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MOLEcafé

Selbst und anders – wie Improvisation qualitätsvollen Wohnraum schafft

#11 2013 / David Schreyer

Drei Beispiele zeigen, dass ArchitektInnen die Entwicklung von Einfamilienhäusern ohne Eitelkeit und Sturheit angehen.

Sven Matt hat in Innsbruck Architektur studiert und betreibt heute ein kleines Architekturbüro im Bregenzerwald. Vor einiger Zeit konfrontierte ihn seine Tante Gudrun mit einer speziellen Bauaufgabe. Sie hat ihr ebenso überdimensioniertes wie überforderndes Einfamilienhaus verkauft. Der Erlös sollte zum Neubau eines kleinen Wohnsitzes verwendet werden. Eine steile Vorgabe. Schließlich brachte der Verkauf des Hauses verhältnismäßig wenig ein. Da es unserer Gesellschaft seit Jahrzehnten nur äußerst selten gelingt, Bauwerke von bleibendem Wert zu errichten, ist das kein Einzelfall.

Bewehrungseisen selbstgebogen, Bodenplatte selbstgegossen.
„Will man ein Einfamilienhaus nach gängigem Standard bauen lassen, so muss man mit einer Bausumme von 450.000 Euro
rechnen. Das Grundstück kommt da noch dazu“, erwähnt Architekt Sven Matt. Seine Erkenntnis daraus ist, dass Eigenleistung beim Häuslbauen künftig wieder mehr zur tragenden Rolle wird. Für sein Haus Gudrun kam er mit etwa einem Drittel der oben genannten Summe aus – exklusive Grundstück. Der Rest wurde durch Eigenleistung erbracht. Die Bauherrin war beim Biegen der Bewehrungseisen für die Bodenplatte ebenso dabei wie beim Setzen der Fenster. „Wir haben das Budget keinen Cent weit überzogen“, merkt sie an.
So konnte in Mellau ein feines Häuschen entstehen. Die Nutzfläche von 90 Quadratmetern würde auch eine kleine Familie zufriedenstellen. Auf einen Keller wurde verzichtet. Ein flaches vordachloses Satteldach verleiht dem Gebäude eine angenehme Schnörkellosigkeit. Stehende Holzstäbe dienen als Oberfläche – ihr Grau verbindet den Bau mit seiner Umgebung. Vier prägnante Wandöffnungen verleihen dem Baukörper Struktur und lassen zugleich ausreichend Tageslicht ins Haus. Der Einschnitt im Osten dient als Eingang. Durchschreitet man diesen, so blickt man einen kurzen dunklen Flur entlang – im Gegensatz zur sonst im Gebäude vorherrschenden Weißtanne regieren hier dunkel gestrichene Holztafeln. Direkt am Eingang kann man rechterhand Richtung Gästezimmer abbiegen. Entscheidet man sich weiterzugehen, so streift man den kleinen Technikraum und das Bad –
bemerkbar machen sich die beiden zentral im Gebäude gelegenen Räume nicht. Die Türen wurden unscheinbar ausgeführt. Über den beiden Räumen versteckt sich ein kleiner Dachboden. Am Ende des Flures wartet ein tagheller Raum auf BewohnerInnen und BesucherInnen, der nach Westen orientiert ist. Er füllt den gesamten Gebäudequerschnitt aus. Im Zentrum sind ein Schwedenofen und ein Waschbecken installiert. Der Raum dient als Küche und Wohnraum, bietet Stauraum, eine Sitznische, einen direkten Ausgang auf die
Terrasse und die großzügigen Wiesen der Umgebung. Hinter einer Tür, die die fein nachgedunkelte Holzoberfläche durchbricht, befindet sich ein außergewöhnlich hoher Schlafraum. Ein besonderer Platz, um Tage zu beenden und zu beginnen.

Schlichter Perfektionismus – Innenräume für eine Architektenfamilie

Für heimische Jungfamilien wird es immer schwieriger, qualitätsvollen Wohnraum zu schaffen. Mitgrund dafür ist auch eine seit Jahrzehnten schielende Raumordnung. Der allgemeine Drang nach Haus und Garten führt so in einem Land, das hauptsächlich aus steilen Schotterkaren besteht, zur stetigen Verteuerung von bebaubarem Boden. Das Schaffen von Raum für Kind und Kegel erfordert Improvisation und Mut.
„Die Regalgarderobe ist eine Zwischenlösung“, lässt Familienvater Paolo Pizzignacco gleich nach Betreten der Innenräume wissen. „Die Rückseite der Garderobe ist mit Gläsern und Tassen gefüllt. Ein Regal – zwei Funktionen“, ruft uns die Frau des Hauses entgegen. Ein Detail, das man als Symbol lesen kann – das in Hall in Tirol gelegene Haus der Pizzignaccos hat zwei Seiten. Für das Außen zeichnet das Architekturbüro Stock verantwortlich. Die Familie Pizzignacco entschied sich nur für den Kauf der Immobilie, weil ihr bei der Gestaltung der Innenräume Freiraum eingeräumt wurde. Der Familienvater sollte die in Summe 130 Quadratmeter messende Wohnfläche den Ansprüchen seiner Familie entsprechend anpassen – Paolo Pizzignacco ist Architekt. Gemeinsam mit dem Bauträger wurden Möglichkeiten ausgelotet und tatsächlich umgesetzt. Grundrisskonfiguration und Ausführung der innenliegenden Oberflächen tanzen heute im Vergleich zu den Nachbarhäusern aus der Reihe. So kann die Familie im Erdgeschoss einen großen Wohnraum durchschreiten. An diesen dockt eine mit selbstgebauten Küchenmodulen ausgestattete Kochnische an. Wie überhaupt so gut wie jedes im Haus Verwendung findende Möbel von Paolo Pizzignacco selbst entworfen und gebaut wurde. Das Innenleben des Einfamilienhauses erinnert an ein abstrahiertes Schneckenhaus – als viereckige Spirale entwickeln sich die Räume mit ihren weißen Wänden von unten nach oben. Der Küche gegenüber findet man einen weißen Block – einen Kachelofen. Dieser heizt den Wohnraum und markiert gleichzeitig den
Treppenaufgang in die Obergeschosse des Hauses. Am oberen Ende der Treppe findet sich das Arbeitszimmer, nebenan ein Kinderzimmer. Die beiden Räume liegen, wie der Hauseingang, im Osten des Bauwerkes. Morgensonne für den arbeitenden Papa und die stets früh aufstehende Tochter. Durch Umlaufen des zentral im ersten Obergeschoss liegenden Gemeinschaftsbades passiert man die Hausbibliothek. Diese ist aus einem schmalen Gang mit großzügig verglastem Ausgang zur Dachterrasse entstanden. Über die Außenwand des angrenzenden Nachbarhauses streifendes Sonnenlicht und jede Menge guter Bücher laden zum Verweilen ein. Spaziert man weiter, so findet man neben zwei weiteren Kinderzimmern eine zweite Treppe. Das Element befindet sich exakt über dem vorhin erwähnten Aufstieg und besteht lediglich aus hölzernen Trittbrettern. Die Art der Ausführung erlaubt Durchblicke und lockert so die strenge Struktur des ersten Obergeschosses merkbar auf.
Steigt man die Treppen hinauf, so gelangt man in das zweite Obergeschoss. Es dient den Eltern als Schlaf- und Rückzugsraum. Ein großes Fenster mit Blick auf die hell erleuchtete Landeshauptstadt belohnt die Eltern fürs manchmal turbulente Tagwerk.

Ein großes Fenster für das kleine Vorstadthaus
Viele InnsbruckerInnen lieben es, zwischen Vorstadthäusern in Pradl, Reichenau und Saggen zu flanieren. Zwischen den Allee- und Vorgartenbäumen dieser Stadtteile gibt es das ein oder andere Schmuckkästchen zu entdecken. Aber auch marode Häuser sind Teil des Gesamtbildes. Die beschriebenen Bauwerke markieren einen oft ausgesprochenen Wohntraum: Haus und Garten kombiniert mit Stadt und Kultur. Will man diesen Realität werden lassen, muss man schnell reagieren und Zweifler ignorieren.
Architektin Helga Flotzinger wurde mit einer in der Innsbrucker Reichenau gelegenen Hochparterrewohnung samt dazugehörigem Erdkeller konfrontiert. Die ursprünglich an sie herangetragene Aufgabe war die Errichtung einer Terrasse. Zu Beginn des Entwurfsprozesses wurde diese bereits 18 Jahre von der Bauherrschaft bewohnt. Mitte der Neunzigerjahre hatte diese die Räume für sich entdeckt und erworben. Schon damals war der Bestand lädiert – vom Kauf der Wohnung wurde abgeraten. Auch steht das Haus direkt an einer Hauptstraße. Sieht man genau hin, so merkt man, dass dieser Umstand durch einen südlich des Bauwerkes gelegenen weitläufigen Obstgarten mehr als wettgemacht wird. Nach einer damals verhältnismäßig unaufwendigen Instandsetzung ließ sich in den nur mit Kachelöfen geheizten Räumen aber tadellos leben. Alte Holzböden waren der perfekte Untergrund für rauschende Feste.
Im Laufe der Jahre veränderten sich die Bedürfnisse, vor allem weil Flotzingers Auftraggeber eine Familie gründeten. Nach ausführlicher Recherche schlug die Architektin vor, von der Bauaufgabe Terrasse abzurücken. Ein ganzjährig nutzbarer Raum ersetzte den Vorschlag. Dieser sollte einerseits in der Lage sein, Wohnung und Keller zu verbinden, vor allem aber sollte er das einzige Manko der Wohnung ausbügeln: Verhältnismäßig kleine Fenster ließen oft zu wenig Tageslicht in die Räume. Der Vorschlag von Helga Flotzinger wurde umgesetzt. Und so kann heute ein hoher, lichtdurchfluteter Raum zum Tanken von Sonnenlicht genutzt werden. Auch die Raumhöhe der direkt an die Außenwand des Vorstadthauses angedockten Box verleiht der Wohnung eine neue Qualität. Eine große Schiebetür, diese steht an halbwegs warmen Tagen von früh bis spät offen, lädt zum Betreten ein. Ebenerdig findet sich eine gemütliche Wohnfläche, über der sich ein Gummibaum biegt. Ein paar Schritte weiter steht man direkt an der ehemaligen Außenwand des Hauses. Anstatt vor Wind und Wetter zu schützen, stützt diese heute eine feingliedrige Treppenkonstruktion. Wobei das Wort Treppe zu kurz greift. Zwar steigt man an ihr vom Wintergarten ins Hochparterre hinauf. Jedoch entschloss sich die Architektin, eine Abzweigung einzuführen. Und diese bietet die Möglichkeit, auf eine Galerie zu gelangen. Auf dieser kann man sich vom Haus weg zu den Obstbäumen hin bewegen. Die HausbewohnerInnen nutzen den innenliegenden Balkon als Bibliothek. Zudem kann die Bauherrschhaft jederzeit etwas Abstand zum Alltag gewinnen, sich vom gemeinsamen Wohnraum entfernen. Und nach kurzem Innehalten zu diesem zurückkehren.
Da Architekturschaffende für ihre Leistung ein Honorar bekommen, können sie unabhängig agieren. Das bedeutet, sie müssen anders als etwa von einer Baufirma „kostenlos“ zur Verfügung gestellte Planer ihr Einkommen nicht über Materialmenge, Raumvolumen oder Installationen mit hoher Gewinnspanne erwirtschaften. Laien spart dies bares Geld. Des Weiteren sind BaukünstlerInnen in der Lage, das Projekt in seinen Kontext einzugliedern. Aus Bauaufgaben, Lebenssituation und geographischem Umfeld werden Bedürfnisse abgeleitet. Die daraus folgende Interpretation lässt oft von Bauherrin oder Bauherr Ungeahntes entstehen.