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Leak yourself, Tyrol!

#10 2013 / Valentin Dander

Wo stehen in Tirol Obstbäume auf öffentlichem Grund? Für welche Stadtteile lassen sich soziale Verdrängungsprozesse ablesen? Wer finanziert den Landtagswahlkampf 2013? Das Tiroler Portal für Open Government Data könnte helfen, diese Fragen zu beantworten.

Wer in Wien Lust auf saisonales Obst hat, aber nicht dafür zahlen will, kann mit seinem Smartphone nach Obstbäumen auf öffentlichem Grund suchen und sich bedienen. Möglich wird das durch Daten aus dem Baumkataster der Stadt Wien, die in eine interaktive Karte eingetragen wurden. Das ist nur eines von vielen Beispielen, was BürgerInnen mit offenen öffentlichen Daten – Open Government Data – anfangen können.
Open Government Data (OGD) ist ein globales Projekt, wird seit 2007 von Nichtregierungsorganisationen beworben und zielt auf frei zugängliche Verwaltungsdaten. Seither stellen Staaten und Organisationen solche Daten online. Im April 2012 öffnete das Land
Tirol eines von aktuell 13 Portalen österreichweit. Gegen Jahresende bot data.tirol.gv.at bereits mehr als zwanzig Datensätze in Kategorien wie Verwaltung und Politik, Geographie und Planung oder Sport und Freizeit – gemäß den OGD-Prinzipien unter freien Lizenzen.

Mountainbike-Routen auf Datenberge
Ob Staaten, Länder oder Gemeinden, sie alle sammeln andauernd Daten, die sie für die Verwaltung benötigen. Diese Daten bleiben trotz ihres Potenzials für die Zivilgesellschaft zumeist unter Verschluss. OGD ändert das grundlegend. Die digitale Kreativindustrie soll Anwendungen für die Weiterverwendung dieser rohen Daten produzieren und diese damit zu Information und Wissen veredeln. Das Projekt OGD zielt also explizit auf zivilgesellschaftliches Engagement – und das braucht offenbar seine Zeit. Das Tiroler OGD-Portal bietet bis dato lediglich einen frei verfügbaren Kartendienst für Mountainbike-Routen. Dieser bedient sich an einem freien Datensatz und dem Web-Kartendienst Open Street Map. Während in Tirol bislang ein zartes Pflänzchen steht, wuchert es andernorts: So wurde beispielsweise der Budgetentwurf der österreichischen Bundesregierung visualisiert, in Graz wurde die Bevölkerungsentwicklung analysiert und in San Francisco können online sogar sämtliche Parteiförderungen verglichen werden.
In den Augen der VisionärInnen ist OGD nur der erste Schritt. Bereits jetzt kann man mit Hilfe von OGD erkennen, in welchen Stadtteilen soziale Verdrängungsprozesse stattfinden. Durch die Vernetzung öffentlicher Daten ließen sich Zusammenhänge zwischen Innsbruck und ähnlich großen Städten herstellen. Pforzheim zum Beispiel, oder Tscherkessk. Sobald nämlich Computer maschinenlesbare Daten sinnvoll verarbeiten können, erreiche das World Wide Web – so die Vision – eine neue Evolutionsstufe, das Semantic Web.

Democracy Now?
Open Government und OGD stehen für demokratiepolitische Hoffnungen und entsprechend bedienen PolitikerInnen diese in der Kommunikation nach außen. Auf der Webseite des Weißen Hauses prangt folgendes Zitat von Barack Obama: „We will work together to […] establish a system of transparency, public participation, and collaboration. Openness will strengthen our democracy.“ Solche Versprechen stimmen nicht ganz mit dem Status quo politischer Kultur überein.
Oder reißerisch formuliert: Jegliche Hoffnung auf ein amtliches Verzeichnis davon, wer welche PolitikerInnen zu welchem Zweck auf eine Jagd eingeladen hat, muss enttäuscht werden. Denn diese haben – teilweise zu Recht – wenig Interesse daran, all ihre Tätigkeiten offenzulegen. Unsere Gesellschaft ist also weiterhin auf „Datenlecks“ angewiesen. Auf Leaking-Plattformen etwa oder auf investigativen Journalismus, wie ihn Markus Wilhelm in Tirol mit dem Blog dietiwag.org betreibt. Wir erinnern uns an die Causa des zurückgetretenen Finanzlandesrats Christian Switak.

It’s the Economy, Stupid!
Hinter diesen vordergründig ausgestellten Schlagwörtern „Partizipation“ und „Transparenz“ finden sich auch wirtschaftliche Interessen. Selten wird das der breiteren Öffentlichkeit so deutlich kommuniziert wie von Neelie Kroes, der EU-Kommissarin für Digitale Agenda. Sie rief dazu auf, die „Goldmine“ OGD für die EU zu erschließen. Das wirtschaftliche Potenzial „from geo-location sevices to weather forecasts“ liege bei bis zu 70 Mrd. Euro Jahresumsatz. Angesichts dieser Summe drängt sich die Frage auf, ob OGD seitens der Politik nicht primär als Projekt zur Wirtschaftsförderung gedacht werde. Anke Domscheit-Berg war mehrere Jahre für Microsoft tätig und lobbyierte zeitgleich für Open Government, befand sich also in einer höchst ambivalenten Rolle. Und natürlich sind es vielfach IT-ExpertInnen, die den OGD-Ansatz im Namen der Zivilgesellschaft vorantreiben.
Neben solchen Interessenskonflikten zeigen kleine Schwächen in der Anwendung, dass sich OGD in der Experimentalphase befindet. Programmanwendungen übersetzen die Rohdaten nicht immer ganz verständlich. Manche Anwendungen lassen etwa Legende und Kontext vermissen. Solche Ungenauigkeiten sind, wenn nicht ärgerlich, so zumindest sehr schade. Am Beispiel der Anwendung Simple Ozon wird der Punkt deutlicher. Diese verzeichnet auf einer Österreichkarte Ozonwerte in Zahlen und Farben. Nur, was bedeutet die Angabe „Ozon 1h: 80 µg/m³“ in Verbindung mit roter Farbe? Eine knappe Ergänzung könnte hier Sinn stiften.
Auch die Ablaufdaten einzelner Anwendungen können auf Dauer zu einer Sisyphosarbeit führen. Gerade Smartphone-Apps sind zwangsweise auf bestimmte Systeme zugeschnitten und können bereits mit dem nächsten Update auf der Müllhalde der digitalen Kurzgeschichten landen.

Lasset Daten Taten folgen
Alle angerissenen Ambivalenzen lassen kein eindeutiges Fazit zu. Vielmehr fordern sie dazu auf, sich wachen Auges mit dem Thema zu befassen und die sich öffnenden Möglichkeiten wahrzunehmen. Denn die Forderung „Lasset auf Daten Taten folgen“ richtet sich nicht nur an Politik und IT-Menschen, sondern gerade an die Zivilgesellschaft als Ganzes.