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MOLEcafé

Ein musikalischer Entdecker auf der Jagd nach dem „holy grail“

#11 2013 / Markus Stegmayr

Markus Reuter, in Innsbruck lebender und aus Deutschland stammender „Touch-Gitarrist“ von Weltrang, spielt u.a. mit Weltklassemusikern wie Tony Levin und Pat Mastelotto. Sein Werk bewegt sich zwischen komplexen, progressiven Tracks wie z.B. bei den Stick Men und Improvisation wie bei dem Projekt centrozoon. Vor allem ist ihm aber auch seine Rolle als Komponist wichtig, so wurde seine Komposition Todmorden 513 erst kürzlich von einem Orchester in Denver aufgeführt.

Wie würdest du den Zusammenhang von Ensemble-Spieler, Team-Player und Komponist herstellen?
Markus Reuter: Musik ist für mich das Zusammenspiel von musikalischen Parts. Selbst wenn ich ein Solo-Stück spiele oder ein Solo-Stück komponiere, besteht das Stück aus verschiedenen Parts, die ineinandergreifen und ein großes Ganzes ergeben. Es hat mich nie interessiert, als Solo-Künstler aufzutreten, vielmehr ist das Ensemble-Spiel meine Sache, und noch mehr das Konzipieren von Musik für ein Ensemble. Das ist die klassische Rolle von Komponisten, die ja immer noch, und das ist gut so, für Ensembles komponieren. Ich sehe zum Beispiel auch das Klavier als ein Ensemble. Ein guter Pianist ist immer mehrere Personen.

Wie geht es dir, wenn du eines deiner Stücke aufgeführt hörst?
Digitale Vervielfältigung interessiert mich ja gar nicht und analoge Vervielfältigung heißt schließlich, dass das Stück gespielt werden muss. Wenn Musik von mir aufgeführt wird, ist es so, obwohl ich der Urheber bin, dass ich mich nicht als derjenige fühle, der 100 Prozent dafür verantwortlich ist. Ich öffne mich als Komponist dafür, inspiriert zu werden.  In der Regel nehme ich Sachen, die passieren, auch an, es sei denn, sie sind zu 100 Prozent „falsch“. Aber wenn etwas nur zu 90 Prozent falsch ist, dann ist es schon „richtig“.

Du hast mir mal in einem anderen Gespräch vom „holy grail“ und deinem Traum erzählt. Was hat es damit auf sich?
Als Jugendlicher und bis ich Mitte 30 war, hatte ich einen immer wiederkehrenden Traum. Dieser war in einem verschachtelten Gebäude, das eine Mischung aus Einkaufszentrum, Freischwimmbad und etwas in der Art einer großen Villa war. Es gab dort auch Rolltreppen. In diesem Haus konnte man im Kreis gehen, es gab nicht nur einen Eingang und einen Ausgang, sondern es gab Rundwege. Für mich hat das eine wichtige Symbolik. In diesem Gebäude gab es immer auch ein Plattengeschäft, noch mit LPs. Ich bin dort immer auf der Suche gewesen nach Musik, die ich noch nicht kenne.
Ich habe mir in diesem Laden dann auch immer Platten rausgenommen und Cover angeschaut. Ich konnte mich beim Aufwachen nicht mehr genau an die Cover erinnern, an die Farben, ich hatte immer Farbwahrnehmungen. Ich bin dann immer aufgewacht mit ein wenig mehr Information zu diesem „holy grail“. Damals war mir aber noch nicht so ganz klar, dass natürlich ich selbst es bin, der sich diesen „holy grail“ erarbeitet. Damals, als ich noch jünger war, hatte ich die Vorstellung, dass das von einem Künstler, den ich mag, kommt, z.B. eine verschollene Platte von diesem …
Ich glaube, was mich auszeichnet, ist, dass ich mit dieser Motivation gesegnet bin auf diese Suche zu gehen, diese „Forschung“ zu unternehmen. Es ist das, was ich tue: Exploration. Ich würde nicht von mir selbst als talentiertem Musiker reden, aber ich habe den Antrieb, zu suchen nach Musik, die für mich unbekannt ist und auch nach Musik, die musikhistorisch gesehen unbekannt ist.

Welche Eigenschaften muss ein solcher „Forscher“ im Heute mitbringen?

Ich bin davon überzeugt, dass heutzutage Bildung eine große Rolle spielt, weil wir als Menschen im Prinzip das ausgereizt haben, was wir automatisch machen. Das gilt auch für das Experimentieren und das Improvisieren. In der experimentellen Musik ist es ziemlich schwierig, gut gebildet zu sein und vieles zu kennen. Dort passiert auch sehr viel schlechtes Zeug. Es gibt sicher auch Leute, die eine so interessante innere Hörwelt haben, dass auch gute Sachen dabei entstehen. Aber das ist dann oft auch zufällig und man muss auch viel zu viel arbeiten, um zu einem wirklichen Ergebnis zu kommen. Ich bin da eher konzeptionell.
Ich habe ein Kompositionsprinzip entwickelt, das im Prinzip eine algorithmische Kompositionstechnik ist, die aber anders als viele
andere Techniken nicht auf einen seriellen Gedanken basiert, sondern auf einem rein kombinatorischen permutatorischen, d.h. es werden keine Zustände ausgeschlossen.
Im neuen Werk überführe ich das in ein polyphoneres Stück, wo mehrere Stimmen unabhängig voneinander geführt werden. Es ist weiterhin ein Stück ohne Wiederholungen, mit ständiger Modulation aber „pointilistischer“ und im Prinzip ein bisschen rückblickender, romantischer, neo-klassizistischer – aber vom tonalen Inhalt ganz neu gestaltet, auch im Vergleich zur Harmonielehre vom letzten Jahrhundert. Trotz der „Freitonalität“ macht es einen tonalen Eindruck. Wenn man mit einer Selbstverständlichkeit einen falschen Ton spielt, dann wird er richtig …