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MOLEcafé

Nora Schlocker

#11 2013 / Katrin Jud

E.T.A. Hoffmanns Das fremde Kind, das am 8. Mai 2013 am Düsseldorfer Schauspielhaus Premiere feierte, ist das 32. Stück, das Nora Schlocker als Regisseurin auf die Bühne gebracht hat.

Geboren 1983 in Rum als Tochter der Kunstkritikerin Edith Schlocker, tummelte sie sich früh in der Tiroler Kunst- und Kulturszene. Als sie gemeinsam mit einem Jugendfreund ein Stück schrieb und inszenierte, verliebte sie sich ins Theater und bewarb sich fürs Max Reinhardt Seminar in Wien. „Zu jung“, hieß es damals. Bei ihrer zweiten Bewerbung ließ sie dieses Argument nicht mehr gelten und begann 2003 das Regiestudium an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Zehn Jahre und 32 Produktionen später, unter anderem am Maxim Gorki Theater Berlin, am Schauspielhaus Wien und drei Jahre lang am Deutschen Nationaltheater Weimar, ist sie seit 2011 Hausregisseurin des Düsseldorfer Schauspielhauses. Die Debatte um ihre Jugend geht weiter. „,Ach, sind Sie jung, wie kommt das denn?‘, war, glaube ich, die am häufigsten gestellte Eingangsfrage von Journalisten in den letzten zehn Jahren“, sagt Schlocker. Liest man Interviews mit der Tirolerin, springt die Idealisierung der Regisseurin in den Schlagworten „jung, schön, kompetent“ bis hin zu Schneewittchen-Vergleichen ins Auge. „Das war nie allzu sehr mein Thema oder Kampfplatz“, tut sie die Thematisierung ihres Äußeren in den Medien ab, denn es geht ihr ums Theater und da hat man ohne Durchsetzungsvermögen von vornherein verloren.

Theater der Verführung
„Theatermachen ist Krieg“, meint Schlocker und beschreibt ihren Arbeitsprozess als Auslieferung an einen Erzählstoff, der zwingend für den Ort, die Zeit und die Beteiligten ist. „Es geht um den Entwurf eines Kosmos, einer Welt, in der diese Erzählung logisch, haptisch, verführend ist.“ Gleichzeitig sind die Akteure miteinander eingesperrt und ackern sich ab an dieser separierten Welt, die eine Geschichte erzählen und transportieren soll. Dabei inszeniert sie sowohl klassische Erzählungen (Grillparzer, Horváth, Büchner) wie auch moderne Texte (Klaas Tindemans, Maria Kilpi, Tina Rahel-Völcker). Nicht immer wurden ihre Bühnengeschichten von medialem Wohlwollen begleitet. Die Auseinandersetzung damit schiebt die Regisseurin bewusst von sich, „alles andere würde mich auch verrückt machen – und arbeitsunfähig!“ Das Ziel muss die bewusste Umsetzung der Ideen sein, egal, ob es gefällt. „Gutes Theater entsteht, glaube ich, niemals durch Berechnung und immer nur in guten Konstellationen.“

Sentimentalisierte Heimat
Tirol steht Nora Schlocker gespalten gegenüber. „Ich vermisse die Berge, verteidige vor sämtlichen Deutschen das Essen und idealisiere mein Tirolbild.“ In Wirklichkeit wollte Schlocker aber nichts wie weg, weg von der Engstirnigkeit, der Begrenztheit und der Tiroler Theaterszene. Tirol als ihre Heimat beschäftigt die inzwischen 30-Jährige jedoch immer mehr in ihren Arbeiten, vor allem in Bezug auf den Mythos des typisch Österreichischen, des Abgründigen, den sie in österreichischen Theatertexten wiederfindet. „Irgendwas klingt da in mir an, das sind dann immer besondere Arbeiten.“ Zurückkommen wird sie deshalb aber nicht.
2013 hat die Tirolerin eine Lehrtätigkeit an der Angewandten in Wien inne. Ihr Hauptanliegen dabei ist die Herausforderung und Provokation der StudentInnen: „Denn ich glaube fest daran, dass wir es uns nicht leisten können, mittelmäßiges Theater zu machen.“ In der Zwischenzeit erwartet sie ihr erstes Kind und wird im April 2014 am Düsseldorfer Schauspielhaus, ihrer Wahlheimat, die Inszenierung von Nummer 33 in Angriff nehmen.