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MOLEcafé

KlangRaum Jesuitenkirche

#12 2013 / Marco Russo

Eine horizontale und eine vertikale Achse treffen aufeinander und aus dieser Berührung entsteht eine neue Form: das Kreuz. Oder: Wie das Zusammenspiel von Metaphysik und Architektur einen KlangRaum eröffnet.

Die geometrische Form des Kreuzes ist das tragende Element der im Barock erbauten Dreifaltigkeitskirche (Jesuitenkirche) in Innsbruck. Und das in zweifacher Hinsicht: metaphysisch und architektonisch. Aus diesem Bauwerk lässt sich die gegenseitige Bedingtheit von Architektur und Metaphysik ableiten, zwei Disziplinen, deren gemeinsames Element das Tragende ist. Die Etymologie des Wortes „Metaphysik“ liegt in den altgriechischen Begriffen „meta“ (darüber, danach, jenseits) und „physis“ (Natur, Beschaffenheit), während sich „Architektur“ von „arche“ (Ursprung, Ausgang, Grundlage) und „techne“ (Fertigkeit, Handwerk) ableitet. Das tragende Element der Metaphysik ist das Sein: ohne diesem Fundament könnte weder die Frage nach Existenz noch nach Transzendenz gestellt werden. Ähnlich verhält es sich mit der Architektur: Ihr tragendes Fundament sind Zahl und Statik, ohne die keine Räume geschaffen werden könnten. In unseren Tagen des vermeintlichen Endes der Metaphysik erweist sich vielleicht gerade deswegen die Kirche als kultische Stätte als jener letzte Ort, an dem sich Architektur und Metaphysik in ihrer Ursprünglichkeit als „Disziplinen des Tragenden“ berühren und sich gegenseitig bedingen.
Ein Kreuz ergibt sich aus der Berührung einer horizontalen mit einer vertikalen Linie. Die horizontale Linie, die metaphysische Achse, stellt den Seins- und Verständnishorizont des Menschen dar. Vom Horizont aus wird der Mensch zum Fragenden nach Sein, Existenz und Transzendenz.
Die vertikale Achse versinnbildlicht hingegen die architektonische Achse: genauso wie eine Linie von unten nach oben gezogen werden kann, so wird der Raum von unten nach oben konstruiert. In der Jesuitenkirche berühren sich Architektur- und Metaphysik-Achse in der Mitte des Raumes, dort, wo am Boden ein steinernes Oktogon zu finden ist und darüber die Kuppel emporragt: dort wird, im Sinne des Barock, der Himmel ins Dasein hereingeholt: das Unverfügbar-Transzendente (Himmel) trifft das Verfügbar-Irdische (Boden). Die Kuppel steht auf vier Eckpfeilern, die zugleich die Himmelsrichtungen darstellen, also jene Richtungen, aus denen man kommen kann, wenn man sich in der Mitte begegnen und austauschen will. Als Werk des Barock hebt die Jesuitenkirche in ihrer architektonischen und metaphysischen Dimension bestehende Gegensätze auf, denn „der Barock ist der letzte große Versuch alles Wissen und Sehen in einer großen, spannungsreichen Zusammenschau zu integrieren. Der Barock inszeniert eine Dramaturgie der Gegensätze […]“ (Siebenrock). Aber nicht nur das: die Jesuitenkirche inszeniert auch die Dramaturgie des Lebens – in der liturgischen Feier und seit Kurzem auch mittels des Vereins KlangRaum Jesuitenkirche.
Dem Zweiten Vatikanischen Konzil gemäß muss die Kirche ihrem Selbstverständnis nach die „Zeichen der Zeit“ erkennen und deuten. Dazu gehört auch das Entwickeln und Erproben neuer Praktiken in den Bereichen der Seelsorge, der Liturgie und dem Dialog mit Andersglaubenden und Andersdenkenden. Anhand des Vereins KlangRaum Jesuitenkirche wird ein neues Experimentierfeld in Innsbruck eröffnet. Neben der bewussten Pflege der Kirchenmusik sollen weitere Projekte entstehen, die eine Zusammenführung von Spiritualität und Wissenschaft, Wort und Reflexion ermöglichen, mit der Vision, die (Jesuiten-)Kirche als einen neuen interdisziplinären liturgischen, aber auch künstlerischen Raum zu etablieren.