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MOLEcafé

CENTER COURT - Der Referee steigt vom Hochstuhl

#11 2013 / John Lendl

Der Mole Fortsetzungsroman - Teil 3

Was bisher geschah:
Mads Weiler, genannt Wilander, ist Bademeister in einem Freibad. An einem Sommertag erlebt er eine Vision, in der er eine Frau mit roter Badehaube ungebremst Richtung Aufprall segeln sieht. Nachdem Wilander wieder bei klaren Sinnen ist, wird tatsächlich eine Leiche gefunden und Inspektor Horst Skoff (nicht mit dem Tennisspieler verwandt) nimmt die Ermittlungen auf. Auf dem Sprungturm stehend entdeckt er seine erste Spur.

Der Referee steigt vom Hochstuhl


Skoff kletterte den Sprungturm nach unten. Vor Freude über seinen kriminalistischen Spürsinn wäre er am liebsten mit Arschbombe nach unten gehüpft. Doch er beherrschte sich und nahm eine Sprosse nach der anderen. Hinter dem Absperrband sahen ihm einige Kinder missmutig zu. Skoff dachte: „Was wollt ihr? Ich darf auch nicht springen.“ Dann ging er los, schnappte sich einen Herrn von der Spurensicherung und spazierte langsam, in Vorfreude kommender Entdeckungen, hinüber zu dem Haus, in dessen Dach er ein Loch in der Größe eines Menschenkörpers erspäht hatte.
Als Wilander am nächsten Morgen an seinem Arbeitsplatz ankam, hegte er noch die Hoffnung, dass mit dem neuen Tag auch die Sache mit der roten Badehaube erledigt sein würde. Man würde mit Irma die turbulenten Ereignisse des Vortags beplaudern, von diesem aufwühlenden Thema vielleicht zu anderen Gefühlsaufwühlungen überleiten, dann würde man sich hoffnungslos verfallen, ewiges Glück, Kindersegen etc. wie es eben in Krisensituationen gerne der Fall war. Stattdessen aber sah Wilander jenen Polizisten, den er bereits am Vortag mit einem breiten Grinsen am Sprungturm stehen gesehen hatte. (Und er hatte ihn zu diesem Zeitpunkt schon nicht gemocht.) Der Polizeibeamte redete auf Irma ein, fuchtelte mit den Armen, zeigte immer wieder rüber zum Sprungturm. Vielleicht war das ja seine Vorstellung einer Zeuginnenbefragung, dachte Wilander grimmig als er die letzten Schritte über den Parkplatz zurücklegte. Am allerschlimmsten aber war dieser bewundernde Blick, mit dem Irma ihren Gesprächspartner musterte, leicht von unten, wie ein Schaf den Schäfer. Passend dazu die Körperhaltung des Kommissars: ein alter Mann, der in sich den Gockel wiederentdeckt.
„Und was sehe ich da?“ Wilander war endlich in Hörweite. „Unmittelbar neben dem Schwimmbad? Hinter den Gastronomieständen? In der kleinen Hütte hinter dem Schwimmbadbistro?”
Wilander wusste, dass solch ein Fragenstakkato keine Antwort erwartete. Der dicke Gockel würde sich seine Antwort gleich selbst geben. „Ein Loch sehe ich da!“, rief Skoff begeistert, „ein Loch! Und das passt nun perfekt zu meiner Theorie!“ An dieser Stelle hielt er plötzlich inne: „Aber ich habe schon viel zu viel erzählt. Mehr geht leider nicht. Amtsgeheimnis, Sie verstehen. Aber ich kann schon mal verraten: Zu dem Zeitpunkt war kein Flugzeug im Gebiet“, sagte der Kommissar mit dem Ton eines Teenagers, der stolz sein Moped vorführt. Irma kicherte errötend, Wilander seufzte frustriert und Skoff bemerkte nun endlich, dass der Bademeister hinzugekommen war.
Irma stellte Wilander vor, dieser fühlte sich unter dem Blick des Kommissars wie ein seltener Primat unter den belustigten Augen eines Forschers. Der Kommissar stellte sich als Horst Skoff vor. Wilander stutzte: „Wie der Tennisspieler?“, fragte er und bemerkte mit Wohlwollen, dass Skoff sein Grinsen gefror.
Der Kommissar wechselte das Thema, versuchte die Contenance zu wahren. („Warum immer diese Frage?“)
„Herr Weiler“, sagte er räuspernd. „Sagen Sie, wem gehört eigentlich die Hütte neben der Schwimmbadgastro?“ (Wilander verstand sofort, dass Skoff die Antwort eigentlich schon kannte.) „Oswald“, sagte er kurz angebunden. „Wissen Sie“, sagte Skoff, „diese Leiche, das ist schon eine interessante Sache: Dieses Leiche ist mit Wucht emporgeschleudert worden, durch eine Explosion, zum Beispiel durch die Explosion eines Dieselfasses, zum Beispiel in der Hütte neben der Schwimmbadgastro, in der dessen Pächter, Ihr sauberer Herr, äh ...“ Skoff blätterte in seinem Notizbuch, „in der Ihr Herr Oswald Lenglen das Speiseöl für seine Friteuse lagert. Wissen Sie, Herr Weiler, ich weiß ja nicht, ob Sie im Zirkus schon einmal die Lebende Kanonenkugel gesehen haben – aber genau das scheint in der Hütte passiert zu sein: Leiche in hohem Bogen nach oben geschossen, Loch im Dach, Landung am Beckenrand.“
Skoff setzte seine Erzählung vielsagend aus und sah Wilander forschend an. Dieser wünschte sich nur einen Moment der Stille. Er erzitterte geradezu, als er Irmas beeindruckte Stimme hörte: „Ja, aber wie kommt denn die Leiche in Ossis Ölfass?“, fragte sie. (Womit hatte Wilander das verdient?)„Das, mein lieber Herr Weiler, liebe Irma, das frage ich eben Sie als Kenner des Schwimmbads und von Herrn Lenglen: Wie kommt die Leiche in das Ölfass?“, antwortete Skoff in einem Ton, der mehr andeutete als in ein Dieselfass jemals hineingepasst hätte.
Wilander konnte gar nicht glauben, dass man Ossi tatsächlich des Mordes verdächtigte, seiner Irma unverschämt auf die Brüste glotzte und überhaupt die ganze Welt des Schwimmbads derart aus dem Gleichgewicht brachte.
„Ossi würde so etwas niemals tun“, sagte er grimmig. Skoff hingegen klang belustigt: „Fällt Ihnen sonst jemand ein, der so etwas machen würde?“ „Nein!“, sagte Wilander, lauter als es ihm lieb war. Er fühlte sich wie ein kleines Kind, das man beim Schwindeln erwischt hatte. Er hätte am liebsten mit dem Fuß aufgestampft. In der Situation schien ihm als Ausweg nur noch die Flucht. Er stürmte davon, vorbei am Kinderbecken mit dem Rutschelefanten, vorbei an den Mülltonnen, vorbei an Familienbecken und Sportbecken, vorbei an der Schwimmbadgärtnerin Margarete Kurz, die gerade Löwenzahnsprößlinge ausrupfte, vorbei an den Duschen hin zu den vertrauten Mauern von Ossis Bistro. Und gerne hätte er daran Halt gesucht, wie jeden Morgen, doch so weit kam er nicht. Denn plötzlich fühlte Wilander wieder, wie ihm schwarz vor Augen wurde, so wie tags zuvor, kurz vor dem Auftauchen der Leiche mit der roten Badehaube.