Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

CENTER COURT - Zwei Einzelspieler spielen Doppel

#12 2013 / John Lendl

Der Mole Fortsetzungsroman - Teil 4

In Wilanders Vision war es Nacht. Und Oswalds Bistro war nicht mehr nur eine einfache Bude, es hatte sich von der Schwimmbad-Gastro zu einem distinguierten Tempel des feinen Geschmacks gewandelt. Aus den Boxen drangen immer noch Volksmusik-Melodien, jedoch im Gewand gepflegten Barjazz’, was der ganzen Szenerie ein gespenstisches Flair verlieh, wie Wilander zugeben musste, es war, als hörte man ein Lied von Andreas Gabalier im Chinarestaurant. Wilander stolperte am Portier mit der roten Badehaube vorbei und fühlte sich etwas betreten. Hätte er bloß gewusst, dass bei Oswald heute ein feiner Empfang sein würde! Er hätte sich natürlich etwas anderes angezogen. Doch glücklicherweise war ohnehin noch niemand da, nur eine einsame Dame an der Bar und der Pianist, der verträumt das Glitzern der Diskokugel beobachtete. Wilander stellte sich an den Tresen. Wo war Oswald? Es war ein harter Tag gewesen. Er legte das Gesicht in die flachen Hände und seine gesamte Enttäuschung über Irma, die Verwirrung über die Leiche und den Hass auf diesen Inspektor Skoff in ein langgezogenes Seufzen. Als er die Hände vom Gesicht nahm, stand Oswald vor ihm. Und doch war es nicht Oswald. Zumindest hatte Wilander ihn noch nie so gesehen: Etwas schlanker als gewohnt, in rotem Samtjackett mit altmodischem, gebrochen steigendem Revers. Die Haare waren gegelt, und Oswald sah ihn mit jener gefährlich lauernden Miene an, wie nur Kellner der gehobenen Kategorie sie aufzusetzen im Stande sind.
„Wie steht es, Herr Weiler?“, sagte dieser Oswald.
„Es könnte besser stehen, Oswald. Es könnte deutlich besser stehen“, gab Wilander zu.
„Hoffentlich nichts Ernstes?“, fragte Oswald, diskret besorgt.
„Nein,“ entgegnete Wilander. Irgendwie bekam er das Gefühl, dass er hier in seiner Vision eine Filmszene nachspielte. Vergnügt wie ein Kind stieg er in das Spiel ein: „Aber mir fehlt Bourbon.“
Dabei trommelte er mit flachen Händen auf den Tresen.
„Kommt sofort, Herr Weiler“, sagte Oswald dienstfertig. Das Spiel begann Wilander Spaß zu machen.
Als das Glas vor ihm stand, sagte Wilander: „Ach Ossi, ich sag dir, die Frauen ...“
„Man kann nicht mit ihnen leben, und nicht ohne sie.“ Es schien Wilander eine so tiefschürfende Aussage, wie er sie noch nie im Leben gehört hatte. „Worte eines Weisen, mein Freund“, sagte er.
„Hattest du jemals Probleme mit Frauen?“, fuhr er fort.
„Gerade unlängst“, sagte Oswald. „Aber ich habe das Problem lösen können.“
Der Satz schien Wilander eine brutale Doppeldeutigkeit zu haben. Eine unheimliche Komponente, die er nicht ganz verorten konnte. Er suchte in seinem Drink nach Anhaltspunkten, fand dort aber nur einen Eiswürfel, von dem er schwören hätte können, dass er noch nicht da war, als der Drink serviert worden war. Er schloss kurz die Augen. Als er wieder hinsah, war der Eiswürfel verschwunden.
Wilander bemühte sich um einen sachlichen Ton: „Erzähl mir mehr“, sagte er und fühlte sich dabei wie ein verdeckter Ermittler.
Der falsche Oswald lachte: „Ach, manchmal fliegen sie einem zu, manchmal muss man sie aber einfach wieder fliegen lassen. Sie sind wie Vögel, verstehen Sie?“
Noch nie war Wilander von Oswald dem Schwimmbad-Wirt gesiezt worden.
„Aber was tun, wenn man sie nicht fliegen lassen kann? Oder will?“
„Man braucht Hilfe“, sagte Oswald.
„Hilfe“, sagte Wilander und war sich nicht sicher, ob er nur ein Wort wiederholte oder um Hilfe bat.
„Wenn Sie Hilfe suchen, kenne ich jemanden, der sie anbietet“, sagte Oswald geheimnisvoll. „Noch ein Bourbon?“, fragte er.
„Immer!“, sagte Wilander.
Oswald legte eine kleine Serviette auf den Tisch und stellte darauf das Glas ab. Er schob beides zu Wilander hinüber. „Sagen Sie einfach, ich hätte Sie geschickt“, sagte er.
Wilander nahm das Glas zuerst verständnislos in Empfang. Zum ersten Mal sah er, dass Ossi eine Tätowierung hatte, auf seinem Handrücken. Eine liegende Acht. Er kramte in den Resten seiner Schulerinnerungen. Das stand für das Weltall, sagte er sich, und war stolz, dass er doch nicht so dumm war, wie alle immer gesagt hatten, und in der Schule doch etwas gelernt hatte. Dann sah er, dass auf der Serviette eine Nummer stand. Er fühlte sich wie ein Agent. So unauffällig wie möglich steckte er die Serviette ein.
„Ossi, auf dich ist einfach immer Verlass!“, sagte er und lachte dazu. Selten zuvor hatte er sich so euphorisch gefühlt. Es würde einfach alles gut werden. Das sagte er ihm auch. Ossis Haltung in dem Samtjackett wurde daraufhin seltsam starr.
„Es wird erst alles gut, wenn wir die Dinge in die Hand nehmen, Herr Weiler.“ Wieder hatte Wilander das Gefühl, dass niemand auf der Welt so weise war wie Ossi.
„Doch dieser Horst Skoff …“, sagte Ossi, „muss man da nicht auch etwas in die Hand nehmen?“ Wilander brach der Schweiß aus, weil er schon ahnte, worauf Ossi hinauswollte. Dieser lehnte sich nachdrücklich nach vorn: „Bevor Irma es tut?“
Im selben Moment begann neben der Bar der Pianist wieder zu spielen. Er spielte Weus’d a Herz hast wia a Bergwerk, in einer gespenstischen Version, dazu war eine Sängerin aufs Pianino geklettert, die bedenkliche Ähnlichkeit mit Irma aufwies. Sie räkelte sich auf dem schmalen Steg und hielt einen Tennisschläger in den Armen, den sie abwechselnd als Mikro, dann wieder zwischen ihren Beinen zum Einsatz brachte.
„Nicht mit dem Tennisspieler verwandt“, dachte Wilander, als er dem Schauspiel zusah. „Und doch ...“ Horst Skoff, der Ermittler, der Tennisschläger, das Lachen der beiden zuvor am Einlass des Schwimmbads. Wilander sah den falschen Oswald an. Ein Anflug eines Lächelns zeigte sich in dessen Gesicht: „Man muss etwas tun.“
Ja, dachte Wilander. Oswald hatte vollkommen recht. Die Frage war nur, was.