Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

„Vielleicht gibt es doch noch mehr zu sehen als nur die Berge rundherum.“

#11 2013 / Barbara Pflanzner

Die kulturelle Festivalzeit steht vor der Tür und auch Innsbruck rüstet sich für die sommerliche Jahreszeit mit einem neuen Programm: Das Festival Innsbruck International findet heuer im Juni zum ersten Mal statt. Vom 20. bis 23. Juni können Interessierte ein sorgsam ausgesuchtes Programm aus bildender Kunst, theoretischen Diskursen, Filmvorführungen sowie Musik- und Theaterveranstaltungen besuchen. Innsbruck International ist das Nachfolgeprojekt des Festivals performIC, das 2009 von Innsbruck Contemporary – einem Zusammenschluss von 14 Innsbrucker Kultureinrichtungen – ins Leben gerufen wurde. Nach drei Jahren wurde dieses Projekt jedoch wieder beendet, das Festival scheiterte am mangelnden kuratorischen Konzept und am organisatorischen Mehraufwand für die einzelnen beteiligten Institutionen. Der Wunsch, zeitgenössische Kunst verstärkt nach Innsbruck zu bringen, blieb dennoch bestehen. Tereza Kotyk, die seit einigen Jahren den Offspace Soaproom in Innsbruck betreibt und bereits bei performIC mitarbeitete, nahm schließlich die inhaltliche Ausrichtung und Organisation in die Hand: Ein Jahr lang feilte sie am kuratorischen Konzept, überlegte sich Kooperationen und mögliche Sponsoren.

Zwischen Video und Sound und mehr
Auffallend ist die Qualität der ausgewählten Positionen. Eingeladen wurden international bereits etablierte KünstlerInnen, die laut Programminformation in ihren Arbeiten „persönliche Fragen von Identität, Verlust, Angst, aber auch Hoffnung und Freude“ reflektieren. Miranda July, eine der jungen Regisseurinnen des Independent Films, erzählt in ihrem Film Me and You and Everyone We Know etwa von der Alltäglichkeit einer amerikanischen Großstadt, auf deren Grundlage Wünsche, Sehnsüchte und Träume erwachsen. Die Künstlerin Ulrike Lienbacher zeigt in ihrem Video Lauf ein Zwillingspaar, das auf einem Sportplatz sein Lauftraining absolviert. Optisch fast ident, wirkt die eine Schwester wie der Schatten der anderen. Momente des völlig synchronen Einklangs divergieren mit Momenten des plötzlich ausbrechenden Ehrgeizes oder auch der Erschöpfung. In dem Film Happiness des brasilianischen Künstlers Guto Nobrega interagiert die Darstellerin mit animierten Zeichnungen von imaginären Wesen und Pflanzen – ein Versuch, die Resonanz zwischen den Dingen in der Welt erfahrbar zu machen. Marcus Coates, von dem das Cover dieser Ausgabe der MOLE stammt, führt in seinem Video Journey to the Lower World ein Schamanenritual vor BewohnerInnen eines Hochhauses in Liverpool durch, welches zum Abriss bestimmt ist. Dieses humorvolle wie eindrückliche Ritual benutzt der Künstler, um das Potential von Imagination auszuloten und gleichzeitig die Rolle des Künstlers innerhalb der Gesellschaft zu hinterfragen.
Neben diesem Videoschwerpunkt liegt der Fokus des Programms stark auf der Verbindung von Kunst und Sound: In Pavel Büchlers Installation Annunciation beispielsweise fungiert das Summen eines Bienenschwarms als Metapher für Macht und Repräsentanz. Die verwendeten Lautsprecher wurden in den vergangenen Jahrzehnten als Mittel zur Disziplinierung eingesetzt – etwa bei kollektiv vollzogenen Gymnastikübungen, die durch die kommunistische Regierung der ehemaligen Tschechoslowakei angeordnet waren. In den Performances der Künstlerin Naomi Kashiwagi wird verschiedenes Musikequipment verwendet, beispielsweise verstärkte Grammophone und 78rpm Schallplatten. Die Künstlerin nimmt ihre Performances als taktilen Prozess wahr, weswegen sie diese gleichzeitig in Zeichnungen übersetzt. Die Theoretikerin Christiane Erharter schließlich spricht in einer Sound-Lecture über Musikerinnen, die sich in der elektronischen Musikszene bewegen.

Verteilt über die Stadt
Innsbruck International ist aber kein reines Kunstfestival. Tereza Kotyk erklärt: „Wir haben uns breitestmöglich angelegt, auch die Frage berücksichtigend, wie man die Stadt ideal miteinbeziehen kann.“ Eine Form, den Stadtraum verstärkt einzubinden, ist die Präsentation der einzelnen Projekte an neun unterschiedlichen Orten in ganz Innsbruck, darunter etwa die Alte Seifenfabrik, die Kapelle zum Hl. Georg am Landhaus, das Freie Theater Innsbruck oder der Stille Speicher der Hypo Bank. Um die einzelnen Veranstaltungsorte zu verknüpfen, werden geführte Touren angeboten, innerhalb derer KunstvermittlerInnen jeweils vor Ort über die  einzelnen Arbeiten sprechen. Außerdem besteht die Möglichkeit für die FestivalbesucherInnen, sich selbst einen extra angefertigten Stadt-Kunst-Plan zu besorgen und mit von der IVB zur Verfügung gestellten Fahrrädern von Ort zu Ort zu fahren.
Gleichzeitig stattfindende Festivals wie etwa das Heart of Noise, das ebenfalls verschiedene Orte in der Stadt bespielt, oder das Filmfest Rejected im Kulturzentrum Die Bäckerei sind keine Konkurrenzveranstaltungen, im Gegenteil, die Kooperation wurde bewusst gesucht. Laut Festivalorganisation sollte somit verhindert werden, dass laufend neue Festivals entstehen, die nichts miteinander zu tun haben. So gibt es beispielsweise am Freitag, den 21.6. die Möglichkeit, zuerst die Veranstaltungen von Innsbruck International zu besuchen, dann beim Gespräch zwischen der Filmregisseurin Barbara Albert und der Schauspielerin Maria Hofstätter in der Bäckerei vorbeizuschauen und im Anschluss daran ein Konzert im Stadtsaal oder auf dem PEMA-Tower anzuhören: „Der Freitag ist ein Beispiel, wie es gut funktionieren kann. Wie man dem Publikum aus allen Sparten etwas anbieten kann, wenn es denn durchhält“, sagt Kotyk.
Eine einmalige Angelegenheit will Innsbruck International nicht bleiben: als Biennale angelegt soll das Festival erneut 2015 stattfinden, die Erfahrungswerte der ersten Ausgabe evaluiert und eingearbeitet werden. Ideen gibt es bereits genug, man darf also gespannt bleiben.



innSBRUCK INTERNATIONAL
Fear, Hope and Happiness
20.6.–23.6.2013
www.innsbruckinternational.at
info@innsbruckinternational.at

TICKETS erhältlich im Festivalzentrum sowie an allen Austragungsorten.
Festivalpass: 15 €
Ermäßigung (StudentInnen): 10 €
Tagesticket: 7 €

FESTIVALZENTRUM
The Soap Room
Innstraße 23
6020 Innsbruck