Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Tirol Panoramen

#10 2013 / Benedikt Saurer

Kulturzeitschriften seit 1945

Mindestens 80 Kulturzeitschriften sind in den bald 68 Nachkriegsjahren in Tirol und Südtirol gegründet worden.  Die Landstriche sind fruchtbar, nicht nur in der Agrikultur: verschränkte Kulturräume mit sich beäugenden, sich ignorierenden, sich suchenden AkteurInnen. Bemerkenswert, dass die ideologische Rahmung der „kulturellen Landeseinheit“ einem originären Austausch nicht im Wege stand, sich in Kooperationen eine Kulturpublizistik entwickelte, die auch gesellschaftlichen Aufbruch begleitete, gar mitbewirkte.

Der Rundblick zeigt einen vielfach umgegrabenen, immer wieder neu bepflanzten Boden. Die meisten Medien leben kurz, manche Spur nehmen andere auf. Ein Drittel der Zeitschriften gab es weniger als fünf Jahre lang, einige ein Jahr, fünf nur als eine Ausgabe. Ein weiteres Drittel hielt sich bis zu zehn Jahre. Zwölf Medien wurden älter. Zwei Zeitschriften – das Fenster (1967–2001) mit 70 Ausgaben und die Vinschgauer ARUNDA (seit 1976) mit 76 – begleiteten eine ganze Generation von LeserInnen.

Das Spektrum ist breit.
Wir sehen Blätter, die sich dem Blättern entziehen, wie die in zwei Schaukästen präsentierte Lienzer Wandzeitung (ab 1988) oder Produkte des „Magazins“ von Cognac & Biskotten (seit 1998) mit „literarischem Plastiksackerl“, „literarischer Tischdecke“, einer Schallplatte.

Zwei Periodika immerhin sind zum Scrollen, die Netzmagazine literaturkritik.at (seit 2008) und Literatur im Lichthof (seit 2012).
Es gibt schlicht gestaltete Hefte wie den Thurntaler (1977–87), der im „Neben-Nebental“ Villgraten verlegt, mit volkskundlicher Beobachtung, Sozialstudien, Literarischem und Essays dank der Weitsicht des Herausgebers Johannes E. Trojer im Blick auf Veränderungen vor Ort überregional Beachtung fand. Am Tisch liegt der Gaismair-Kalender (1979–94), der im populären Format mit
einer Genre-Vielfalt von Sachbeitrag, Reportage, Lied, Lyrik, Fotos, Karikaturen wichtige Gegenöffentlichkeit darstellte.
Wir finden Programmhefte wie aut info des Zentrums architektur und tirol (aut), in denen (seit 2005) Veranstaltungstipps mit Vertiefungen und Textminiaturen verbunden sind.

Revue culturelle.
Wir sehen vor allem im Rückblick auf die erste Zeit nach 1945 weitgehend Brachland – mit zwei Ausnahmen: die von den französischen Befreiern finanzierten Zeitschriften Wort und Tat (1946–48) und Panorama (1948).
Die zehn Hefte Wort und Tat, von der Kulturjournalistin und Autorin Lilly von Sauter als „Rédactrice“ mit dem Leiter des französischen Informationsdienstes Georges Bourgeois herausgegeben, mit Redaktionen in Innsbruck und Paris, Korrespondenzen von Amsterdam bis Bukarest, präsentierte neben französischen ZeitgenossInnen (u.a. Camus, Aragon) auch britische und amerikanische Moderne (Joyce, Virginia Woolf, Faulkner), bildende Künstler wie Chagall, Schiele, Kokoschka oder den jungen Paul Flora. Unter österreichischen AutorInnen fallen Ernst Schönwiese oder der Exillyriker Theodor Kramer auf, neben Kafka. Das „Geleitwort“ plädierte für Einmischung: „Soll unser Geist seine Freiheit behaupten, dann muß er in unsere Zeit hineintauchen, nicht blind parteiisch, wie es das Naziregime verlangte, sondern er hat der Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen.“
Auch Panorama – Die aktuelle Kulturrundschau bot, halbmonatlich, vor allem internationale Beiträge, österreichische LiteratInnen oder KünstlerInnen waren in der Minderheit.
Wohl wahr, dass in Innsbruck seit 1910 „die einzige ehrliche Revue Österreichs“ (Karl Kraus) erschien, Ludwig von Fickers Der Brenner. Doch nach den Zäsuren beider Weltkriege erschienen bis zum Ende des Brenner 1954 nur noch drei weniger wichtige Ausgaben.

Erste Ansichten.
Nach Jahren sprießt dann 1964 ein zeitgenössisches Pflänzchen dank des Studenten Peter Weiermair, dem späteren arrivierten Kurator, Leiter des Forums für aktuelle Kunst. Angeregt durch die 1950 gegründeten Österreichischen Jugendkulturwochen in Innsbruck, bringt Weiermair vier Hefte ansichten (1964/65) heraus, zeigt neuere österreichische Tendenzen mit Texten u.a. von Artmann, Bauer, Jandl, Mayröcker. Da die Kulturwochen 1969 – als die 23-jährige Jelinek zwei Erste Preise holte – politisch abgewürgt wurden, protestierten AutorInnen mit einer Marathonlesung und Jo Prammer und Gerhard Kofler mit menetekel Heft 1, einem einmaligen.
Politisch motiviert ist auch 1969 die Auswanderung österreichischer KünstlerInnen nach Bozen: Dank der Brenner-Grenze konnten in „Bolzano“ die zuhause nicht willkommenen Aktionisten und experimentellen Autoren Günter Brus, Gerhard Rühm, Oswald Wiener die Zeitschrift Schastrommel gründen als „Organ der österr. Exilregierung“.

Den Gigger rupfen.
In Südtirol sind die Jahre 1968/69 die Zeit eines Aufbruchs. Zwei Zeitschriften sind dafür mitverantwortlich als Ausdruck der regionalen Studentenbewegung, die nördlich des Brenners später sichtbar wird: die kurzlebige brücke (1967–69), Monatsblatt „für Kultur und Gesellschaft“, und der 1956 gegründete skolast der Südtiroler Hochschülerschaft (SH), der sich gegen Ende der 1960er vom Vereinsorgan zum gesellschafts- und kulturpolitischen Blatt wandelt. Die brücke brachte regelmäßig Texte heimischer AutorInnen („Neue Werkstatt“), der skolast dokumentierte die aufsehenerregende SH-Studientagung 1969 „Kunst und Kultur“ in Brixen, bei der Norbert C. Kasers Diktum „Uns gehört das Wort!“ und seine polemische Vision, den „Tiroler Adler wie einen Gigger zu rupfen und ihn schön langsam über dem Feuer zu drehen“ enormen Widerhall fanden. Der skolast sollte von da an den engagierten Blick auf das Kulturschaffen behalten.
Nicht unter Vorzeichen gesellschaftlichen Aufbruchs stand der Start der gewiss nachhaltigsten Tiroler Kulturzeitschrift: des von Wolfgang Pfaundler von 1967 bis 2001 herausgegebenen, hauptsächlich vom Land Tirol finanzierten das Fenster. Doch beim Rückwärtsblättern zeigt sich, wie früh Pfaundler Talenten eine Bühne bot, anständig bezahlt. Heimatfernen Kreativen öffnete er die Läden. Die äußerlich nüchterne, im Innern hoch glänzende Zeitschrift ist Spiegelbild künstlerischer Entwicklungen im Land.

Die fruchtbarste Zeit sind die Jahre 1976 bis 1986.
14 Medien entstanden in diesem Jahrzehnt, die meisten von Relevanz. Trotz manches kurzlebigen Produkts waren Anfang/Mitte der 1980er ein Dutzend Periodika vorhanden. Ab 1976 brachte die ARUNDA mit Blick auf das „historische Tirol mit seinen Nachbarn“ Themenhefte, oft mit Literatur, Fotokunst, Zeichnung, Malerei. „Alternativ“ konzipiert war der Föhn – „Zeitschrift für’s Tiroler Volk“ (1978–81) mit Schwerpunkten zu Bergbauern, Fremdenverkehr, Religion oder Option. Von 1979 bis 1982 sah von Innsbruck aus die graugans auf neue Tendenzen im Kulturleben Vorarlbergs. Ab 1980 startet die Satirezeitung Luftballon (1980–84), der nach einer Klage des Bürgermeisters platzte.
Kurz zuvor war, finanziell bedingt, das Satireblatt WC Jodler der Kufsteiner Wühlmäuse (1974–83) verstummt.
In Südtirol beginnt 1981/82, zeitweise rund um die Schriftstellerverbände, dem konservativeren Kreis der Autoren und der linken Autorenvereinigung (SAV), die Arbeit der distel, ab 1997 kulturelemente (bis heute) und der stürzflüge (bis 2004). Letztere hinterlassen Wirkung mit kritischen Heften zu „Andreas Hofer“, „Juden in Tirol“, Schwerpunkten zu „Frauenliteratur“ und als Forum für die engagierte Gegenwartskunst.
Die erste reine Literaturzeitschrift entsteht 1984 in Innsbruck mit dem INN. Das Blatt mit besonderem Augenmerk auf Textqualität brachte und besprach für gut ein Jahrzehnt „Literatur für Tirol“, auch von außerhalb. Im selben Jahr startet Markus Wilhelm mit der politischen, literarisch stilisierten Streitschrift foehn. Die linke Machete hat in 16 Heften ebenfalls Platz für Kulturdebatten.
Über Tirol hinaus Anerkennung fand die großformatige Gegenwart (von Klier und Holzer), die von 1989 bis 1997 neben kulturpolitischen und satirischen Texten vor allem Essays unabhängig von Regionalbezug Platz einräumte.
Von den wenigen Gründungen der 1990er-Jahre sind nennenswert: die an Trojers Thurntaler orientierte Feldforschung (1995), von der zwei Hefte erschienen, Trümmer (1991), originell wie kurzlebig, weil vom Financier ÖH nicht mehr goutiert, und artefact (1997–2006) des „Kunstkollektivs Oberperfuss“.
Nach 2000 erfahren die Kulturlandschaften neue Belebung: die Literatur mit dem Magazin Wagnis, betreut von C.W. Bauer (2003–06), der mit feuilletonistischen Texten und Interviews auf Vermittlung setzte, sowie den Südtiroler Jahrbüchern filadrëssa (2001–08) mit Literatur aller drei autochtonen Sprachen.
Flim bemühte sich von 2006 bis 2008 um das bewegte Bild, im Mix aus Notizen und Filmanalysen abseits von Regionalität. Spuren, die Zeitschrift der Klangspuren Schwaz (seit 2005), haben einen Schwerpunkt auf Neuer Musik und Texte zum Regionalgeschehen in anderen Sparten.
Und seit 2003 geht Quart Heft für Kultur Tirol – das außerhalb des Landes am meisten beachtete Medium – auch überregional neue Wege: Die linken Seiten sind wie die Umschläge KünstlerInnen anvertraute Flächen, auf den Textseiten stehen Analysen, Reportagen, Gespräche, Essays, die die Region als Ausgangspunkt, Mittelpunkt oder Fluchtpunkt tangieren oder umkreisen.

Blieben: Ache, Adige panorama, Atme!, Cool_schrank, Darstellendes Spiel, Diagonale, Die Schwalbe, ethos, Ferdinandea, flash, I Brunsin, IDI-Information, Latmag, Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv, SALT, Sinnlostiroler Bote, Sprungbrett, Studio,
Theaterzeitung, Turris Babel, Tras, uhura, verbale, vissidarte, zeitschriftausdadamerz, Zillertaler Lyrikblätter, nebst den offiziellen Kulturberichten – womit noch nicht alle erwähnt wären im Blatt für kulturelle Nahversorgung.