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MOLEcafé

Das Ende der Welterklärer?

#10 2013 / Simon Welebil

Überall hört man vom Niedergang des Kulturjournalismus. Aber würde sein Verschwinden überhaupt jemand vermissen?

Wer behauptet, regelmäßig den Kul-turteil seiner Zeitung zu lesen, lügt. Das hat der Schweizer Medienforscher und -consulter Carlo Imboden nachgewiesen. Mit einem elektronischen Scanner hat er LeserInnen anstreichen lassen, was sie in der Zeitung lesen und an welchem Punkt sie an einem Artikel aussteigen. Sein zentrales Ergebnis: Selbst Menschen, die von sich behaupten, sie seien kulturinteressiert – egal, ob diese Behauptung ehrlich ist oder nur dem sozial erwünschten Selbstbild entspricht –, lassen die Kulturteile links liegen oder lesen sie nicht besonders intensiv.
Aus diesem Ergebnis lässt sich natürlich noch kein Niedergang des Kulturjournalismus ablesen, denn es gibt keine Untersuchungen, dass es früher anders gewesen wäre. Nur hatten früher Zeitungen nicht so sehr mit sinkenden Abonnentenzahlen und Werbeeinnahmen zu kämpfen. Heute stehen sie unter großem Reformdruck.
Resultat dieses Reformdrucks ist ein massiver Umbau der Zeitungen, was sich auch in den Kulturteilen gut ablesen lässt. In den letzten Jahrzehnten wurde die sogenannte Hochkultur immer mehr daraus verdrängt. Dass die Unterhaltungskultur Einzug in die
Kulturteile gehalten hat, von Film über Popmusik zu Kriminalromanen, ließe sich ja noch verschmerzen, und auch, dass die Politik verstärkt in den Kulturteil drängt und ihn zum „Debattenfeuilleton“ macht, wie in den überregionalen deutschen Tages- und Wochenzeitungen. Aber wenn Lifestyle-Inhalte die Kulturberichterstattung ersetzen, werden die Beschwerdestimmen aus dem Kultursystem lauter und sie alle schreien: „Krise!“

Kulturmarketing statt Journalismus
Im Ganzen betrachtet ist der Medienraum für Kulturjournalismus auch nach der Jahrtausendwende nicht zurückgegangen, im Gegenteil, noch nie gab es so viel Berichterstattung über kulturelle Veranstaltungen, ob im Fernsehen, im Radio oder im Netz. Doch der viele Medienraum wird weniger für die konstruktive Auseinandersetzung mit Kultur genützt, auf Wunsch der großen KulturveranstalterInnen und -produzentInnen, die vielfach auch AnzeigenkundInnen sind, werden gezielt Vorankündigungen gemacht, Kultur-PR zur Vermarktung von Veranstaltungen. Der Gipfel des Veranstaltungslobbyismus ist mit Medienpartnerschaften erreicht, bei denen das Logo des Mediums auf den Veranstaltungsplakaten, in Programmheften und sonstigen Ankündigungen abgedruckt wird, im
Gegenzug für großzügige Besprechungen, ohne Hinterfragung des künstlerischen Ergebnisses.
Wem das noch immer nicht genug ist und wer es sich leisten kann, der/die gibt einfach seine/ihre eigene Zeitschrift heraus, wie die Flut an Eigenpublikationen der großen Kulturinstitutionen beweist, der Figaro des Tiroler Landestheaters, die Ferdinandea des Landesmuseums oder etwa die Spuren der Klangspuren Schwaz. Geschrieben werden diese Zeitschriften oft sogar von denselben JournalistInnen, die die Institutionen im Auftrag anderer Medien kritisch begleiten sollen. „Echten“ Journalismus oder Kritik darf man sich hier nicht mehr erwarten, aber um die Kritik ist es ohnehin schlecht bestellt.

Es gibt keine Kritik mehr
Worauf sich die meisten BeschwerdeführerInnen einigen können, ist, dass vor allem die Kunstkritik am Boden liegt. Ausgenommen von Buchrezensionen und einzelnen Theaterkritiken wird kaum mehr kritisiert, alles wird nur mehr beschrieben und besprochen. Vordergründig finden das sogar KünstlerInnen und KuratorInnen schade, die sonst nur Lob für ihre Arbeit akzeptieren können. Die Abkehr vom harten Urteil zur beschreibenden Präsentation ist aber auch eine Reaktion auf einen gesellschaftlichen Wandel. Das Publikum hat sich emanzipiert und ist in der Lage, sich selbst eine Meinung zu bilden. Es will sich nicht mehr von „KunstrichterInnen“ und „BesserwisserInnen“ belehren lassen, was gut und schlecht sei. Oft empfindet es Urteile als unverschämt oder geschmäcklerisch, mögen sie noch so gut argumentiert sein.
Besonders schwer haben es KritikerInnen in kleinen Kulturräumen wie Tirol und seiner Landeshauptstadt, wo das kulturelle Angebot begrenzt ist und noch dazu schwach finanziert. JournalistInnen finden sich bei ihrer Berichterstattung allzu oft in einem moralischen Dilemma zwischen Wahrhaftigkeit und Barmherzigkeit wieder: Die Performance ist schwach, aber muss man nicht schon froh sein, dass so etwas in Tirol überhaupt statt-findet? Und auch wenn die Ausstellung eine/n nicht wirklich begeistert, sollte man nicht bereits das Engagement der überaus sympathischen KünstlerInnen honorieren?
Die meisten KritikerInnen sind sich der Diskrepanz zwischen Metropole und Provinz bewusst und wissen, dass sie in ihren Beurteilungen nicht dieselben Maßstäbe anwenden können. Nur müssen die Kategorien offengelegt werden, insofern die AutorInnen überhaupt dazu in der Lage sind, ihre Bewertungen anzuführen und zu argumentieren.

Das wahre Problem liegt in der prekären Bezahlung
Nahezu alle klassischen Medien sind unter großem Spardruck, der in erster Linie an die MitarbeiterInnen weitergegeben wird. SpezialistInnen auf einem bestimmten Kunstgebiet kann sich keine Redaktion mehr leisten. Unter dem Spardiktat werden Stammredaktionen verkleinert, die verbleibenden RedakteurInnen werden häufig mit organisatorischen Tätigkeiten überladen und sind oft froh, wenn sie gut formulierte Pressetexte ohne viel Aufwand in das Medium übernehmen können, denn das ist billiger Content, um den vorhandenen Platz zu füllen. Neuanstellungen gibt es selten bis gar nicht, stattdessen geben sich PraktikantInnen oder VolontärInnen die Klinke in die Hand, um monatelang unbezahlt zu arbeiten. Teilweise sind sie sogar bereit, für solch ein Praktikum selbst noch zu bezahlen, wie das Beispiel „Lehrredaktion“ der Presse zeigt, das die PraktikantInnen 1.500 Euro kostet. „Ausbildung“ ist der momentan größte Schmäh, um sich Honorare zu sparen.
Während viele angestellte RedakteurInnen also nur mehr Content verwalten, kommt ein großer Teil der exklusiven journalistischen Inhalte von freien JournalistInnen, die allerdings von ihrer Arbeit kaum mehr leben können. Wie Andy Kaltenbrunner vom Medienhaus Wien am Beispiel profil nachweist, haben JournalistInnen vor zwanzig Jahren sogar in absoluten Zahlen mehr für einen Artikel bezahlt bekommen. Wenn man die Inflation miteinrechnet, sind die realen Einkommen für freie JournalistInnen in den letzten zwanzig Jahren um 60–70% gesunken.
Die Konsequenzen für JournalistInnen sind vielfältig. Wenn sie von ihrer journalistischen Arbeit leben wollen, müssen sie entweder die Ansprüche an die Qualität ihrer Arbeit herunterschrauben, um so in weniger Zeit mehr Output zu erzielen, oder sich für die Selbstausbeutung entscheiden. Bei hohem Anspruch an die eigene Arbeit oder dem Verlangen nach Qualität schrumpfen die virtuellen Stundenlöhne schnell zu einstelligen Eurosummen zusammen, brutto natürlich. Am deutlichsten zu dieser Diskrepanz von Arbeit und Entlohnung haben sich die freien MitarbeiterInnen des ORF, besonders die RadiomacherInnen von Ö1, geäußert. Kritisiert wird vor allem die ORF-Führung, die besonders hochwertiges öffentliches Programm fordert, dafür aber nichts bezahlen will. Verhandlungen über eine Anhebung der Honorare bleiben seit Jahren ohne Ergebnis.
Vor diesem Hintergrund entscheiden sich immer wieder ausgezeichnete JournalistInnen die Seiten zu wechseln, in die viel besser bezahlte PR. Man kann es ihnen nicht übel nehmen, nur das Ergebnis von PR-Texten auf die Kulturberichterstattung wurde weiter oben schon geschildert.

Wer trauert um den Kulturjournalismus?
Der Kulturjournalismus, wie wir ihn kennen, wird von vielen Seiten bedroht, aber würde wirklich jemand um ihn trauern außer den KulturjournalistInnen selber? Kulturelle Erzeugnisse an sich würden deshalb nicht verschwinden und auch die Kunstproduktion würde wohl nicht zurückgefahren werden. Die großen Kulturinstitutionen erreichen ihre Klientel weiterhin mit den eigenen Publikationen, das Kulturpublikum mag sich mit dem Serviceteil der Kulturberichterstattung zufriedengeben, den Vorankündigungen und Aussendungen, die Interessierteren setzen auf Special-Interest-Magazine oder weichen ins Netz aus, wo viele Blogs schon lange die Qualität von gedrucktem Journalismus erreicht haben.
Doch Verlierer eines dahinsiechenden Kulturjournalismus wären nicht nur diejenigen, die daraus ihren Lebensunterhalt bestreiten. Die kleinen Kulturinitiativen und die freie Szene beklagen sich schon jetzt über mangelnde Öffentlichkeit und Berichterstattung. Je weniger JournalistInnen nach Geschichten suchen, desto mehr werden sie durch den Rost fallen. Noch gravierender wäre aber der Verlust für die Gesellschaft. Die primäre Aufgabe des Kulturjournalismus ist es nämlich nicht, Eintrittskarten zu verkaufen oder Absatzzahlen zu steigern, sondern Kultur, im weiten Sinne alles, was der Mensch gestaltend hervorbringt, einzuordnen und zu vermitteln. KulturjournalistInnen sollten unsere Gesellschaft und deren Entwicklung kritisch begleiten, ihre Funktion ist die gesellschaftliche Reflexion, allerdings ohne von oben herab einzig wahre Lösungen oder endgültige Wahrheiten zu verkünden.
Carlo Imboden zieht aus seinen Untersuchungen für Zeitungen übrigens den Schluss, dass sie weniger schnelllebige Nachrichten bringen und mehr zu „Erklärmedien“ werden sollten, um gelesen zu werden. Hintergründige Analysen und lange Reportagen werden sehr gut angenommen, wenn sie Themen so aufbereiten, dass sie jede/r versteht. Haben Sie von diesem Ergebnis in Ihrer Tageszeitung schon etwas bemerkt?