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Frei est heater in nsbruck?

#12 2013 / Christine Frei

Die wechselnden Leerzeichen im Schriftzug des Freien Theaters Innsbruck (FTI) sind nicht nur symptomatisch für die Identitätsfindung des neuen Theaterhauses, sondern auch für die finanzielle Situation in der freien Szene.

Es war einmal: So beginnt manche Geschichte, die dann ihre eigenen Wege geht. Da war also einmal (um genau zu sein: zu Hilde Zachs Zeiten) die Idee, der freien Innsbrucker Theaterszene ein eigenes Haus zu geben. Das Haus gibt es seit Dezember letzten Jahres. Noch ehe es richtig fertig war, wurde es im Rahmen des 3. Freien Theaterfestivals Ende 2012 vor-eröffnet, um dann entgegen der Festivalprognose „Endlich Weltuntergang“ Anfang 2013 programmatisch langsam in die Gänge zu kommen. Wobei zunächst gleichmal ein Monat lang Innsbrucks Hackerszene die Räume für eine Temporary Space Invasion für sich nutzte. Denn neben dem ehrenamtlich agierenden Vorstand, der ähnlich einer Jury die Anfragen und Bewerbungen von Gruppen aus der freien Szene sichtet und schließlich entscheidet, wer ins Programm aufgenommen wird, besteht noch ein Beirat, der unter dem Label „Vorbrenner“ prononcierte interdisziplinäre Projekte initiieren und begleiten soll. Gleichwohl diese programmatische Koexistenz vom gesamten Verein beschlossen wurde, dem im Übrigen jeder Theaterschaffende der freien Szene beitreten kann, und das Vorbrenner-Programm auf eine Spielzeit von vier Monaten im Jahr beschränkt ist, sorgte der rigorose interdisziplinäre Ansatz bei einzelnen Mitgliedern offenbar doch für Irritationen. Immerhin erklärte Vereins-Mitbegründer und Vorstandsmitglied Florian Eisner schon im Frühjahr in einem zweiseitigen offenen Brief demonstrativ seinen Austritt. Eisner, der bis zum Vorjahr gemeinsam mit FTI-Koordinator Stefan Raab das Theater praesent geleitet hat, kam darin für sich zum Schluss, dass „professionelle“ Theaterarbeit im FTI offenbar nicht erwünscht sei und man sich stattdessen aus einem falsch verstandenen – und seiner Meinung nach längst überholten – Modernitätsbegriff heraus an Performances,
Forschung, Seminaren, Stückentwicklung, Happenings, Workshops abarbeite. Eine Position, mit der Eisner im Vorstand freilich ziemlich allein dastand. Denn für Vorstandsfrau Melanie Hollaus, die zwar von Tanz und Schauspiel kommt, sich als Filmemacherin, Konzeptkünstlerin und Mitbegründerin der Theaterplattform Das Labor aber ständig und ganz bewusst zwischen den Genres bewegt, ist dieser Ansatz schlichtweg altbacken und habe im freien Theater eigentlich nichts mehr verloren. Wenig verwunderlich fand Eisners Brief Ende April sogleich Eingang in die Akhtamar-Performance des Vorbrenner-Programms Exzellenzcluster Punk, wobei freilich nur Eingeweihte das herzzerreißend vorgetragene Statement zu deuten wussten.
Interessanterweise geben viele der freien TheatermacherInnen Eisner zwar insgeheim recht, halten sich aber mit ihrer Meinung bewusst zurück, wobei der Verein wie auch der Vorstand eine Diskussion zu diesem Thema nicht wirklich befördert habe, wie Florian Hackspiel von Theater Melone bemängelt. Was insofern bedauerlich ist, als man sich dadurch eine geradezu ideale Gelegenheit entgehen ließ, Intentionen und Vorstellungen von Verein und Vorstand einmal einem breiteren theaterinteressierten Publikum zu präsentieren. Denn tatsächlich ist das FTI, dessen Vorstand ebenso wie der Beirat sich ja aus expliziten KennerInnen und KönnerInnen der Tiroler Szene konstituiert, für die Außenwelt abseits seines Programms so gut wie gar nicht sicht- und hörbar. Auf der inhaltlich und konzeptionell noch etwas kargen Homepage sind etwa unter dem Menüpunkt „Liebes Akt“ zwar einige „Biographien“ nachzulesen. Doch über eben diese Mitglieder von Vorstand und Beirat – u.a. Melanie Hollaus, Fabian Kametz, Michael Worsch, Nicolas Dabelstein, Andreas Pronegg, Manuela Kerer, allesamt ja durchwegs wortgewaltige wie diskursiv erfahrene KünstlerInnen – würde man gern mehr erfahren, unter anderem, was sie dazu antreibt, nun gemeinsam dieses Freie Theater Innsbruck mitzugestalten, noch dazu unter den gegebenen Rahmenbedingungen. Anders als der Beirat, dem derzeit 40.000 Euro von Stadt und Land zur Verfügung stehen, verfügt der Vorstand über keinerlei Budget, um selber aktiv Programm zu machen, sprich auch Gruppen von außen einzuladen. Insofern haben die wechselnden Leerstellen im Schriftzug des Freien Theaters Innsbruck fast schon etwas subversiv Offenbarendes.
Zwar sind jene TheatermacherInnen, die man ursprünglich gerne unter einem Dach vereint gesehen hätte, wohl als Einzelpersonen Mitglieder des Vereins, sie sehen sich selbst freilich großteils nur noch als BeobachterInnen in der zweiten Reihe. Ute Heidorn, eine der drei Staatstheaterfrauen, die ihre Heimat im Treibhaus bei Norbert Pleifer gefunden haben, ist schnell fertig mit ihrer Einschätzung: „Wir drei sind Mütter und müssen uns in vielen Projekten unser Geld verdienen.“ Sie hätten somit schlicht und ergreifend keine Zeit, sich an diesen Diskursen zu beteiligen und schon gar nicht, um das Theater neu zu erfinden. Jene Professionalität, die Eisner in seinem Brief einforderte, sei für sie ohnehin Voraussetzung für jede Theaterarbeit, so Heidorn. Daher müsste es ihrer Meinung nach über kurz oder lang wohl eine Art Intendanten für das Haus geben. Diese Einschätzung teilt auch Konrad Hochgruber vom Westbahntheater, der das derzeitige Prozedere, wonach jede Raumanfrage immer erst den Vorstand passieren müsse, für etwas kompliziert hält. Für FTI-Vorstand Fabian Kametz wäre ein Intendant jedoch allenfalls Plan B, für Stefan Raab, der sich die operative Geschäftsführung des Hauses gemeinsam mit Vorbrenner-Koordinator Daniel Dlouhy teilt, immerhin eine denkbare Option, welche dann natürlich mit einem entsprechend aufgestockten Budget einhergehen müsste. Und wohl auch mit einer Abkehr vom Gießkannenprinzip, wie sich das Andrea Hügli von diemonopol wünschen würde. Mit den Projektförderungen, die Stadt und Land nach eben diesem Prinzip bewilligen, könne man jedenfalls keine professionelle Theaterarbeit mehr machen, so Hügli. Dass die Projektförderungen bei Weitem nicht reichen, um die Beteiligten einigermaßen angemessen zu bezahlen, diese Erfahrung macht nun auch die Schauspielerin Julia Kronenberg, die im vergangenen Jahr gemeinsam mit Teresa Waas und Hans Danner die Leitung von Theater praesent übernommen hat. „Jetzt komme ich plötzlich selber in die Situation, wo ich bei der Projektplanung schon sehe, dass einfach nicht mehr Geld da ist.“ Ihrem Vorgänger Stefan Raab ist diese prekäre Situation schon lange ein Dorn im Auge. Man könne sich, so Raab, ja gut ausrechnen, was eine einigermaßen angemessene Bezahlung eigentlich koste. „Doch dann wird sich eben nur noch eine gewisse Anzahl von Produktionen ausgehen.“

Jedenfalls verwundert es nicht, dass das FTI-Konstrukt einer Theaterprogrammierung ohne eigenes Budget den Vorstand fast automatisch in eine gestalterische und organisatorische Defensive bringt. Denn letztlich kann dieser nur über Projektbewerbungen befinden, von denen anzunehmen ist, dass die Grundfinanzierung einigermaßen gesichert ist. Und selbst dann kann es – so wie im März – urplötzlich passieren, dass eine freie Produktion wie jene von Elevat ardor kurzfristig aus organisatorischen und finanziellen Gründen abgesagt werden muss und sie ein Loch in den Spielplan reißt.
Damals sprang Stefan Raab selber in die Bresche: mit der No-Budget-Produktion Kunst. Wir kämpfen für euch, die genau diese Problematik der prekären Arbeitsbedingungen in der freien Szene thematisierte und die er gemeinsam mit drei jungen Schauspielerinnen in nur drei Wochen stemmte. Eine geradezu ideale Vorlage für einen breiteren kulturpolitischen Diskurs, wie ihn Elisabeth Kulmann mit ihrer Facebook-Klagemauer damals fast zeitgleich initiiert hat. Immerhin war Wahlkampfzeit. Interessanterweise setzten aber weder Verein noch Vorstand einen entsprechenden Impuls.
Michaela Senn, die als Mitglied im KünstlerInnenkollektiv columbus.next schon im Vorbrenner aktiv war und mit ihrem
Verein tON/NOt im Herbst noch eine Theaterproduktion auf die FTI-Bühne bringen wird, erlebt die Szene als sehr gespalten. Viele TheatermacherInnen stünden sich mit ihrem Konservatismus und ihrer mangelnden Wertschätzung für die Arbeit anderer selbst im
Wege. Das Haus biete enorme Chancen, sich auszutauschen, zu vernetzen und neue Formen zu erproben. Aber man müsste auch selber auf das Haus zugehen, meint sie. Konstruktive Kritik sei immens wichtig, betont indes FTI-Leiter Stefan Raab, fügt allerdings im selben Atemzug hinzu, dass viele, die das Haus (zuweilen auch nur hinter vorgehaltener Hand) kritisieren, noch gar nie da waren. Schon gar nicht bei den Vorbrenner-Produktionen. Dabei, so Vorbrenner-Koordinator Daniel Dlouhy, könnten sich die Theaterleute gerade hier viele spannende Impulse für ihre eigene Arbeit holen. „Wie man schon bei etlichen Vorbrenner-Projekten sehen konnte – beim Hackerspace ebenso wie zuletzt bei Content Control, einer Ausstellung digitaler interaktiver Räume –, bieten die modernen Medien grandiose Möglichkeiten, um mit einfachen Mitteln Theaterräume zu schaffen und zu verändern.“ Dlouhy würde sich jedenfalls mehr Austausch wünschen, „immerhin sind wir dazu da, um die freie Szene zu unterstützen.“ Dass sich eben die noch nicht so wirklich angesprochen fühle, sieht Manfred Schild vom Kellertheater einigermaßen gelassen. „Das braucht einfach alles seine Zeit.“ Das Kellertheater habe nach seiner Gründung ebenfalls einige Jahre gebraucht, um sich zu etablieren. Gerade im experimentellen Bereich gebe es für ihn aber noch einigen Spielraum, welchen das neue Haus seiner Meinung nach gut abdecken könnte. Die diesjährige Abschlussarbeit der schauspielschule.innsbruck Significanto d’amor’, die Frank Roeder mit seinen SchülerInnen Anfang Mai im FTI präsentierte, wies bereits genau in diese Richtung. Das waren eineinhalb Stunden postdramatische Vollpower. Das war neu, leidenschaftlich, wahnwitzig, herzerfrischend und riss zuletzt sogar die Bürgermeisterin vom Sessel.
Für Vorstandsfrau Melanie Hollaus ist klar, dass man dem FTI Zeit geben muss, damit es ein tragfähiges Profil entwickeln kann. Sie selbst sehe das FTI nicht nur als eine Aufführungsstätte für fertige Produktionen, das Haus sollte auch Möglichkeit bieten, Neues auszuprobieren, den Prozess selbst in den Vordergrund zu stellen. „Das kann dann gut ausgehen, es kann aber auch scheitern.“
Das wäre in der Tat neu und aufregend. Denn nachdem die freie Szene ihre Produktionen schon längst mit entsprechenden Auslastungszahlen kalkulieren muss, ist das Scheitern einer Theaterproduktion meist nicht nur existenziell bedrohlich, sondern mittlerweile künstlerisch geradezu verpönt. Mit einem Forschungslabor für neue Formen ließe sich also tatsächlich eine reale Leerstelle in der hiesigen Theaterlandschaft ausfüllen.