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MOLEcafé

Kein Ausweg aus der Kreativität?

#11 2013 / Simon Welebil

Von der Verheißung von Freiheit und Selbstverwirklichung direkt hinein in neue Zwänge.Kreativität und Ästhetik bestimmen unser Denken und unser Handeln.

Ich will nicht kreativ sein. Nicht mehr oder zumindest jetzt im Augenblick nicht. Ich sehne mich nach repetitiver Arbeit mit geregeltem Tagesverlauf. Ich will nichts Neues erschaffen, sondern lieber Sachen reproduzieren. Wenn Sie das verwundert, sind Sie damit nicht allein. Denn der Wunsch, nicht kreativ sein zu wollen, scheint in unserer Gegenwartskultur absurd und sprengt die Normgrenzen. So stellt es zumindest der Kultursoziologe Andreas Reckwitz in seinem aktuellen Buch Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess
gesellschaftlicher Ästhetisierung (Suhrkamp 2012) dar.
Kreativ zu sein, so streicht Reckwitz heraus, ist das unumstrittene Ideal in unserer westlichen, postindustriellen Gesellschaft. Um das deutlich zu machen, braucht man bloß ein beliebiges Magazin aufzuschlagen. Den SchöpferInnen von Neuem, besonders von ästhetisch Neuem, wird ausschließlich gehuldigt. Ihr Lebensstil wird so erstrebenswert und attraktiv dargestellt, dass wir alle gern der nächste Steve Jobs, die nächste Vivienne Westwood oder der nächste Christoph Waltz wären. Sie verdienen nicht nur hervorragend, sie können in ihrer Arbeit auch die Kreativität, die scheinbar ja in jedem Menschen steckt, ausleben und sich somit selbst verwirklichen. So wie sie wollen wir auch unser Leben leben und unsere Kreativität entfalten, ob als GrafikerIn, in der Arbeit mit Medien, in der Werbung etc., die Strahlkraft der Kreativstars reicht auch weit über die Creative Class hinaus. Um dem Traum vom kreativen Dasein nahezukommen, versorgen uns Unmengen von Ratgeberliteratur und Kurse mit Anleitungen.
Dass Kreative so im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, ist ein relativ junges Phänomen. Man braucht nur fünfzig Jahre zurückgehen, um zu erkennen, dass die Kreativen früher weniger Vorbilder als AußenseiterInnen waren. In der Industriegesellschaft sollten ArbeiterInnen und Angestellte hauptsächlich funktionieren und nicht nach Neuem und nach Veränderung streben. Das Fließband ist wohl das stärkste Symbol für diese Ära. Weder sollte jemand kreativ sein noch war unbedingt das Verlangen nach kreativer Betätigung vorhanden.

Kreative Arbeit / Städte / Beziehungen / Gesellschaft
Dieses Selbstverständnis hat sich grundlegend geändert, wobei die Folgen weder intendiert noch absehbar waren. ManagerInnen in großen Betrieben haben in repetitiver Arbeit ein Motivationsdefizit erkannt und die Lösung in Projektgruppen und Eigenverantwortung gesehen. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich hier die Annahme verfestigt, dass befriedigende Arbeit kreative Arbeit sein müsse. Und anstatt weiter auf technische Innovationen zu setzen, entwickeln sich Kernbereiche der Wirtschaft zu einer ästhetischen Ökonomie, deren wirkmächtigste Branchen die Mode, die Werbung und das Design sind. Ihr ästhetisches Erscheinungsbild und das damit verknüpfte symbolische Kapital sind ihr eigentlicher Wesenskern.
Zeitgleich, spätestens ab den 1970ern hat auch die Psychologie aufgehört, in jedem „Genie“ auch den „Wahnsinn“ zu sehen und statt Kreativität zu pathologisieren, beginnt sie das kreative Selbst als Normalform des Menschen zu sehen. Dieses normale Selbst scheint nun nach Selbstverwirklichung und Selbstvervollkommnung zu streben, nicht nur im Beruf, sondern in allen Bereichen, ob im Beziehungsleben oder im Konsumverhalten. Die vorherrschende Prämisse ist möglichst originell und unverwechselbar zu sein. Die Idealvorstellung dazu existiert bereits, in der Figur des Künstlers, die sich ebenfalls gewandelt hat, vom unimitierbaren Genie in ein imitierbares Ideal-Ich, ein populäres Modell.
Spät, aber doch tragen auch die Städte diesen Veränderungen Rechnung. Sie beginnen sich ästhetisch neu zu erfinden, und zwar permanent. Das Ideal der funktionalen Stadt, die Trennung zwischen Wohn- und Arbeitsorten, wie sie Le Corbusier symptomatisch vertreten hat, löst sich auf. Auch hier sind KünstlerInnen die Schrittmacher. Sie entdecken Innenstädte und Industriebauten neu, als ästhetische Orte, an denen sie Wohnen und Arbeiten wieder vereinen, und schaffen in ihnen einen Erlebnisraum, in dem ästhetische Überraschungen warten. Die Stadtpolitik erkennt das Potenzial dieses Ansatzes für die wirtschaftliche Entwicklung, für den Tourismus und die Kreativökonomie und fördert diese Entwicklung auf verschiedenste Weise. Ob Graz sich als „City of Design“ brandet, Wien mit Departure eine eigene Förderstelle für die Creative Industry betreibt oder Innsbruck mit spektakulärer Architektur von Zaha Hadid punkten will, all diese Städte wollen ihren BewohnerInnen und BesucherInnen urbane Erfahrungen bieten. Städte müssen zu „creative cities“ werden, um im globalen Buhlen um die Kreativen wettbewerbsfähig zu bleiben.
All diese verschiedenen Entwicklungen, von der Kunstszene über die Ökonomie, die Psychologie und die Stadtplanung fasst Andreas Reckwitz unter dem Begriff „Kreativitätsdispositiv“ zusammen. Durch dieses Kreativitätsdispositiv hat sich der Wunsch nach ästhetisch Neuem in unserer Gesellschaft festgesetzt. Ob wir selbst als EntwicklerInnen von Produkten, Zeichen oder Atmosphären auftreten oder als auf ästhetisch Neues konditionierte KonsumentInnen, wir alle nehmen daran Teil und formen unsere Persönlichkeiten nach den Bedingungen der Kreativität. Kreativität ist von einer Nische, von einer Gegenkultur zur beherrschenden Kraft geworden, die für uns alle verbindlich ist, und sie breitet sich noch weiter aus.

Ist das nun die schöne neue Welt, die sich UtopistInnen erträumt haben?
Die Vorstellung, seine Kreativität ausleben zu können, ist verlockend, aber es gibt eben auch Schattenseiten, von Gentrifizierung in den Städten bis zu prekären Arbeitssituationen. Für die Persönlichkeit verstecken sich die Schwierigkeiten im Doppel des Kreativ-sein-Wollens, es aber gleichzeitig auch sein zu müssen, im Begehren nach Kreativität und ihrer gesellschaftlichen Forderung. Denn die Befreiung aus Zwängen durch selbsterfülltes Arbeiten ist selber zu einem Zwang geworden und Scheitern im Kreativberuf ist doppelt tödlich – nicht nur ökonomisch, was aufgrund der großen Konkurrenz und der großteils geringen Honorare nicht selten der Fall ist. Das Versagen in kreativer Hinsicht führt nicht selten auch zu großen existenziellen Zweifeln an der eigenen Persönlichkeit, die ja ebenfalls am Kreativitätsprinzip ausgerichtet ist. Wer es nicht schafft, sei selbst schuld, heißt es dann. Nicht jede oder jeder könne eben das weiße Blatt vor sich füllen. Dass in solch einem Klima Burnout und Depressionen florieren, ist nicht weiter verwunderlich.
Doch das Kreativitätsdispositiv, das Reckwitz auf fast 400 Seiten in seinem Entstehen verfolgt, wird so schnell nicht verschwinden. Dem Wollen und Sollen der Kreativität entkommt man nicht so leicht. Reckwitz ist auch nicht angetreten, einen Ausweg zu skizzieren, sondern zeigt nur Möglichkeiten auf. Statt das Regime des Neuen zu bedienen, könnte man eine Ästhetik der Wiederholung pflegen, und statt für ein Publikum kreativ zu sein, könnte man das auch nur für sich selbst sein. Wenn mit Kreativ-Sein weniger Druck verbunden wäre, dann könnte ich mich auch wieder damit anfreunden.                                                                                                  M