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MOLEcafé

Die Krise der Utopie?

#11 2013 / Marco Russo

Robert Menasses vieldiskutiertes und preisgekröntes Buch Der Europäische Landbote: Die Wut der Bürger und der Friede Europas oder Warum die geschenkte Demokratie einer erkämpften weichen muss ist eine gelungene Streitschrift oder, um es mit den Worten des Verfassers selbst auszudrücken, ein gelungener Kollateralschaden, der zur Reflexion und Diskussion anregt. In diesem Sinne: keine Rezension, sondern eine aus der Begegnung entstandene Reflexion.

Drehen wir zuerst das Rad der Zeit um einige Monate zurück. Innsbruck, Dezember 2012: Im Rahmen des Polit Film Festivals wurde im Leokino Menasses Zusammenarbeit mit dem Regisseur Kurt Langbein gezeigt. Der Film Grenzfälle – erzählt von Robert Menasse beschäftigt sich mit einem auf den ersten Blick durchaus abstrakten Thema: der Grenze. Gekonnt gelingt es den beiden, die unterschiedlichsten Facetten dieses Begriffs zu beleuchten, vor allem, was einerseits die Dimension der Grenze als Metapher für Trennung, Spaltung und der ihr innewohnenden Möglichkeit zur Überwindung betrifft, andererseits was die konkrete politische Dimension der Grenze im Vereinten Europa angeht. Am darauffolgenden Abend wurde vom Verein 8tung Kultur eine Buchpräsentation mit anschließender Diskussion im Treibhaus organisiert: Menasses Gesprächspartnerin war die Grünen EU-Parlamentarierin Ulrike Lunacek. Das Diskussionsthema war – wie könnte es wohl anders gewesen sein – Europa. Zwischen den beiden offiziellen Veranstaltungen hatte ich die Gelegenheit, Robert Menasse persönlich kennenzulernen. Wir gingen gemeinsam mittagessen, verzehrten zwei köstliche Steaks und philosophierten über Gott und die Welt. Nein, wir diskutierten über sein Werk, vor allem seine philosophischen und kulturtheoretischen Arbeiten, die oftmals in der öffentlichen Diskussion zu kurz kommen, da Menasse meist als Schriftsteller wahrgenommen wird. Eines unserer Diskussionsthemen war das Element der Utopie in der Politik. Zufälligerweise wurde dann am Abend, bei der Diskussionsrunde zwischen Menasse und Lunacek, dieses Thema wieder aufgegriffen. Die Moderatorin Irene Heisz stellte der Parlamentarierin Lunacek als Erstes die Frage, ob Menasse ihrer Meinung nach ein Utopist sei. Wie aus der Pistole geschossen antwortete Lunacek: „Nein! Ich würde sagen eher Realist“, denn, so die Argumentation von Lunacek, Menasses Darstellung der gegenwärtigen Situation in Europa entspreche durchaus der Wirklichkeit.

Der Kapitalismus ist an seine Grenzen gestoßen
Mich irritierte diese Antwort. Sie bedient den Allgemeinplatz, Realismus und Utopie seien nicht vereinbar – wer Realist ist, kann kein Utopist sein und umgekehrt. Dieser Allgemeinplatz hat meiner Ansicht nach damit zu tun, dass der Utopie-Begriff im politisch-institutionalisierten Diskurs sowie in der öffentlichen Wahrnehmung kaum mehr eine Rolle spielt oder aber eher negativ konnotiert ist. Das Utopische wird vordergründig mit einem „linken Denken“ assoziiert und demzufolge mit (nennen wir sie einmal so) „Ausrutschern der Geschichte“ in Verbindung gebracht, nämlich mit politischen Systemen, die sich einst und in kleinerem Maße heute noch, als kommunistisch oder (real-)sozialistisch orientiert definieren. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion liegt für viele der Beweis auf der Hand, dass Utopien in der politischen Praxis ad hoc zum Scheitern verurteilt sind. Als am 21. Dezember 1991 die UdSSR aufgelöst und dadurch (romantisch gesprochen) der definitive Siegeszug des Kapitalismus vollzogen wurde, etablierte sich im politisch philosophischen Diskurs ein durchaus interessanter Aspekt, wonach die Welt bzw. die Zivilisation nach diesem Ereignis an einem Endpunkt angelangt sei. Man sprach vom „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) und meinte damit, dass sich durch den Zerfall der Sowjetunion eine letzte Synthese ereignet hat (Hegel bzw. Kojeve), in der es keine globalpolitischen Widersprüche mehr gibt. Mit anderen Worten: Es gibt kein zweites System, das dem Kapitalismus entgegengesetzt werden kann. Ebenso finden wir bei Denkern wie Antonio Negri, Michael Hardt oder Slavoj Žižek immer wieder die Feststellung, dass der Kapitalismus an seine eigenen Grenzen gestoßen ist. Das äußert sich vor allem durch die krisenhafte Situation der Gegenwart, die nicht nur den ökonomischen Raum tangiert, sondern eben das gesamte kapitalistische System und es somit in Frage stellt.

Das Leben ist kein Ponyhof
An einem Ende von etwas angekommen zu sein, impliziert keinen Weitergang. Nichts – niente – nada. Es gibt kein Entkommen mehr, kein Darüberhinaus, keine neuen Zonen, die ergründet werden können und worauf aufgebaut werden kann. Alles stagniert und ist dem Stillstand geweiht und selbst wenn hie und da einmal etwas erzeugt wird, dann ist es nichts grundsätzlich Neues, sondern lediglich Reproduktion, vielleicht Verbesserung, ein kosmetischer Eingriff, doch immer wieder Kopie, Wiederholung und wiederholte Wiederholung. Es hat den Anschein, um auf ein zweites Element aus der klassischen Philosophie zurückzugreifen, dass wir nicht nur das bereits oben erwähnte Moment der Hegel’schen Synthese erreicht haben, sondern auch, am augenscheinlichen Beispiel Europa, den Zustand des Kant’schen ewigen Friedens: Es herrschen (im Großen und Ganzen) Harmonie, Recht und Ordnung. Provokant formuliert, funktioniert diese Triade nur aus dem Grund, weil das Utopische durch die Verkapitalisierung aller Lebensbereiche aus dem öffentlichen und politischen Diskurs verdrängt wurde. Der Kapitalismus regelt nicht nur wirtschaftliche Beziehungen, den Fluss der Arbeit, des Marktes und des Geldes, sondern ist inzwischen zur einzig totalitären Instanz innerhalb der Gesellschaft geworden, die einerseits zwischenmenschliche Beziehungen, andererseits das Verhältnis Subjekt und Machtzentren reguliert. Die Folge ist eine Scheindemokratie, die zwar demokratische Wahlen zulässt, in der das Politische aber abseits des Volkes, d.h. der Basis, im institutionalisierten Raum vollzogen wird, und, in den meisten Fällen, gegen diese Basis („AsylantInnen“ inbegriffen) arbeitet. Natürlich wäre der Idealzustand die Abschaffung aller Machtapparate und der reichgottesähnliche Zustand, also jene Situation, in der alles in seiner Höchstform einfach perfekt ist, also eben das, was allgemein unter dem Begriff der Utopie verstanden wird. Doch das Leben und die Wirklichkeit sind kein Ponyhof.
In dieser Hinsicht sind so genannte „Wut-Bürger“ willkommen, noch willkommener wären jedoch „Mut-BürgerInnen“, die aktiv den politischen Alltag von der Basis aus im öffentlichen Interesse mitgestalten. Und gerade deshalb geht es um eine klare Forderung: Die Utopie muss revitalisiert werden! Das kann allerdings nur dann funktionieren, wenn das Utopische nicht in seiner Dimension des Unerreichbaren verstanden wird, sondern vielmehr in der Dimension eines kollektiven anvisierbaren Entwurfes im Hier und Jetzt: ein Sich-woraufhin-Bewegen. Es geht darum, aus einer gesellschaftspolitischen Lethargie zu erwachen, die eben durch den Kapitalismus hervorgebracht wurde. Er ist das „Opium für das Volk“ unserer Tage, und sediert uns durch den Konsum(-Zwang): Konsum erzeugt Ablenkung und diese Ablenkung erzeugt politisches Desinteresse.

Nextopia oder der Rausch der Produktvorfreude
In Anlehnung an Micael Dahléns Buch Nextopia. Freu dich auf die Zukunft – du wirst ihr nicht entkommen ist es nicht abwegig zu sagen, dass die Utopie in unserer Gesellschaft verschwand und an ihrer Stelle Nextopia hervortrat. Dieses Nextopia ist nichts weiter als die sogenannte „Erwartungsgesellschaft“, die im immerwährenden Rausch der (Produkt-)Vorfreude lebt: man freut sich auf den nächsten Film der Trilogie; man freut sich über das nächste iPhone; man freut sich über den nächsten HD-Fernseher … Kurzum: das Spiel von ProduzentInnen und KonsumentInnen wird euphorisch ad absurdum geführt. Daraus ergibt sich – so Dahlén –, dass je mehr man sich durch die Vorfreude in Richtung Zukunft bewegt, die Vergangenheit desto rosiger erscheint, während die Gegenwart geradewegs zum Tiefpunkt des Glücks erhoben wird. Deshalb: Holen wir uns die Utopie zurück und zwar als kollektiven Entwurf abseits des konsumistischen Mainstreams. Denn: „Es geht nicht darum zu warten / Worauf soll noch gewartet werden? Auf die Revolution? Der atomaren Apokalypse? Einer sozialen Bewegung? / Nein. Noch zu warten ist Wahnsinn! / Das Leben in der Utopie fordert eine neue philosophische Praxis, eine Gegenbewegung der Kreativität. / Es geht darum, sich zu finden und zu organisieren, sich an das zu binden, was man als wahr empfindet. / Nicht vor dem zurückweichen, was jede Freundschaft an Politischem mit sich bringt.“ – Soweit ein Auszug aus einem Protokoll, das mir kürzlich beim Schlendern durch die Stadt in die Hand gedrückt wurde.



Robert Menasse: Der Europäische Landbote: Die Wut der Bürger und der Friede Europas oder Warum die geschenkte Demokratie einer erkämpften weichen muss. Wien: Zsolnay 2012. ISBN 9783552056169.

Micael Dahlén: Nextopia: Freu dich auf die Zukunft – du wirst ihr nicht entkommen. Übersetzt von T. A. Wegberg. Frankfurt a. M.: Campus 2013. ISBN 9783593398129.