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MOLEcafé

Ein wenig Zeit für die Zeit

#11 2013 / Richard Schwarz

Bürokratische Hürden machen die Realisierung eines Kunstprojekts zur jahrelangen Odyssee. Erfahrungsbericht eines Künstlers.

Angenommen, die Zeit ist in der Welt, damit nicht alles gleichzeitig geschieht. Dann könnten Verzögerungen als zeitliche Entlastung gelten. Eine solche Sicht der Dinge kann bei der Umsetzung von Kunst- und Kulturprojekten einem frühzeitigen Ergrauen vorbeugen. Sich verschiebende Termine, auftretende Hindernisse und sonstige Überraschungen, die das über Jahrhunderte gewachsene Verwaltungs- und Zusammenleben prägen, können einen Neuankömmling in der Kulturlandschaft doch ein wenig irritieren. Nur gut, wenn das Projekt selbst die Zeit in sich trägt, denn dadurch erhält der Prozess hin zur Realisierung eine gewisse Ironie.

//Am Anfang war eine Idee über die Zeit …
Auf der Rückseite eines mit Juni 2011 datierten Werbezettels findet sich eine Skizze, die einer Installation zum Verrinnen der Zeit ein erstes Bild gibt. Als Gedankenspielerei war die Idee schon zuvor präsent, doch die Ausschreibung „Kunst im öffentlichen Raum“ durch das Land Tirol bot den Anlass, den Überlegungen eine Form zu geben. Das Konzept Zeitfluss sieht vor, unter der Karwendelbrücke in Innsbruck eine „tropfende Uhr“ anzubringen. Diese Uhr tropft zu historischen und aktuellen gesellschaftlichen Ruhezeiten die Uhrzeit, jede Minute in Nummernform, auf die Wasseroberfläche des Inns. Lebensmittelfarbe sorgt für ein sattes Schwarz der Tropfen, die zu etwa handgroßen Farbtupfern zerlaufen und dadurch die Ziffern einer Digitalanzeige wiedergeben. Anschließend trägt die Strömung die Zeitanzeige fort und durch die Wirbel löst sie sich langsam auf. Eine Gelegenheit entsteht, um der Zeit einfach beim Verrinnen zuzusehen. Dieses Konzept brachte ich am 5.8.2011 zur Post.

//Der Beginn des Weges

Drei Monate später kam eine Förderzusage und auch von einer ersten Rate war schon die Rede – ziemlich erfreuliche Nachrichten für einen frisch von der Uni kommenden frei flottierenden Werker. Der Auszahlung stand „nur“ ein Punkt im Wege, die Vorlage „aller für die Realisierung notwendigen Genehmigungen zum eingereichten Projekt“; was schnell in Angriff genommen wurde, aber einen langsamen Abschluss fand.
Ich kontaktierte den Grundeigentümer ÖBB. Da es ein Vorgespräch mit dem Verantwortlichen gab, war nach einem Telefonat klar, welche Informationen und Beschreibungen nötig waren, damit die „betroffenen“ Stellen in einer Bausitzung Anfang Jänner 2012 eine Entscheidung treffen können. Am 20.1.2012 wurde mir ein „Ja“ übermittelt, das mit einem verständlichen und einem versicherungstechnischen „aber“ verknüpft war: Im Schadensfall werden 4.000€ fällig und eine wasserrechtliche Genehmigung soll die Umweltverträglichkeit bestätigen. Um für Letzteres die richtigen Kanäle anzusteuern, übernahm die Tiroler Künstlerschaft in Person von Ingeborg Erhart die Vermittlung. Bestehende Erfahrungswerte führten über ein paar Ecken zur zuständigen Person bei der Stadt Innsbruck. Von ihr ausgehend, spannte sich ein Netz an Personen, die zu Details befragt und dafür mit den nötigen Informationen versorgt wurden. Nachdem das Feld für die Genehmigung mit etlichen Anrufen und Datenpaketen vorbereitet wurde, reichte Ingeborg Erhart in meinem Namen die nötigen Unterlagen ein. Am 7.3.2012 begann das Genehmigungsverfahren. Im Baurechtsamt der Stadt Innsbruck lag nun das Konzept der Installation als „Parteistück“ auf und hoffte auf das ein oder andere „passt eh“.

//Der Weg führt in unerwartetes Terrain

11.04.2012 –     Zusagen von Seiten der Gewässerökologie und des Hochwasserschutzes.

16.05.2012 –     Ein „Tropfentest“ vor Ort soll die Verwaltung des öffentlichen Wassergutes überzeugen.

27.06.2012 –     Eine Frist wird genannt: Am 1.8. soll es vor Ort zu einem Beschluss kommen.

Doch im Vorfeld braute sich Ungemach zusammen. Am 31.7.2012 trat das Wasserwirtschaftliche Planungsorgan als neuer Akteur auf und brachte Einwände vor. Tags darauf im Rahmen der Stehung unter der Karwendelbrücke, wo reihum abgefragt wurde, ob die Beteiligten Einspruch erheben, summierten sich dann zwei Jein-Einstellungen zu einem „Nein“, das kurioser Weise mit dem jeweils anderen Nein begründet wurde. Es herrschte ein wenig Verwirrung, was – laut meinen Notizen – zu einem „Das ist doch jetzt eine Frotzelei!“ und einem „Können wir jetzt eine klare Antwort haben!?“ führte. Letzteres läutete das Ende der Stehung ein und die Verfahrensleitung musste mir mitteilen: „Ich kann Ihnen leider nur einen negativen Bescheid ausstellen.“ Ich nahm es zur Kenntnis – es mangelte mir an Erfahrungswerten, was Beschlussfassungen unter Brücken betrifft.
Im Anschluss an den offiziellen Teil brachte eine der beiden ablehnenden Parteien einen Lösungsvorschlag ein. Eine Laserprojektion auf der Wasseroberfläche sollte die Tropfen ersetzen. Doch mit dieser Lösung hatte ein anwesender Vermittler zwischen Land und Kunst ein Problem. Mit dem Hinweis auf die väterliche Profession des Vorschlagenden wollte er wissen, ob sein Vater als Bildhauer auch ein Bild gemalt hätte? Nur, weil die Kunst so leichter zu transportieren wäre.
Doch die Nachbesprechung öffnete Türen, um die Kritikpunkte aus der Welt zu schaffen. Ein erweitertes Vermittlungskonzept und ein Beweis der Machbarkeit – ohne es wirklich zu machen – soll zum erfolgreichen Abschluss eines zweiten Genehmigungsanlaufes führen.
Als Andenken an diese Erfahrung kam eine Woche später der negative Bescheid plus Zahlschein über 69,30€ – die Verfahrenskosten. Für 2012 hatte sich das Projekt erledigt; und es begannen die Vorarbeiten für 2013.

//Überwindung der Steilwände
Gleich Ende September 2012 ging ein erweiterter Tropfentest über die Bühne. Drei manuell bediente Pipetten sollten die Funktion der elektromechanischen Installation simulieren und kämpften zudem mit einem Fönsturm. Trotzdem war ein „Ja“ der Verwaltung des öffentlichen Wassergutes unter bewältigbaren Auflagen das Ergebnis. Danach wurden die geforderten Details zur Öffentlichkeitsarbeit nachgereicht. Vor einem endgültigen Urteil wollten die beiden ablehnenden Parteien der ersten Instanz noch ein Telefonat führen.

21.12.2012 – Das Ja des Wasserwirtschaftlichen Planungsorgans per Brief

01.02.2013 – Ein Ja der Verwaltung des öffentlichen Wassergutes per E-Mail

28.02.2013 – Beginn des zweiten Genehmigungsverfahrens

16.04.2013 – Eine Frist wird verlautbart: Am 6.5. kommt es zum „Zusammentritt“.

06.05.2013 – Der Antrag geht durch!
    Nach fast zwei Jahren der Vorarbeit beginnt nun die viermonatige Realisierung des Werks.

//Ironie und Karotten
Am Anfang stand das Vorhaben, der Zeit ein Bild zu geben, wie sie verrinnt; und dann wird ironischer Weise die Realisierung des Vorhabens eine einprägsame Erfahrung, wie die Zeit sich im Rahmen der Verfahrenswege verflüssigt. Es ist eine ganz eigene Zeiterfahrung, die viel mit der Fähigkeit des „Wartens“ zu tun hat – und vor allem muss man es sich leisten können, zu warten. Denn in Anbetracht einer schmackhaften Karotte – in Form einer Förderzusage für ein Projekt, das einem am Herzen liegt –, die einem vor der Nase hängt und sich beständig dem Verzehren entzieht, muss man aufpassen, nicht zu verhungern.