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Hintersinnig, mit mindestens drei Böden...

#12 2013 / Markus Stegmayr

Franui werden 20 Jahre alt. Das ist Anlass genug, um mit dem Bandleader Andreas Schett über Respektlosigkeit, Tradition und Heimat zu sprechen – und darüber, was das alles mit Franui und deren Musik zu tun hat. 20 Jahre Franui sind außerdem Anlass, um über Vergangenheit und Zukunft der umtriebigen „Musicbanda“ zu reflektieren. Dabei wird deutlich, dass Franui nicht nur aus einer breiten Palette an musikalischen Möglichkeiten schöpfen, wie z.B. Volksmusik, Jazz und klassischer Musik, sondern auch aus ihrer eigenen, bewegten und bemerkenswerten Vergangenheit. Markus Stegmayr traf den gebürtigen Osttiroler da, wo alles begann: auf einer Almwiese in Innervillgraten.

Mir fällt vor allem ein Begriff ein, wenn ich die Musik von Franui höre: Respektlosigkeit. Kannst du mit diesem Begriff etwas anfangen?
Andreas Schett: Respektlosigkeit schwingt sicherlich mit, aber es drückt nicht alles aus, was uns musikalisch ausmacht. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt daraus. Natürlich muss man, wenn man, wie wir, von Vorlagen ausgeht – ob es ein Trauermarsch oder ein Schubert-Lied ist, ist dabei egal –, Respektlosigkeit an den Tagen legen, damit man sich überhaupt traut, das anzugreifen und damit etwas zu machen. Man muss diese Vorlage aber auch lieben, sonst kommt man überhaupt nie auf etwas anderes.

Das heißt, man muss also auch Respekt haben vor den „alten Meistern“?
Ja. Man muss zumindest einmal angezündet werden von etwas im Stück, das einen da hinzieht. Manchmal zelebrieren wir das Stück nur mit unserem Instrumentarium und setzen vielleicht nur hier und da eine lange Note dazu. Manchmal stellen wir das Stück aber auch komplett vom Kopf auf die Füße, zerschneiden das Stück. Dann verschwimmt alles. Man weißt nicht mehr, was Interpretation ist, was Improvisation, was Eigenkomposition, was Arrangement. Das ist sehr schön, das haben wir sehr gerne.

Ich denke, das hat ja auch alles sehr stark mit Tradition zu tun. Wie würdest du das Verhältnis von Tradition, Verwurzelung, Respekt und Respektlosigkeit beschreiben? Ist diese gewisse Respektlosigkeit vielleicht ein Mittel, damit dir und euch das gesamte Material an musikalischen Möglichkeiten wieder „zufällt“, wieder benutzbar wird?
Ja, das stimmt sicherlich, dass wir das so tun und denken. Ich glaube aber auch, dass das insgesamt im Moment so ist, dass man jetzt wieder so denken kann – mit allen negativen Auswüchsen. In Tirol geht es halbwegs, weil in Tirol die Hauptuniform die Ski-Jacke ist (lacht). Aber zum Beispiel im bayerischen Raum oder in Salzburg ist es erschreckend, wie viele junge Menschen selbstverständlich und selbstbewusst Tracht tragen. Da kann ich überhaupt nicht mit. Aber der unverkrampfte Zugang an sich gefällt mir. Ländlich und urban, die ländliche Herkunft, die Tradition: Man kann daraus ganz neue Mixturen herstellen. Musikalisch gesprochen ist aber das große Problem die Frage nach den „Scharnieren“, das, was dazwischen ist. Wir arbeiten sehr viel an diesen Übergängen, weil es ganz schnell banal werden kann, wenn man jazzig wird. Im besten Fall darf das alles nicht hintereinander passieren, sondern es sollte bereits in jeder Note mitschwingen.

Mir kam es gestern beim Almkonzert auf Franui so vor, dass es früher bei den alten Liedern eine größere Distanz zur Heimat und dem damit einhergehenden musikalischen Material gibt, mehr Jazz. Im Heute hingegen wird die Symbiose gesucht. Kann man das so beschreiben?
Das muss ich dir überlassen, das zu beurteilen. Ich war bei allem immer drinnen (lacht).

Wie würdest du denn die Entwicklung von Franui grob beschreiben? Immerhin feiert ihr ja heuer 20-jähriges Bestehen. Zeit für einen kleinen Rückblick vielleicht?
Wenn man 20 Jahre alt wird, dann blickt man natürlich zurück. Mir ist aufgefallen, dass alles eigentlich eine logische Entwicklung genommen hat. Unser erstes Projekt war, wo wir gerade von Respektlosigkeit gesprochen haben, vor 20 Jahren im Zachelestadl hier in der Nähe, der Film Andreas Hofer – Der Freiheitskampf des Tiroler Volkes, ein Stummfilm von 1929. Ich als Veranstalter des Festivals Villgrater Kulturwiese wollte den Film am Vorabend des Schützenfestes 1993 zeigen. Der Film war zu diesem Zeitpunkt gerade entdeckt worden und wurde in Innsbruck aufgeführt – mit Klavier. Wenn am Bergisel gekämpft wurde, setzten tiefe Tremolos am Klavier ein. Wir waren der Meinung, dass das so nicht geht.
Daraufhin haben wir entschieden, eine Band zu gründen. Das war eigentlich ganz absichtslos, fast so, wie wenn man eine Wurstsemmel kaufen geht: Spielst du mit? Spielst du mit? Und schon haben wir gespielt. Mit diesem Projekt sind wir dann in Tirol herumgefahren. Es gab regelmäßig Schützen, die sich wahnsinnig aufgeregt haben. Wir waren da wirklich frech. Da waren Sachen dabei, die ich heute nie mehr so machen würde. Aber es hat damals etwas getroffen. Zum Beispiel beim Auftritt von Andreas Hofer, als er in die Stube hineinkommt, zum Weihwasser greift und wir haben dann You can leave your hat on gespielt (lacht).

Hat sich dann das Verhältnis zwischen Heimat und Tradition, zwischen Innervillgraten und Franui in den letzten Jahren entspannt? Seid ihr vielleicht milder und versöhnlicher geworden oder hat sich die Heimat verändert?

Versöhnung kann ja nur stattfinden, wenn es vorher ein Zerwürfnis gegeben hat.

War das nicht so?
Nein, es ist nicht so schwarz-weiß zu sehen. Die Kulturwiese hat rückblickend aus meiner Sicht etwas Richtiges aufgerissen, nämlich dass man regionale und lokale kulturelle Befunde mit interessantem, künstlerisch zeitgenössischem Denken in Verbindung bringt. Damit schafft man im besten Fall etwas, das exemplarisch ist. Das kann dann jemand aus Tirol genauso verstehen wie jemand aus Hamburg. Wir haben damals auch damit begonnen, Dorfgeschichten zu schreiben und aufzuarbeiten.
Über die Trauermärsche ist Franui dann in die klassische Musik gekommen, weil uns klar wurde, dass alle großen Komponisten auch diese Formel benutzen. Damit sind wir bei Schubert angekommen, wo uns klar geworden ist, wir müssen den Sänger herausnehmen. Die machen einfach jedes Lied kaputt, die Idioten (lacht) – wenn man es provokant formulieren will. Das ist natürlich auch eine Respektlosigkeit. Aber damit ist die Musik erst richtig zum Vorschein gekommen. Über Brahms sind wir auf die Idee gekommen, selbst Volkslieder zu singen – und über Mahler kommt dann der Sänger wieder herein. Mein Bezug zur Heimat war jedenfalls niemals schwarz-weiß, sondern ich dachte damals, auch als die Kulturwiese angezündet wurde, dass es, wie halt überall, unglaubliche Borniertheit gibt.

Kann man es so sagen, dass ländliche Musik manchmal sehr interessant sein kann und urbane Musik oder Musik aus der „großen weiten Welt“ manchmal auch sehr banal und uninteressant?

Ja, das ist richtig. Zum Beispiel ist die Trauermarschmusik deshalb so gut, weil sie „Gebrauchsmusik“ ist. Diese Musik kann man nicht touristisch vermarkten. Sie hat einen Anlass und wird auch anlassbezogen eingesetzt, meist ohne oder mit nur einer Probe. Deshalb klingt das noch nach etwas. Diesen Teil der Volksmusik finde ich genial. Diese Musik ist in der Schwebe. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll oder etwas dazwischen. Das ist auch der Grund, warum ich im Villgrater Dialekt moderiere. Ich finde, das ist auf der sprachlichen Ebene das, was wir auch musikalisch machen. Es ist hintersinnig, hat mindestens drei Böden. Man weiß gar nicht genau, wie das überhaupt gemeint ist. Die Musik muss vieldeutig sein.

Geht die Auflösung der Dichotomie von Provinz und Urbanität auch mit der Auflösung von „E“ und „U“ einher?

Das hat ja Werner Pirchner schon gemacht. Mit 16 war Pirchner für mich eine Offenbarung, z.B. Do you know emperor Joe, ein Stück für Blechbläser. Das könnte man so heute nicht mehr machen, auch nicht kompositorisch. Aber damals war es notwendig. Inspiration in diesem Sinn ist er aber keine mehr.

Kannst du mir zum Abschluss nach verraten, was bei Franui und auch bei dir nach dem Festival musikalisch und künstlerisch ansteht?
Zum ersten Mal seit 20 Jahren werden wir bei den Klangspuren in Schwaz spielen, die ja interessanterweise auch 20 Jahre alt werden. 20 Jahre hat uns dort niemand eingeladen, jetzt, da es einen neuen Intendanten aus Deutschland gibt, sind wir eingeladen worden. Im Oktober wird es ein Geburtstagskonzert im Burgtheater geben. Matthias Hartmann hat uns das Haus gegeben, was großartig ist.
Anlässlich des 20-jährigen Geburtstages erscheinen die Brahms-Volkslieder als Hörbuch in einer Version, in der Sven-Eric Bechtolf 36 Stunden Horvath liest. Das nächste große Konzert wird ein Abend am 30.12. sein, in dem wir zum ersten Mal Schubert, Brahms und Mahler gemeinsam spielen werden. Es wird im nächsten Jahr auch eine Theaterproduktion in Bozen geben, zu der wir die Musik machen werden. Auch ein neues Projekt mit dem Osttiroler Wolfgang Mitterer steht an. Wir haben schon viel gemeinsam gemacht, aber noch kein musikalisches Projekt. Es wird sich um Tanzbodenmusik mit Elektronik handeln.