Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Arbeiten fürs Arbeiten

#11 2013 / Michaela Senn

Eine etwas bedrückende Betrachtung der prekären (Arbeits-)Verhältnisse von Österreichs KünstlerInnen.

Nadja A. (26) hat es geschafft. Sie hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht und vor zwei Jahren ihre Schauspielausbildung mit Auszeichnung abgeschlossen. Nun arbeitet sie an verschiedensten Projekten, in verschiedensten Positionen, zusammen mit den verschiedensten Menschen. Mal als Schauspielerin, dann wieder als Regieassistentin, auch mal einfach als Requisiteurin oder Sprecherin, als Schreiberin, Cutterin oder Presseverantwortliche. Aufgrund ihrer weitläufigen Interessen und neuen
Bekanntschaften ist sie mittlerweile auch Teil eines Musikprojekts, spielt regelmäßig Konzerte und stellt ihren Körper für Performances, Happenings oder sonstige Interventionen zur Verfügung. Nadja ist Künstlerin. Und was verwunderlich erscheint: Sie muss dafür arbeiten, in einem anderen Brotjob.
Es ist ein Irrglaube anzunehmen, dass Kulturschaffende, die sich frei und unabhängig von einer Institution zu
verwirklichen suchen, von ihrer Kunst leben können. Die Geschichte von Nadja ist kein Einzelfall. 2009 ergab die von Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur veranlasste Studie Zur sozialen Lage der Künstler und Künstlerinnen in Österreich, dass sich 37 Prozent der KünstlerInnen mit ihrem Jahreseinkommen unter der Armutsgefährdungsgrenze, die bei monatlich 1.066 Euro brutto liegt,
bewegen. Das vielerorts vorherrschende Bild der selbstständig ausgeübten Kunst als Inbegriff von Kreativität, Freiheit,Selbstverwirklichung und Anerkennung zerbricht. An die Oberfläche treten empirisch ermittelte Tatsachen, die
prekäre existentielle Nöte zahlenmäßig erfassen und zum Handeln aufrufen. Man beauftragte eine interministerielle Arbeitsgruppe (IMAG) des Kulturrates mit der Ausarbeitung eines Katalogs zur Verbesserung der Themenfelder Mobilität, Urheberrecht, Steuern, Kunstförderung, Arbeitslosenversicherung, feministische Kulturpolitik, Sozialversicherung und Schauspielergesetz. Die drei Jahre andauernden regelmäßigen Beratungen, Abstimmungen, Sitzungen, Besprechungen usw. scheinen mittlerweile zum Erlahmen gekommen zu sein. Zwei Themenkomplexe wurden zu konkreten Gesetzesinitiativen ausformuliert, in allen anderen Fällen konnten keine  Maßnahmen gesetzt werden, da man bereits an der Definition gemeinsamer Ziele scheiterte. Die Verantwortung für das prekäre Sozialversicherungssystem des zwischen Selbst- und Unselbstständigkeit ständig wechselnden Künstlerdaseins wurde auf das Sozialministerium geschoben.
Um sich trotz qualifizierter Ausbildung und hochwertiger künstlerischer Auseinandersetzung das Leben leisten zu können, arbeitet Nadja fürs Arbeiten. Am Wochenende kellnert sie in einer Studentenkneipe oder bei einem Catering-Unternehmen. Je nach Bedarf. Sie gibt Nachhilfe in Englisch, auch mal in Deutsch und ganz nebenbei reinigt sie fünfmal pro Woche nachtsüber eine Arztpraxis. Um sich den Luxus Künstlerin-Sein leisten zu können, muss sie jedes Engagement annehmen. Die unter- ebenso wie die unbezahlten. Künstlerin-Sein bedeutet, sich mit prekären Zuständen zu arrangieren.
Nach einer Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gelten jene Personen als dem Prekariat angehörige, die „aufgrund ihres Erwerbsstatus nur geringe Arbeitsplatzsicherung genießen, die wenig Einfluss auf die konkrete Ausgestaltung ihrer Arbeitssituation haben, die nur partiell im arbeitsrechtlichen Schutzkreis stehen und deren Chancen auf materielle Existenzsicherung durch Arbeit in der Regel schlecht sind.“ Der lateinische Begriff precari, von dem sich der Begriff ebenso ableiten lässt, bringt die Situation der KünstlerInnen hierzulande wohl auf den Punkt. Sie sind „flehentlich bittender“ Teil der Arbeitsklasse, aber dabei als ArbeiterInnen sogar oft schlichtweg nicht anerkannt.
Flehentlich Bittende, die sich scheinbar freiwillig der finanziellen Bescheidenheit hingeben, mehr Arbeitsstunden absolvieren als „der gemeine Arbeiter“ und den Kampf für die eigenen Ideale auf existentieller Basis führen müssen, um möglicherweise Akzeptanz oder gar Würdigung ihrer Berufung als Arbeit erreichen zu können. Dieser Kampf wird auf Grundlage der Selbstausbeutung ausgefochten und schlägt sich früher oder später in der Qualität der künstlerischen Arbeit nieder. Vielleicht gibt man sich den belastenden Zuständen geschlagen und flüchtet sich in die Sicherheit des anerkannten Arbeitskreislaufes. Vielleicht schafft man in Form von
gefallsüchtiger und möglichst systemkonformer Kulturarbeit einen Durchbruch und kann von einer Kunst leben, die zu hoher Wahrscheinlichkeit nicht (mehr) den eigenen Idealen entspricht.
Die Situation von Nadja ist kein Einzelfall. Rund 37 Prozent der in Österreich lebenden KünstlerInnen leben in ähnlich prekären Situationen (im Vergleich zu 13 Prozent der Gesamtbevölkerung).