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MOLEcafé

Grenzenlos

#12 2013 / David Schreyer

Architektur ohne Grenzen Austria will Hilfsorganisationen unterstützen, Architektur mit humanitärem Anspruch zu entwickeln und umzusetzen.

Es gehört an sich zu den Kernaufgaben eines Staates, Bildung und Krankenversorgung zur Verfügung zu stellen. Was aber, wenn die öffentliche Hand nicht in der Lage ist, Schulen und Krankenhäuser zu errichten? Jemand anders muss für den Staat einspringen, zum Beispiel eine Hilfsorganisation. Da die Kernkompetenz von EntwicklungshelferInnen allerdings nicht im Errichten von Hochbauten liegt, wird diese möglicherweise beim Verein Architektur ohne Grenzen Austria anklopfen.

Architektur ohne Grenzen Austria wurde 2012 von Gunda Maurer gegründet  und ist eine Gruppe von ArchitektInnen, die bereit sind, ihr Know-how für Architekturprojekte mit humanitärem Anspruch zur Verfügung zu stellen. Sie sind Teil des internationalen Hilfsnetzwerks von Architecture sans frontieres. An deren Idee fand Gunda Maurer schon während ihrer Studienzeit Gefallen.
Wie die allerorts bekannten und 1999 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Ärzte ohne Grenzen findet auch Architektur ohne Grenzen seinen Ursprung in Frankreich. Pierre Allard ließ die Organisation 1979 in ein entsprechendes Vereinsregister eintragen. Das Ursprungsland ist freilich nicht die einzige Parallele zwischen den beiden Organisationen. Auch die Inhalte der Gründungsurkunde, sozusagen die Liste der Prinzipien, ähneln sich. Von hoher ethischer Verantwortung im Umgang mit lokaler Kultur, steter Unparteilichkeit und dem Bemühen um ein möglichst neutrales Tun kann man da lesen.

Einsatzgebiete von Architektur ohne Grenzen Austria, kurz  AoGA, sind Regionen, in denen die Basisversorgung der Bevölkerung nicht gewährleistet ist. So etwa im Südsudan. Der am Nil gelegene Staat mit seinen 8,26 Millionen EinwohnerInnen erlangte 2011, nach 25-jährigem Bürgerkrieg, die Unabhängigkeit vom Sudan. Es war ein Start mit besonders schweren Rahmenbedingungen: 73 Prozent der Bevölkerung sind AnalphabetInnen, bis zu 35 Prozent unterernährt. Auch innere Konflikte, etwa zwischen Glaubensgruppen, stehen auf der Tagesordnung.

Eine Schule, eine Krankenstation, ein Museum – oder doch nicht?

Der Verein MiakWadang ist eine Hilfsorganisation, die im Südsudan die Aufgaben des Staates übernimmt. Der Verein agiert als NGO und orientiert sich mit seiner Tätigkeit an den Milleniumszielen der Vereinten Nationen. Diese beschreiben unter anderem die Beseitigung extremer Armut, die Gewährleistung einer Grundschulbildung für alle Kinder, die Gleichstellung von Frauen, die Verbesserung der Gesundheit und die Gewährleistung von ökologischer Nachhaltigkeit. MiakWadang bat AoGA bei der Ausführung eines umfangreichen Bauvorhabens um Unterstützung. Im südsudanesischen Dorf Nyeyok sollen im Laufe der kommenden Jahre ein Schulcampus, eine Krankenstation und ein kleines Museum entstehen.
Für das Projekt formierten die ArchitektInnen ein zehnköpfiges Projektteam. Neben Architekturschaffenden wurden auch ExpertInnen aus den Bereichen Wasseraufbereitung, Lehmbau, Sanitärtechnik, Kunstgeschichte und Ethnologie hinzugezogen. Gemeinsam wurde die Bauaufgabe durchleuchtet. Ein Teil der Truppe konnte auch nach Nyeyok reisen, um dort Vision und Realität zu vergleichen. Ein ernüchterndes Erlebnis. Die Infrastruktur im Dorf ist so schlecht, dass sich MiakWadang und AoGA vorerst dazu entschlossen haben, die baulichen Vorhaben in Nyeyok zu verschieben.

Untätig bleibt man trotzdem nicht. Schließlich lässt auch die in der Provinzhauptstadt Melut gelegene Basis von
MiakWadang zu wünschen übrig. So wurde für ein am Nil gelegenes Grundstück ein kleiner Campus entwickelt. Eine klar gegliederte Stahlkonstruktion überdeckt die Bodenplatte des Bauwerks. Sie bildet die Unterkonstruktion für die Dachhaut – und schafft somit Schutz vor Sonne, Wind und Regen. Unter Dach finden sich aus Lehm geformte und lose aneinandergereihte Kuben. Diese werden als Büro- und Wohnräumlichkeiten für MitarbeiterInnen und Gäste Verwendung finden. Die Konfiguration des Grundrisses, die Kombination von offenem und geschlossenem Raum, von Innen und Außen, verleiht dem Bauwerk einen luftig lockeren Charakter. Der Gebäudeentwurf wirkt offen und zugänglich. Zahlreiche Begegnungsflächen bieten ansprechenden Raum für mehr oder weniger ausgedehnte Kommunikation. Die Form des Baukörpers führt auch dazu, dass es in öffentlichen Bereichen großzügige Schattenflächen geben wird – zu jeder Tageszeit. Das ist essentiell, da sich die Temperaturen im Südsudan das ganze Jahr über auf hohem Niveau bewegen.

Bei der Entwicklung des Bauwerkes für MiakWadang Melut wurde auch an die ursprüngliche Bauaufgabe gedacht. So können Schule und Krankenhaus, welche nach wie vor in Nyeyok entstehen sollen, aus dem Gebäude und den damit verbundenen Lösungen abgeleitet werden, wie mit einem Baukastensystem.

Projekte mit humanitärem Fokus im Mittelpunkt

Die Entwicklung des Projektes im Südsudan steht exemplarisch für andere AoGA-Projekte. Das Team von AoGA entwickelt nach seiner Aktivierung ein Raumprogramm, stellt    einen konkreten Zeitplan auf und kann auch im Bereich der Beschaffung finanzieller Mittel aktiv werden. Natürlich wird auch auf den Entwurf des Bauwerkes an sich nicht vergessen. Sollte es zu einer Umsetzung des Projektes kommen, besteht die Möglichkeit, dass AoGA den gesamten Planungs- und Bauprozess bis hin zur örtlichen Bauaufsicht durchführt beziehungsweise begleitet. Letzteres ist insofern wichtig, da trotz humanitärem Hintergrund der Projekte großer Wert auf hohe Ausführungsqualität gelegt wird. Schließlich will man Objekte mit langer Haltbarkeit und hoher Nachhaltigkeit übergeben.

Eine tiefgreifende Recherche vor Projektbeginn ist Hauptbestandteil bei der Entwicklung von AoGA-Projekten. Dabei werden etwa für Mitarbeit und Ausführung geeignete Personen gesucht. Wesentlicher Bestandteil der Recherche ist auch das Kennenlernen und Verstehen der ortsüblichen Bauweise. Die Gebäudetypologie, also Grundformen von Bauwerken und deren (oft klimatisch bedingter) Ursprung, spielt ebenso eine Rolle wie Raumorganisation und Material. Aus dieser Grundlagenerfassung wird ein erheblicher Wissenspool generiert. Dieser kann einerseits zur Entwicklung von weiteren Projekten verwendet werden, er ist aber andererseits durchaus auch als Benefit für die Mitglieder von Architektur ohne Grenzen zu sehen – dem Motto Learning by doing folgend.

Eine große Rolle bei der Entwicklung von Projekten mit humanitärem Hintergrund stellt das Thema Materialbeschaffung dar. Für AoGA gilt grundsätzlich, dass vor Ort greifbares Baumaterial zum Einsatz kommen soll. Im Südsudan waren dies etwa Gras und Lehm. Gras wird dabei für Dächer verwendet und bringt eine gute Durchlüftung der Bauten. Aus dem Lehm werden Wände und somit Räume geformt. Es wird versucht, den Zukauf von Baumaterial so weit wie irgendwie möglich einzuschränken. Da kommt es schon einmal vor, dass Paletten und Verpackungsmaterial zum wichtigsten Baustoff mutieren. „Zukaufen muss man dann immer noch etwas, im Südsudan benötigen wir zusätzlich Stahl, Zement und Sand“, lässt uns Gunda Maurer, Gründerin von AoGA wissen. Die Besorgung und Verarbeitung des Stahls wird eine kleine Werkstatt in der Umgebung übernehmen. Auch Handwerker und Hilfsarbeiter kommen aus der Gegend. Der Sand soll mittels Nilschiff direkt zum Bauplatz transportiert werden.

Besonderen Wert legen die ArchitektInnen ohne Grenzen darauf, weder als HeldInnen aus Europa noch als Konkurrenz für ortsansässige Planer und Betriebe aufzutreten. Es wäre kontraproduktiv, so wahrgenommen zu werden, und es entspricht einfach nicht ihren Prinzipien. Daher wird versucht, Menschen vor Ort, letztlich die künftigen NutzerInnen der Objekte, aktiv in den Prozess einzubinden. So wird verhindert, dass das Bauwerk nach Fertigstellung nicht angenommen wird. Auch trägt eine solche Vorgehensweise dazu bei, die Eigenverantwortung der Ortsansässigen zu stärken.

Dranbleiben und Entwickeln
Der Baubeginn für den MiakWadang Campus im Sudsüdan steht noch nicht fest. Im Moment werden vom Trägerverein Gelder organisiert. Dieser muss einen Großteil der Mittel auftreiben, so die Vereinbarung. AoGA konnte unterdessen die Kammer für Architekten und Ingenieurkonsulenten für die Finanzierung der Sondierungsreise gewinnen. Für den Zeitraum der Ausführungen sollte immer jemand vom Architektennetzwerk vor Ort sein. Das ist natürlich eine immense Herausforderung. Schließlich erfolgt die Arbeit für Architektur ohne Grenzen ehrenamtlich. Alle AoGA-Mitglieder haben einen Brotjob und sind demnach nur begrenzt zeitlich verfügbar.
Dementsprechend hat Gunda Maurer die weiteren Entwicklungsschritte für die Organisation bereits im Kopf: „Wir brauchen Grundkapital. So könnten wir eine Administrationskraft beschäftigen und Büroräumlichkeiten finanzieren.“ Sobald dies der Fall ist, können sich die ArchitektInnen von AoGA vermehrt ihren Kernaufgaben widmen.