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MOLEcafé

Tod ohne Trennung

#10 2013 / David Schreyer

Seit Vorarlberg einen eigenen islamischen Friedhof hat, geht in Sachen Integration mehr vorwärts denn je. Ist der Umgang mit den Toten ein wesentlicher Puzzlestein für ein funktionierendes Beieinandersein von Lebenden?

Muslime in Österreich sind es gewöhnt, provisorische Gebetsräume in dunklen Hinterhöfen zu besuchen. Daran, dass ihnen eines Tages ein ansehnlicher Ort zur Verfügung gestellt wird, konnte bis vor Kurzem niemand glauben. Das hat sich geändert – zumindest in Vorarlberg. Seit dem Frühjahr 2012 gibt es dort einen rein islamischen Friedhof. Seit Eröffnung der Anlage, so Vertreter der islamischen Gemeinden Vorarlbergs, bewege sich in Sachen Integration der islamischen MitbürgerInnen so viel wie nie zu vor. Kinder bitten ihre Eltern darum, sich nach deren Tod doch in ihrer Nähe, in ihrer neuen Heimat, bestatten zu lassen. Ist der Umgang mit den Toten ein wesentlicher Puzzlestein für ein funktionierendes Miteinander von Lebenden?

Vorarlberg hat etwa 386.000 EinwohnerInnen, davon gehören etwa neun Prozent einer islamischen Glaubensgemeinschaft an. Somit ist in Vorarlberg der Anteil an muslimischen Mitmenschen an der Gesamtbevölkerung etwa doppelt so hoch wie in Tirol. Besonders in den Sechziger- und Siebzigerjahren hat die Vorarlberger Textilindustrie intensiv um GastarbeiterInnen geworben. Speziell in der Türkei hat man sich um günstige MitarbeiterInnen bemüht. Die Menschen, die damals nach Vorarlberg kamen, hatten nicht im Sinn, für immer in den Alpen zu bleiben. Es kam anders. Sie haben Familien gegründet und Freunde gefunden. Dadurch entstand eine Bindung zu ihrer neuen Heimat. Und diese wurde von Jahr zu Jahr intensiver. Nur der Tod erinnert sie regelmäßig an eine Rückkehr in das Geburtsland. Verstorbenen steht sozusagen eine letzte Übersiedlung bevor – Tote werden meist überführt und in der ehemaligen Heimat beigesetzt. Ein Umstand, der islamische Familien aus der Verankerung hebt – die Nähe zu verstorbenen Familienmitgliedern ist ein wesentlicher Bestandteil von Heimatgefühl.
Der Tod ist für islamische MitbürgerInnen heute mehr Thema denn je – die Generation der Zuwanderer befindet sich mittlerweile im Sterbealter. Und so sind 2004 die islamischen Glaubensgemeinschaften an das Land Vorarlberg mit dem Wunsch nach einem eigenen Friedhof herangetreten. Nach all den Jahren in Vorarlberg möchten sie in ihrer neuen Heimat begraben werden. Der Vorarlberger Gemeindeverband hat sich des Themas angenommen und sich auf die Suche nach einem geeigneten Areal gemacht.

Aufgrund der innerhalb Vorarlbergs zentralen Lage setzte man sich im Altacher Gemeindeamt besonders intensiv mit dem Bau eines islamischen Friedhofs auseinander und stellte trotz aller Bedenken ein passendes Grundstück zur Verfügung. Eine Entscheidung, vor der man den Hut ziehen muss. Schließlich zählt die Etablierung von fremdem Kulturgut nach wie vor zum politischen Hochrisikobereich im Alpenraum. Jedoch berichtet Bürgermeister Gottfried Brändle Verblüffendes – die Diskussion sei sachlich und ruhig verlaufen. Der befürchtete Aufruhr in der Bevölkerung blieb aus, sodass 2007 der Vorarlberger Gemeindeverband die Gemeinde Altach mit Errichtung und Betrieb des Friedhofes betrauen konnte.

Es wurde eine Arbeitsgruppe gebildet. Dieser gehörte ein Vertreter der islamischen Glaubensgemeinschaften, die katholische Kirche, die zentrale Stelle für Integrationsfragen des Landes Vorarlberg okay.zusammenleben und die Gemeinde Altach an. Besonders dem Verein okay.zusammenleben und seiner Obfrau Eva Grabher kam eine wesentliche Rolle zu. Sie brachte Vertreter verschiedenster muslimischer Glaubensrichtungen, etwa Aleviten und Sunniten, an einen Tisch und diskutierte mit ihnen ihre Bedürfnisse, Ansprüche und Möglichkeiten.
Um den Friedhof auch in puncto Gestaltung professionell zu bearbeiten und umzusetzen, beschlossen die VertreterInnen der verschiedenen Plattformen, gemeinsam einen geeigneten Architekten bzw. eine geeignete Architektin zu suchen. Eine gemeinsame Entscheidung war es auch, einen österreichischen Baukünstler bzw. eine Baukünstlerin mit dem Thema zu beauftragen. Deshalb schrieb man einen beschränkten Architektenwettbewerb aus, den der junge, aus dem Bregenzerwald stammende Architekt Bernardo Bader für sich entscheiden konnte.
„Am Anfang war schon ein Kribbeln zu spüren, meine Mitarbeiter und ich stellten uns die Frage, ob wir das Thema überhaupt bewältigen können“, erzählt Bernardo Bader über die Zeit vor Beginn der Wettbewerbsarbeit. Zwar hatte das Büro bereits die Erweiterung des katholischen Friedhofs Krumbach umgesetzt, ein islamischer Friedhof war für sie jedoch absolutes Neuland. Nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema stellten sich Bernardo Bader und Team schließlich der Aufgabe. Die Aufgabenstellung verstand der Architekt als Aufforderung, eine funktionelle, landschaftlich ruhige und den Islam würdigende Anlage zu schaffen.
In intensiven Gesprächen wurden nach und nach Eckpunkte definiert. „Die Verantwortlichen bevorzugten eine einfache und pragmatische Herangehensweise, ohne dass das Thema des Islam in irgendeiner Art und Weise versteckt wird“, so Bader darüber, was er zwischen den Zeilen der vielen Diskussionen lesen konnte. Er besichtigte zahlreiche islamische Friedhöfe, etwa in Istanbul und im türkischen Hinterland. Dabei erkannte er, dass ein Friedhof im islamischen Kulturkreis eine sehr pragmatische Anlage ist. „Der Friedhof ist eine von der Natur abgegrenzte Fläche – er ist der erste Garten“, beschreibt Bernardo Bader seine Eindrücke. Auch im Koran sei das so beschrieben.

Die in Altach entstandene Anlage versucht genau diese Beschreibung zu übersetzen. Bader sieht seine Arbeit als landschaftsarchitektonisches Projekt – große Innenräume gibt es nicht. Ein zartes Geflecht von anfangs niedrigen und zur Straße hin hohen Mauern, schlanken Wegen, kleinen Plätzen und Grabflächen überzieht das Grundstück.
Als Grundmaterial, es bleibt über weite Teile der Anlage das einzige, wird alt-rot gefärbter Beton verwendet. Eine Erdfarbe, die dem in Beton gegossenen Friedhof eine gewisse Präsenz verleiht. Man sollte die Anlage nicht übersehen können.
Aus den Mauern heraus entwickelt sich an einem Ende der Anlage ein Bauwerk. Dieses teilt sich in zwei Teile und beherbergt die für die Verabschiedungszeremonie nötigen Räume. In einem Bauteil befindet sich auch der für das Ritual wesentliche Waschraum. In diesem findet die letzte Waschung statt. Dabei wird der Leichnam, einem strengen Ablauf folgend, gewaschen und in Leintücher gehüllt. Die Waschung einer verstorbenen Frau nehmen ausschließlich Frauen vor. An der eines Mannes nehmen nur Männer teil.
Im gegenüberliegenden und somit zweiten Bauteil befindet sich ein Andachtsraum. Besonders wichtig war es den beteiligten Personen, dass die Funktion dieses Raumes nicht missverstanden wird. Ein islamischer Friedhof benötigt einen Raum, in dem ein Gebet stattfinden kann. Allerdings ist es kein großer Gebetsraum, keine Moschee. Zudem dient dieser Raum als wärmende Einheit. Mütter und Kleinkinder sollen hier im Rahmen eines nasskalten Begräbnisses ein paar wärmende Minuten verbringen können. Deshalb sollte dieser Raum schlicht gehalten werden. Mit der Gestaltung des Gebetsraumes befasste sich die österreichisch-bosnische, am MIT in Boston lehrende Künstlerin und Architekturhistorikerin Azra Aksamija. Sie schuf einen ebenso schlichten wie stimmungsvollen Raum.

Zwischen den beiden Gebäudeteilen, grob gesagt Wasch- und Gebetsraum, liegt ein Verabschiedungsbereich. Ein Raum, der eigentlich ein Platz sein sollte. Der Tradition folgend findet die Verabschiedung von den Verstorbenen im Innenhof einer Moschee statt. Jedoch einigte man sich in Altach darauf, ein raumbildendes Element hinzuzufügen – die Decke ist ein Zugeständnis an hiesige Witterungsverhältnisse. Sie verbindet die beiden vorhin erwähnten Bauteile zu einem Ganzen und sie verwandelt den Platz in einen fantastischen Raum mit annähernd quadratischer Grundfläche. Leer und weit ist dieser. Die rot reflektierenden Wände und die ebenso rot leuchtende Betondecke verleihen dem Bereich eine Prise Mystik. Ein liegender Steinquader dient als Aufbahrungstisch. Auf ihm ruht der Leichnam während der Verabschiedungszeremonie – Blick gen Mekka.
Bei einem großzügigen Brunnen, dieser flankiert innerhalb des Raumes den zum Gräberfeld führenden Weg, fehlen die Gießkannen. Der Brunnen dient nicht als Wasserentnahmestelle, wie man dies von katholischen Friedhöfen kennt. Gläubige MuslimInnen waschen sich vor dem Friedhofsbesuch zumindest die Hände. Ein Detail, das auch älteren KatholikInnen sehr bekannt sein dürfte.
Besonders wichtig war es Bernardo Bader, Wege zu schaffen. „In einen Friedhof platzt man nicht einfach so hinein“, meint er. Zug um Zug wird man durch die Anordnung der Bauteile auf den Besuch des verstorbenen Mitmenschen vorbereitet.

Der islamische Friedhof im Herzen des kleinen Bundeslandes bietet islamischen MitbürgerInnen die Möglichkeit, Verstorbene in der Nähe, und so im Sinn, zu behalten. Während der Tod eines Mitmenschen bislang die zerstörerische Kraft besaß, eine Familie zu
teilen, bleibt den Angehörigen dieser zusätzliche Schmerz heute erspart. So wird der islamische Friedhof Altach für islamische
Familien zu einem Ausgangspunkt für ein gänzlich neues Heimatgefühl.