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MOLEcafé

Wortlose Verrenkungen

#10 2013 / Katrin Jud

Wir alle kennen die lebenden Statuen in der Innsbrucker Altstadt. „Standing Act“ nennt sich dieses Stilmittel bei den PantomimInnen, den VertreterInnen der wortlosen Kunst. Diese verlangt eine sehr genaue Kenntnis und Kontrolle des eigenen Körpers. Nicht umsonst ist die Pantomime eng mit dem Tanz verknüpft und wird diesem auch zugeordnet. Doch wenn man bei dieser Kleinkunstform mit Zuordnungen überhaupt erst anfängt, wird man von ihnen erschlagen und gevierteilt. Pantomimische Elemente, aufgefasst als die Darstellung von Vorgängen, Charakteren und Szenen allein durch Gestik und Mimik, finden sich als Stilmittel in Clownerie, Akrobatik, Tanz, Performance und Theater sowieso. Abgekürzt: in allen Formen darstellender Kunst.

Ein kleines Beispiel: Ein Einfluss pantomimischer Elemente auf den zeitgenössischen Tanz ist die Isolationstechnik. Jedes Gelenk, z.B. eines Armes, wird unabhängig vom restlichen Körper trainiert und bewegt. Diese grundlegende Illusions- und Verfremdungstechnik der „stillen Kunst“ ist sehr leicht im Breakdance bzw. Streetdance zu finden.
Franz Unger gehört zu den wenigen PantomimInnen in Tirol. Ob man tatsächlich von einer Pantomimen-Szene in Innsbruck sprechen kann, bezweifelt er. „So viele Elemente in Theater- oder Tanzstücken sind von der Pantomime inspiriert, es gibt jedoch sehr wenige klassische wortlose Künstler.“ Zu diesen zählt er vorneweg die „Statuen-Menschen“ in der Innsbrucker Altstadt sowie Christoph Habringer und Jordi Beltramo. Letztere treiben vorwiegend als Clowns ihr Unwesen, jedochmit starkem pantomimischem Einschlag. Jordi Beltramo ist inzwischen in Meran tätig und organisiert dort das Internationale Straßentheaterfestival Asfaltart Meran.
Grundlegend vertritt Franz Unger einen gemäßigten Begriff des mimischen Performers, der pantomimische Elemente mit anderen Formen darstellender Kunst vermischt. Durch die starke Verbindung von Clownerie und Pantomime sieht er diese Vermischung auch bei Clown Joseffo Olivero, dem Puppenspieler Tom Zabel oder dem Clowntris (Helga Jud, Tanja Rainalter, Christina
Matuella). Ein pantomimischer Klassiker ist dabei das komische Moment der Illusionstechnik, wenn ein Gegenstand die Führung seines Benutzers übernimmt. Siehe dazu Gregg Goldston Pas de deux.
Die Spielmöglichkeiten sind vielfältig: Kindergeburtstage, Firmen- oder Stadtfeste, Schulvorstellungen und Festivals rund um den Globus. So spielte die Gruppe du & nichts (Franz Unger, Tom Zabel, Joseffo Olivero) bereits in Costa Rica, Kairo, Belgrad und Neapel und beteiligte sich in Tirol unter anderem beim Festival der Träume oder den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik.
Spielte die Pantomime schon immer auf den Marktplätzen eine große Rolle, findet sie auch heute noch vorwiegend im öffentlichen Raum und mit starkem Publikumsbezug statt. So bewegte sich das Dreier-Gespann du & nichts 1998 in Slowmotion, über eine Dauer von zwei Stunden, von der Triumphpforte zum Goldenen Dachl.
Einige der erwähnten ProtagonistInnen sind nicht mehr die Allerjüngsten, arbeiten recht sporadisch zusammen, und zeigen sich nicht unbedingt häufig in Tirol.
Es mangelt jedoch nicht an Pantomime-Kursen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Diese werden sowohl vom Tiroler Theaterverband organisiert als auch unter der Rubrik „Körperarbeit“ an der USI angeboten. Doch woran es mangelt, ist der Nachwuchs. Die Teilnehmerzahl hält sich in Grenzen und man kann sich dem Eindruck nicht erwehren, dass die Nischenkunst der Pantomime im Kontext der Kunst und Kultur in Tirol am Schwinden ist.
Auf die Frage, warum sich die Wahrnehmung der pantomimischen Arbeit in der Tiroler Kulturszene auf einen kleinen Kreis Eingeweihter beschränkt, ernte ich ein Lächeln von Unger: „Manchmal denke ich, es sind die fehlenden Worte, aber wir machen eben auch nicht viel Werbung.“