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Stalins Tochter und die Kunst, ein Buch zu besprechen

Christopher Lehmann-Haupt. Der New Yorker mit Tiroler Wurzeln war 30 Jahre lang Daily Book Reviewer bei der New York Times. Er war der einflussreichste Rezensent der USA und besprach in seiner Karriere mehr als 4.000 Bücher, von denen er einige
zu Bestsellern machte und ihren AutorInnen zum Durchbruch verhalf.
Lehmann-Haupt ist Autor mehrerer Romane und unterrichtet seit seiner Pensionierung im Jahr 2006 Journalismus, unter anderem an der Columbia University. Für das Interview trafen wir uns in einem urigen Innsbrucker Gasthaus. Christopher bestellte ein Glas Whiskey und eine Nudelsuppe mit Würstchen.

Deine vielleicht wichtigste berufliche Station war die Zeit als Senior Daily Book Reviewer bei der New York Times. Wie wird man denn Book Reviewer?
Christopher Lehmann-Haupt: Ich ging auf die Yale School of Drama und wollte danach Bühnenstücke schreiben, was zum Schwierigsten gehört, was man als Schriftsteller machen kann. Mit meinen Bühnenstücken war ich dann doch nicht so zufrieden, also begann ich bei verschiedenen Literaturverlagen zu arbeiten. 1965 begann ich bei der Times zu arbeiten und schrieb gelegentlich Buchbesprechungen. Die waren wohl nicht schlecht und so bekam ich 1969 die Stelle als „full-time daily reviewer“.

Wie war der Einstieg bei der New York Times?
Interessant. Beruflich sowieso, aber auch privat. Denn als ich am 15. März 1965 dort anfing, wurde ich Frau Nona Balakian vorgestellt, die aus einer bedeutenden armenischen Literatenfamilie stammte. Als sie herausfand, dass Carl Friedrich Lehmann-Haupt mein Großvater war, war sie hin und weg. Sie sorgte dafür, dass in einer armenischen Zeitung eine Titelstory über mich erschien. Der Titel war ungefähr „Enkel von Carl und Therese Lehmann-Haupt arbeitet bei der New York Times“. In dem Artikel ging es eigentlich nur um meine Großeltern.

Damit wären wir beim Anlass deines Besuchs in Tirol. Würdest du das kurz für uns schildern?
Mein Großvater Carl war ein bedeutender Altorientalist, Althistoriker und Forschungsreisender. Ab 1918 hatte er eine Professur in Innsbruck, seine Frau Therese war Schriftstellerin. Carl reiste 1898–1899 mit dem Auftrag urartäische Inschriften zu sammeln durch das östliche Kleinasien. Er berichtete später in seinen drei Bänden Armenien einst und jetzt auch über die Verbrechen an der armenischen Bevölkerung. 1915–1918 war er Professor in Konstantinopel und dort verfasste Therese, meine Großmutter, einen Bericht über das, was man heute den armenischen Genozid nennt – der Rest der Welt schaute damals einfach weg. Die Berühmtheit bei den Armeniern rührt wohl daher.

Deine Großeltern starben beide 1938.
Genau, das ist nun 75 Jahre her. Deshalb organisieren die Orientgesellschaft Hammer-Purgstall zusammen mit dem Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik in Innsbruck einen Vortragszyklus mit acht Vorlesungen zu meinen Großeltern. Zwei Vorträge, die vom Institut für Zeitgeschichte organisiert werden, widmen sich dem Genozid an den Armeniern. Ich wurde gefragt, ob ich Lust hätte, diese Vortragsreihe zu eröffnen, und da ich gerade an einem Buch über meinen Aufenthalt in Berlin in den Jahren 1947–1948 schreibe, für das ich auch meine Familiengeschichte aufarbeite, nahm ich das Angebot gern an.

Wie war es für dich, nach Innsbruck zu kommen?
Es war ein großes Abenteuer. Ich konnte mich bisher nur an einen Aufenthalt erinnern. Es war gegen Ende 1937 und ich hatte gerade die Macht des Ausdrucks „Shut up!“ erlernt, mit dem ich dann auch prompt meine Großmutter begrüßte. Die alte Dame mit preußischer Erziehung war natürlich nicht amüsiert und hielt meinen Eltern einen Vortrag über lasche amerikanische Erziehungsmethoden. Auch an den Balkon in der Schöpfstraße 4, dem Wohnsitz meiner Großeltern, erinnere ich mich. Dort rief ich mein „Shut up!“ den verwunderten Passanten zu.

Zum Glück konnten damals fast niemand Englisch.
Ja – aber am Balkon war ich ja in Sicherheit. Ich muss auch im Jahr 1947 in Innsbruck gewesen sein, das ist mir aber erst vor einiger Zeit klar geworden, als ich ein Foto von mir und meinem Bruder Sandy ansah, das uns beide am Grab meiner Großeltern zeigt. Interessanterweise habe ich daran überhaupt keine Erinnerungen.

Wie kam es, dass du in Amerika aufgewachsen bist?
Mein Vater Helmut wanderte 1929 nach Amerika aus. Mein Großvater war jüdischer Herkunft und so war es wohl ein Glücksfall, dass mein Vater ausgewandert ist. Die Todesumstände meiner Großeltern, die beide nach dem Anschluss verstarben, sind nicht restlos geklärt. Bei beiden gibt es Selbstmordgerüchte. Über Therese schreibt auch die bekannte Schriftstellerin Gertrud Fussenegger, die eine Studentin Carl Friedrichs war, dass sie sich umgebracht hätte.

Noch kurz zu deinem Besuch nach dem Krieg. Was verschlug dich nach Berlin?
Der Job meines Vaters. Nach dem Krieg war er als Offizier der amerikanischen Armee in Berlin und war dort Teil einer Einheit, die heute als Monuments Men bekannt ist. Ein texanischer Ölmillionär, Robert M. Edsel, hat ein Buch über diese Einheit geschrieben, The Monuments Men: Allied Heroes, Nazi Thieves and the Greatest Treasure Hunt in History – und nun dreht George Clooney einen Film darüber. Die Hauptaufgabe der Einheit war die Suche nach Raubkunst. Ich war damals zwölf Jahre alt und für mich war alles ein Riesenspaß. Wir zogen in eine Villa ein, in der vor uns irgendein hoher Nazi gewohnt hat, der ein großer Jäger gewesen sein muss. Im ganzen Haus hingen Trophäen von allen möglichen Tieren und die Papierkörbe waren aus Elefantenfüßen.

Zurück zu deiner Tätigkeit als Book Reviewer. Hast du jemals ein Buch einer österreichischen Schriftstellerin oder eines österreichischen oder gar Tiroler Schriftstellers besprochen?
Nicht, dass ich mich erinnern könnte. Aber bei drei Reviews die Woche sagt das nicht viel. Ich musste jedes Jahr 5.000–6.000 Bücher durchsehen, die die Post bei mir ablieferte. Die Bücher, an guten Tagen 30 Stück, sammelte ich zunächst in meiner Garage – ich arbeitete nämlich zuhause. Dort widmete ich mich dann dem schwierigsten Teil der Aufgabe – dem Öffnen der Pakete und dem Beurteilen des Covers. Die meisten Bücher blieben in der Garage und nur die wenigsten schafften es auf meinen Schreibtisch, um gelesen und besprochen zu werden. Die Bücher, die mir wichtig erschienen, die ich jedoch nicht selber besprechen wollte, konnte ich meinen Kollegen vorschlagen.

Du warst also nicht der einzige Book Reviewer?
Nein, wir waren insgesamt drei Leute. Alle sechs Wochen trafen wir uns mit dem Kulturredakteur, um über unsere Arbeit zu sprechen. Das erste, über das wir sprachen, waren jedoch immer die neuesten Filme, die wir gesehen hatten – bis ich dann irgendwann sagte, dass wir eigentlich über Bücher reden sollten. Wir leben im Zeitalter des Films. Da fällt mir ein: Es gibt einen großen Handke-Fan in den USA, Michael Roloff, der bombardiert die Literaturredaktionen der USA mit seitenlangen E-Mails zu Handke – zuerst hab ich seine Mails noch gelesen, irgendwann war die Versuchung aber zu groß und ich hab auf den Spam-Knopf gedrückt.

War deutsche Literatur generell ein Thema?
Kein allzu großes, um ehrlich zu sein. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich über Günter Grass geschrieben, der auch in Amerika ein Begriff ist. An den Nachruf auf Siegfried Unseld kann ich mich auch erinnern – aber wir haben ja eine Datenbank. (Christopher recherchiert in der Datenbank der NY-Times) Ja, hier haben wir etwas – Benjamin Leberts Crazy. Lebert hatte als 16-Jähriger einen Bestseller geschrieben, der aus dem Deutschen in alle möglichen Sprachen übersetzt und sogar verfilmt wurde. Das Buch war O.K., vielleicht war die englische Übersetzung nicht besonders. Ansonsten hab ich einige deutsche Sachbücher über die Nazi-Zeit besprochen, das hat mich persönlich interessiert.

Irgendwann hast du beschlossen, den Job zu wechseln und bist vom Book-Reviewer zum Nachrufschreiber geworden – warum?
Na ja – so unterschiedlich ist das gar nicht. Zuerst habe ich Bücher besprochen, dann Menschen. Nein – es war vielleicht der Reiz, etwas Neues zu machen, und der Stress, zwei oder drei Besprechungen die Woche zu
schreiben, wurde mir irgendwann zu viel. Es war zwar schön, dass ich einigen talentierten Leuten wie etwa Robert M. Pirsig mit seinem Buch Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten zum Durchbruch verholfen habe, aber nach 36 Jahren war ich einfach ein bisschen müde.

Zum Abschluss noch zwei Fragen. Was war das merkwürdigste Erlebnis in deiner Laufbahn und welches Buch würdest du
empfehlen?

Ich hatte einige Begegnungen der dritten Art. Eine der seltsamsten Bekanntschaften war Stalins Tochter – Swetlana Iossifowna Allilujewa, die in den USA lebte. Ich sollte mit ihr gemeinsam ein Buch schreiben und interviewte sie dafür. Wir gingen essen und auf dem Rückweg bestand sie darauf zu fahren und ich musste hinten sitzen – ich wurde also von Stalins Tochter chauffiert. Nach ein paar Tagen, es war Sonntag, rief sie bei mir zuhause an. Meine Frau ging ans Telefon und erklärte ihr, dass ich nicht zuhause, sondern bei einem Footballspiel sei. Swetlana regte sich auf, warum ich solchen Zeitverschwendungen nachgehe, wenn ich doch ihr Buch fertigschreiben sollte. Ich hörte nie wieder von ihr. Zu den Büchern: Mein Lieblingsbuch ist Ulysses. Empfehlen kann ich auch die witzigen und klugen Geschichten von David Foster Wallace, etwa Consider the Lobster.

Christopher Lehmann-Haupts Vortrag fand am 19.03.2013 in Innsbruck statt, die Vortragsreihe wird bis Sommer 2014 fortgesetzt.