurde. Der jüngere und breitere Begriff Kunst im öffentlichen Raum, in dem die Kategorie Kunst am Bau faktisch subsumiert ist, entwickelte sich im Kontext von Richtungen wie Happening, Minimal Art, Land Art und urbanistischen Praktiken auch international erst ab den 1960er-Jahren. Zu einer gezielten Auseinandersetzung mit Kunst, die im öffentlichen Raum stattfindet, kam es in Tirol allerdings kaum, weil diese durch zugleich mitgelieferte konservative politische Rahmenbedingungen eingebremst wurde. Die Bauten sollten durch Kunst primär verschönert und individualisiert werden. Die wenigen kritischen und herausfordernden Arbeiten wurden skandalisiert wie Max Weilers Fresken in der Theresienkirche (1946/47) und am Innsbrucker Bahnhof (1954) oder demontiert wie die von Oswald Oberhuber für die Chirurgische Klinik in Innsbruck konzipierte Röhren-Plastik (1971/72).
Was an der Entwicklung der Kunst im öffentlichen Raum in Tirol auffällt, ist, dass es keine stringente Positionierung, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Träger und öffentlicher ebenso wie privater Initiativen gab und gibt. Zu den größten Auftraggebern von Kunst am Bau zählen derzeit die Neue Heimat Tirol und Wohnbaugesellschaften wie Tigewosi oder Spektra. Auch die Asfinag gibt in Zusammenhanghang mit dem Straßen- und Tunnelbau immer wieder Einzelprojekte in Auftrag. Das Land Tirol hat beim Neubau des Landhauses mehrere gute Werke integriert ebenso wie die Stadt Innsbruck bei der Konzipierung des neuen Rathauses. Auf eigene Initiative haben beispielsweise auch die Raiffeisenbank, die Wirtschaftskammer, die IVB und das Wifi ihre Gebäude mit öffentlich zugänglichen Skulpturen, Wandmalereien und Installationen ausgerüstet.
Von großer Bedeutung für die Entwicklung von Kunst im öffentlichen Raum, die nicht bei Kunst am Bau stehen bleibt, war der von 1998 bis 2002 von der Galerie Elisabeth & Klaus Thoman initiierte und organisierte Skulpturenpark bei Schloss Ambras. Seit 2001 hat sich auch die Künstlergruppe plattform kunst ~ öffentlichkeit mit Forderungen, Konzepten und Projekten eingebracht.

Ein Dickicht an Ansätzen und Auftraggebern
Der Grund für das Dickicht an Ansätzen und Initiativen liegt im fehlenden Verständnis, dass nicht nur die Entwicklung von Ausstellungshäusern, Museen und Sammlungen auf einem kontinuierlichen, professionellen Konzept aufbauen muss, sondern auch die „öffentliche Kunst“, um für die Menschen vor Ort relevant und bereichernd sein zu können. Die Schwierigkeit dabei ist, dass sich der öffentliche Raum nicht so klar umgrenzen und bespielen lässt wie eine Kulturinstitution. Das Kaufhaus Tyrol, die Universität, die Busse und Straßenbahnen mögen öffentliche Räume sein; was sich in ihnen abspielt, wird jedoch von ihren Besitzern und Verwaltern bestimmt. Die Maria-Theresien-Straße mag ein öffentlicher Platz sein; das Geschehen auf diesem Platz wird aber genauso von der Stadtverwaltung reguliert wie dasjenige auf dem Landhausplatz von der Landesverwaltung. Dasselbe gilt für die verschiedenen Landschafts- und Naturzonen. Es gibt de facto keinen öffentlichen Raum, der frei von Interessen und Regulatoren ist. Die Frage „Wem gehört die Stadt?“, die plattform kunst ~ öffentlichkeit 2012 in einem partizipativen Kunstprojekt stellte, ist daher eine überaus wichtige, die auch über den Stadtbezug hinausreicht.
Die Heterogenität des öffentlichen Raums ist an sich gut. Ohne aber Konzepte zu verfolgen, die vor allem an den sozialen, politischen, historischen, architektonischen und ökologischen Problemstellen ansetzen, schlittert die öffentliche Kunst in ein großes Problem: Sie wird mittelmäßig, harmlos und brav. So spannend es ist, durch Ima Plotz’ Kompendium über Kunst am Bau in Innsbruck (erschienen 2007) zu blättern, um mehr über die Fresken, Mosaike, Brunnen und Skulpturen zu erfahren, die man sonst ständig übersieht, so gelangweilt fühlt man sich, ob der Belanglosigkeit eines Großteils der Werke, die in diesem Zeitraum entstanden sind. Ein ähnliches Problem hat die an sich gute Einrichtung des 2006 vom Land Tirol initiierten, jährlichen Wettbewerbs Kunst im öffentlichen Raum Tirol (www.koer-tirol.at). Obwohl der Wettbewerb international ausgeschrieben ist und eine Expertenjury aus den Einreichungen die Auswahl trifft, verlaufen die Projekte überwiegend unterhalb der Bewusstseinsschwelle der Öffentlichkeit. Es fehlt an Problembewusstsein, Relevanz und Nachhaltigkeit. Ein frei ausgeschriebener Wettbewerb kann in dieser Hinsicht kaum mit einer gezielten konzeptuellen Entwicklung mithalten.

Ein selektiver Guide mit einigen Highlights
Christoph Hinterhuber hat für drei sehr unterschiedliche Stellen in Innsbruck präzise Lichtarbeiten konzipiert, die sich innerhalb des Waldes von Beleuchtungen und Reklametafeln einen eigenen Raum schaffen. Die Arbeiten setzen sich jeweils mit dem Ort auseinander, an dem sie installiert sind, bringen darüber hinaus aber auch einen neuen gedanklichen Raum mit ein. Die Arbeiten bestehen aus exakt ausgewählten Text- und Wortkombinationen, die durch die Signalwirkung des Lichts und die von Hinterhuber
immer wieder verwendete, legendäre Schriftart Futura an uns appellieren. Die 2009 auf der ausrangierten Hungerburgbahn-Brücke installierte Neonschrift de-decode de-recode re-decode re-recode ist bereits zu einem öffentlichen Markenzeichen einer zeitgenössischen Intellektualität geworden. Der Textalgorithmus visualisiert die unsichtbaren Codierungen, durch die ein Großteil der Welt heute funktioniert. Die funktionslos gewordene Hungerburgbahnbrücke wird durch den Schriftzug selbst recodiert, indem sie mit einer neuen Trägerfunktion aufgeladen wird. Auch der für die p.m.k entworfene, von Marx abgeleitete Schriftzug ohne theorie keine revolution, der dort seit 2004 besteht, bezieht sich auf den Ort und seine Diskurse und ist zugleich als Aufforderung zu verstehen. event horizon (vertikal) ist eine neue, temporäre Lichtinstallation von Hinterhuber. Aus dem Inneren der Rotunde bei der Talstation der alten Hungerburgbahn strahlt jede Nacht im gesamten Jahr 2013 von 23 bis 6 Uhr eine pink eingefärbte Lichtsäule in den Nachthimmel.
Peter Sandbichlers Installation 47,16° North (2005) erhellt mit hunderten farbigen Lichtpunkten nicht nur die düstere Passage zwischen Maria-Theresien-Straße und Sparkassenplatz, sondern zählt auch zu den beliebtesten touristischen Fotomotiven Innsbrucks. Abgesehen davon, dass die Installation durch das Lochmusterdesign dem Unort Attraktivität verleiht, eröffnet sie auch einen spannenden Denkraum. Auf Basis der geografischen Lage der Stadt und der sich daraus ergebenden Zeiten des Sonnenstandes wird eine zweimal täglich wechselnde Bildkomposition erzeugt, die den jeweiligen Tages- und Nachanteil durch entsprechende Farbkombinationen repräsentiert.
Zu den wenigen Arbeiten im öffentlichen Raum Innsbrucks, die eine spezifisch gesellschaftspolitische Dimension haben, zählen vor allem Lois Weinbergers Stahlkäfig Garten – eine poetische Feldarbeit (1999) auf dem Sowi-Areal und Isa Genzkens Großfotografie Ohr (2002), die im Außenraum am Rathaus angebracht ist und von dessen Campanile aus zu sehen ist. Weinberger erzeugt mit dem Käfig einen durchlässigen, aber klar eingegrenzten Innenraum, der den Wachstums- und Verfallsphasen der sich ansiedelnden Natur, aber auch achtlos weggeworfenen Abfällen überlassen ist. Die Arbeit ist einerseits eine monumentale Sperrzone, andererseits bildet sie das Leben ab, das sich in ihr einen Weg zwischen Überleben und Entfaltung sucht. Isa Genzkens überdimensionale Fotografie eines menschlichen Ohrs ist nicht nur Zeichen und Aufforderung zu einer offenen Stadtpolitik, sondern befragt auch das Verhältnis zwischen Körper und Architektur.
Thomas Feuerstein ist im öffentlichen Raum von Innsbruck vor allem mit Kunst-am-Bau-Projekten vertreten. Seine neueste Arbeit ist die Konzeption einer durchsichtigen Schallschutzwand für die Wohnanlage am Gießen. Die Gestaltung greift das typische Motiv für den Vogelschutz auf, zeigt es jedoch zu einem Schwarm vervielfältigt, der sich selbst wiederum zum Wappentier des Adlers formiert. Das Motiv repräsentiert den wie durch eine unsichtbare Hand zustande kommenden Zusammenschluss von Individuen zu einem übergeordneten Machtsystem.
Außerhalb von Innsbruck beschäftigt sich Peter Raneburger seit mehreren Jahren mit Kunst-am-Bau-Projekten. Eine neu entstandene Arbeit ist das Fassadenstück lifeline, das er für eine Wohnanlage in Kundl entworfen hat. Die Arbeit zeigt auf radikale Weise, welche Möglichkeiten in den heutigen Bildreproduktionsverfahren stecken. lifeline ist eine stark vergrößerte Reproduktion einer expressiven Zeichnung, die von der individuellen Handschrift Raneburgers lebt und sich in die neutrale Architektur des Gebäudes einschreibt. Thema der Zeichnung sind die grundlegenden menschlichen Lebensverläufe von der embryonalen Phase über die Entwicklung einer individuellen Persönlichkeit bis hin zur Auflösung der Existenz.
Eine Arbeit, die abseits von Stadt und Verkehr im Naturraum verankert ist und sich dem unmittelbaren Zugriff von Institutionen und BetrachterInnen entzieht, ist Martin Gostners Werk Erker (6) Supersäfte Superkräfte bei Maria Waldrast, 27.07.2011, N47°07.827’ E011°23.966’ 1815M. Es befindet sich nahe des Servitenklosters Maria Waldrast, das zu den höchstgelegenen Wallfahrtsorten in den Alpen zählt. Der Sage nach hat sich Maria an diesem Ort ausgeruht und ein Bild hinterlassen, das im Jahr 1407 von zwei Hirten
aufgefunden wurde. Der Moment des wundersamen Auffindens nach einem Prozess des Suchens ist auch Teil der Arbeit Gostners, die im Titel präzise GPS-Daten enthält. Das in situ geschaffene Werk bezieht sich dabei speziell auch auf eine bereits im 16. Jahrhundert gefasste Quelle bei Maria Waldrast, deren Wasser heilende Wirkung haben soll. Mit der Arbeit „zoomt“ Gostner gleichsam in die Vergangenheit, jedoch ohne historisierende und museale Strukturen anzuwenden. Vielmehr ist das Werk selbst der Witterung und möglichen Eingriffen ausgesetzt und birgt die ständige Möglichkeit des Verschwindens in sich.
Ohne Frage gibt es in den öffentlichen Räumen Tirols noch eine Reihe weiterer spannender Arbeiten, insbesondere auch temporäre Installationen und Projekte. So sind in jüngster Zeit Projekte entstanden wie weites feld (2012) von Milena Meller, die mit fotografischen und malerischen Mitteln das Einzugsgebiet der Hallerstraße in Innsbruck untersucht und in einem schönen
Buch dokumentiert hat, oder Nabila Irshaids Workshop STRANGE FRUITS (2010) in der St. Alban Kirche in Matrei in Osttirol, in dessen Rahmen sie auf Basis von Motiven aus Tirol und Palästina mit den Menschen vor Ort neue Sitzpolster für die Kirche produzierte. Zeitlich begrenzte Projekte, die längst vergangen sind, lassen sich allerdings schwierig in einen Guide zur Jetztzeit integrieren. Daraus lässt sich jedoch nicht ein Plädoyer für mehr permanente Installationen ableiten, aber jedenfalls eines für mehr Mut und Relevanz.