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MOLEcafé

Die Sucht nach Vollständigkeit

#11 2013 / Ulrich Lobis

Jeder von uns hat vermutlich irgendwann einmal etwas gesammelt – Steine am Strand, Abziehbilder von Fußballstars oder Musik-Alben.
Doch irgendwann vergeht die Freude daran und man hört auf – außer man zählt zu den Menschen, die nicht ablassen können und eine dermaßen große Freude an einer Sache entwickeln, dass diese zu einem Lebensmittelpunkt für sie wird.

Es ist schwer, nicht ins Staunen zu verfallen, sobald man sich in den Räumen eines Sammlers, einer Sammlerin wiederfindet. Jeder Quadratmeter ist genutzt, die Regale sind übervoll, aber jedes Stück hat seinen Platz und seinen Namen. Gerade in einer Wegwerf-Gesellschaft, in der jedes Handy der Vorgängergeneration ersetzt werden muss und jeder Vorjahrescomputer unter dem Verdacht des Ramsches steht, öffnet sich hier eine Tür in eine andere Welt.
Wenn man in Wattens das Schreibmaschinenmuseum besucht und in das Vergnügen einer Führung kommt, sollte man es nicht allzu eilig haben und sich mindestens zwei Stunden Zeit nehmen. Es gibt vermutlich kein Detail, das Jörg Thien nicht kennt, und keine Frage, die ihn ins Stocken bringt.
Thien hat die Sammlung über Jahre aufgebaut und sie hängt eng mit seinem Berufsleben zusammen. Obwohl er sich als Jugendlicher für andere Berufe interessierte, begann er durch Zufälle in den 1950er Jahren eine Lehre zum heute ausgestorbenen Beruf eines Büromaschinen-Mechanikers. Sein enormes Wissen im Reparieren lernte Thien vor allem durch das Wiederherstellen von Maschinen aus zerbombten Häusern, die in der damaligen Zeit häufig zu finden waren. Der Beginn der Sammlung liegt in einem Zusammentragen von Maschinen, die unbenutzt oder beschädigt bei verschiedenen Firmen herumstehen und auch von Thien anfangs nur in seinem Keller aufgetürmt werden. Erst nach Jahren beginnt er, sie zuerst zu inventarisieren und langsam auch zu reparieren.
Doch das genügte Thien nicht – er will sie auch präsentieren. Nach verschiedenen Anläufen, die sich nicht als der optimale Ort erwiesen, wurde in Wattens eine Lösung gefunden. Seit 2002 sind die Maschinen in ihrem jetzigen Museum ausgestellt und begeisterten bereits mehr als 10.000 Besucher. Mit weit über 400 Geräten ist es eine der größten und vermutlich beeindruckendsten Büromaschinensammlungen, die man in Österreich finden kann.
Bei Friedrich Spiel waren es Kameras, die ihn in ihren Bann zogen. Seit seiner Jugend interessiert er sich für Fotografie – zunächst allerdings noch nicht für die Apparate und ihre Entwicklung, sondern für die Tätigkeit selber. Erst mit 30 Jahren bekommt er von seinem Onkel drei alte Kameras geschenkt, die das Interesse des ambitionierten Fotografen wecken – hier vor allem die Technik. Es kamen ab diesem Augenblick immer mehrere, teils wertvolle, teils skurrile Sammlerstücke dazu. Neben Flohmärkten und Sammlerbörsen, die für SammlerInnen die wichtigsten Fundgruben darstellen, erschloss eine Ausstellung in der Gebietskrankenkasse, seinem Arbeitsplatz, weitere Quellen – abgesehen davon, dass Spiel hier zum ersten Mal die Sammlung als sein Hobby sah, erfuhren plötzlich viele Menschen von Spiels Sammelleidenschaft und boten ihm zahlreiche Stücke an.
Das Spektrum der Sammlung erstreckt sich von heute nur mehr aus Filmen bekannten Apparaten aus Holz – man denke an die Szenen, in denen die Qual des ewigen Stillsitzens gezeigt wird – bis zu digitalen Kameras. Neben den Apparaten sammelt Spiel auch noch ihr Zubehör wie Belichtungsmesser, Blitze etc.
Zusätzlich zum „klassischen“ Gebiet ist die 3D-Fotografie Spiels Steckenpferd. Zwar sind dreidimensionale Filme momentan sehr in Mode, aber leicht übersieht man, dass es die Stereo-Fotografie bereits im 19. Jahrhundert gegeben hat. Seit den 1970er Jahren beschäftigt sich Spiel damit und erstellt auch heute mit einer grundsätzlich einfachen Technik – die Kamera muss nur verschoben werden – dreidimensionale Fotos.
Spiels Eifer und Liebe zu seiner Sammlung wird dann am deutlichsten, wenn er darüber spricht. Selten hört man jemanden so leidenschaftlich über die Wege und „Seitenwege“ der Entwicklung der Fotografie reden. Bietet sich die Gelegenheit, die Sammlung im Rahmen einer Sonderausstellung zu sehen – Spiels Passion ist leider eine rein private –, sollte man sie sich auf alle Fälle anschauen.
Bei Günther Raffl, einem ÖBB-Beamten in Ruhe, weckte ein 1975 ausgestrahlter Fernsehbericht über Oldtimer ein nicht vorhersehbares, schier unendliches Interesse. In einem Stadel in Haiming hortet er seit Jahrzehnten Zweiräder, das dazu gehörige Zubehör und verschiedenstes Werkzeug. Allein durch ihren Umfang würde die von Raffl zusammengetragene Sammlung beeindrucken, doch es ist nicht die Menge, die einen überwältigt.
Aus dem Nichts baute Raffl durch geschicktes Einkaufen, Verkaufen und Eintauchen seine Sammlung auf, die anfangs nicht ernst genommen wurde und ohne Drittmittel finanziert werden musste. Mittlerweile besitzt Raffl knapp 150 Motorräder aus fast allen Epochen und eine mindestens ebenso beträchtliche Sammlung von Fahrrädern, die sowohl das klassische Hochrad als auch das Vollplastikrad umfasst, wobei besonders Motorräder der Firma Wanderer aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg beeindrucken.
Dass hinter der Sammellust Raffls vor allem sein Drang nach Bewahren steht, sieht man auch darin, dass er vom Zerreißen bedrohte Ensembles rettet. In seinem Stadel finden sich vollständige Werkstätten, so etwa eine Schlosserei oder eine Schusterwerkstatt, die bis in die 1970er Jahre in Haiming in Verwendung war.
Neben der Möglichkeit, nach Voranmeldung die Sammlung zu besuchen, findet auch alle zwei bis drei Jahre ein Fest statt, im Zuge dessen man nicht nur Raffls Stücke besichtigen kann, sondern auch andere Oldtimersammler mit ihren Fahrzeugen anreisen.
Oft werden SammlerInnen belächelt und gelegentlich sogar als Messies abgetan. Doch sobald man sich auf einen Ausflug in ihren kleinen Kosmos der Ordnung und Vollständigkeit eingelassen hat, wird man erleben, wie falsch dieses Vorurteil ist. Es präsentieren sich Menschen, die bereit sind, nicht nur den Großteil ihrer Zeit und oft auch ihrer finanziellen Mittel einer Sache zu widmen, sondern auch hervorragende ErzählerInnen der Geschichten ihrer Stücke sind.