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MOLEcafé

Finanzierung durch die Kraut?

#12 2013 / Simon Welebil

Zeitungen kommen die KäuferInnen abhanden, im Netz wird für Journalismus kaum bezahlt. Wie sollen sich Recherche und Honorare für JournalistInnen da finanzieren? Durch die Crowd zum Beispiel.

Dass sich die Medienwelt wandelt, merkt man sogar am Frühstückstisch. Seitdem immer weniger Menschen eine Zeitung abonnieren, ist wieder Platz für Brot, Butter und Marmelade. Die Folgen dieses Medienwandels gehen aber über das Tischgedeck hinaus, das jahrzehntealte Geschäftsmodell von Tageszeitungen, die Finanzierung über Verkauf und Werbung, scheint nicht mehr zu funktionieren. LeserInnen und Anzeigengelder wandern ins Web ab, worauf viele Zeitungen mit Einsparungen reagieren. JournalistInnen müssen andere Wege finden, sich kostenintensive Projekte und lange Recherchen zu finanzieren, einer von ihnen führt ins Web.
Vier junge SüdtirolerInnen haben diesen Weg beschritten, als sie vorhatten, eine neue Zeitschrift zu gründen,  39NULL, ein Kulturmagazin für Südtirol. Das Besondere an 39NULL sollte die monothematische Ausrichtung jeder Ausgabe sein, die Tiefe der Berichterstattung und die Außenperspektive. Denn alle vier GründerInnen von 39NULL leben in Berlin. Budget für die Gründung ihrer Zeitschrift war nicht vorhanden und ein Förderansuchen beim Land wurde abgelehnt, erzählt Herausgeber Lukas Marsoner. Doch die Alternative lag für ihn auf der Hand, hatte er doch in Berlin den Boom ganz genau beobachtet, den Crowdfunding im Web in den letzten Jahren erlebt hat.
Crowdfunding setzt auf einen der größten Vorteile des Internets, dass man mit geringem Aufwand schnell eine große Masse erreichen kann. Diese Masse wird dann gebeten, meist innerhalb einer bestimmten Zeitspanne, kleine Geldbeträge zu investieren, die in Summe ein Projekt ausfinanzieren sollen. Auf der populärsten Crowdfunding Plattform Kickstarter wurden so in den letzten Jahren über 770 Millionen Dollar eingesammelt und an die 48.000 Projekte ermöglicht, vor allem aus den Bereichen Technik, Design oder Kunst. Im deutschsprachigen Raum hat wohl  Startnext  die größten Zugriffszahlen aller Crowdfunding-Seiten, dennoch haben sich Marsoner und seine FreundInnen für eine andere Plattform entschieden, die erst Ende 2012 online gegangen ist:  Krautreporter.de.
Krautreporter wurde von den Journalisten Sebastian Esser und Wendelin Hübner als Crowdfunding-Plattform gegründet, die sich rein auf journalistische Projekte beschränkt. Diese Abgrenzung macht für Esser Sinn, denn dadurch könne man die Einreichungen besser filtern und eine starke journalistische Marke schaffen. Krautreporter soll für guten Journalismus stehen und damit allen ProjektwerberInnen zu Gute kommen. Dass schlussendlich wirklich qualitätsvoller Journalismus rauskommt, soll durch die Richtlinien der Seite
sichergestellt werden: Nur Personen mit journalistischem Hintergrund dürfen einreichen, ihre Recherchen müssen
ergebnisoffen sein und sie müssen sich dem Pressekodex verpflichten. PR-Aktivitäten oder Aktivismus werden nicht zugelassen.
Wer sein Projekt bei Krautreporter einreichen will, muss es zuerst möglichst genau definieren, die Geschichte beschreiben, die erzählt werden soll, oder das Projekt. Wichtig ist auch, dass klar und transparent ist, was genau finanziert werden soll und wofür man Unterstützung braucht. Ein Gespräch mit Esser soll schon zu Beginn eines Projekts helfen abzuklären, ob sich das Projekt für Crowdfunding eignet und überhaupt eine Chance auf Finanzierung hat. Denn nur wenn der komplette erbetene Betrag zusammen kommt, wird das Geld ausbezahlt, sonst geht es zurück an die UnterstützerInnen. „Das Wichtigste ist die klare Zielgruppe für das Thema“, sagt Esser. Klassische Artikel in Massenmedien, die viele LeserInnen ein bisschen interessieren, würden sich über die Crowd nicht finanzieren lassen. Hier muss ein intensives Interesse bestehen, ein persönlicher und emotionaler Bezug zum Thema oder dem/der ReporterIn. Dann würden die Leute auch Geld für Journalismus ausgeben.
Für Marsoner und seine KollegInnen war die Zielgruppe klar: SüdtirolerInnen, die den bestehenden Kulturjournalismus im Land als unbefriedigend empfinden, und davon sollte es aufgrund der Medienkonzentration viele geben. Sie hatten auch einen ganz klaren Plan, wie sie die erreichen wollten. Personen, die im Social-Media-Bereich gut vernetzt sind, sollten ihr Projekt bekanntmachen und in Südtirol selbst haben sie mit traditioneller Pressearbeit viele Leute erreichen können.
Eines der ersten Projekte auf Krautreporter hatte nicht so genaue Vorstellungen von der Zielgruppe. Das Online-Magazin Paroli  mit Sitz in Wien hat das Projekt Kopf oder Zahl eingereicht, eine multimediale Webdoku, die sich mit der wirtschaftlichen Situation von jungen Erwachsenen in ganz Europa beschäftigt. Datenjournalismus und Reportagen aus unterschiedlichen Ländern, Fotos, Videos und Infografiken sollen ein möglichst umfassendes Bild davon liefern. Knapp kalkuliert baten sie um Reise- und Produktionskosten von 4.000 Euro, ohne dass jemand der JournalistInnen ein Honorar bekommt. Ansprechen wollen sie mit der Webdoku vor allem 20- bis 35-Jährige, die online-affin sind. Klassische Medienarbeit hätten sie nicht gemacht, sagt Yvonne Wilder, Chefredakteurin von Paroli, und ohne Erfahrungswerte im Bereich Crowdfunding war auch der weitere Verlauf vom Ausprobieren geprägt. In ihrem Vorstellungsvideo, das bei Crowdfunding-Projekten üblich ist, wollten sie schon einen Vorgeschmack auf das Endprodukt geben, damit potentielle UnterstützerInnen wissen, was sie für ihr Geld bekommen werden. Auch besondere Anreize zum Spenden, ebenfalls Teil der Crowdfunding-Kultur, haben sie sich überlegt. Eine Postkarte von einem Rechercheziel für 15€, eine Europakarte mit Statistiken für 30€ oder gar die Würdigung als Co-Produzent für 800€. Nach der Veröffentlichung des Projekts bekamen sie am Anfang viel Aufmerksamkeit und Unterstützung, weil sie in sozialen Netzwerken sehr präsent sind und wohl auch, weil es das erste Projekt aus Österreich war, das auf Krautreporter vorgestellt wurde. In den Wochen danach stagnierte das Spendenkonto allerdings, doch das Finanzierungsziel konnte schließlich mit einer Crowdfunding-Party und verstärkter Bewerbung vor der Deadline noch erreicht werden.
Bei 39NULL war es alles andere als knapp. Bereits nach vier Tagen hatten sie die gewünschten 1.500€ beisammen. Die Projektupdates, mit denen sie Medien und potentielle UnterstützerInnen füttern wollten, waren hinfällig. Sie hätten sehr vorsichtig kalkuliert, und ihr eigenes Netzwerk abgecheckt, wer eventuell bereit wäre, sie zu unterstützen. „Es ist halt nicht so wie bei der Musikkappelle oder der Freiwilligen Feuerwehr, die bei einer Sammlung von Tür zu Tür gehen und von jedem 20 Euro abstaubt“, sagt Marsoner. Es herrscht große Ungewissheit. Schlussendlich haben sie ihr Finanzierungsziel mehr als verdoppelt. Ist das Geld am Anfang hauptsächlich aus dem Bekanntenkreis gekommen, waren es gegen Ende dann komplett Fremde.
Laut Esser kommt bis jetzt etwa ein Drittel der Unterstützungen von Personen, die die ProjektwerberInnen direkt kennen. Wächst deren Bekanntheit, deren journalistische Marke, könnte das aber ganz anders aussehen. Jens Weinreich hat vorgemacht, wie das gehen könnte. Der profilierte Aufdecker im Bereich Sportpolitik hat für ein Buchprojekt über 15.000€ von mehr als 500 UnterstützerInnen lukrieren können. Gar nicht abzusehen um welche Beträge etwa ORF-Anchorman Armin Wolf ansuchen könnte. Dass auch sehr hohe Beträge über Crowdfunding erzielt werden können, zeigt ein Beispiel aus den Niederlanden: Dort hat das Onlinemagazin De Correspondent in einer Woche gar eine Million Euro eingesammelt.
Von solchen Beträgen ist man bei Krautreporter noch ein Stück entfernt, aber jedes einzelne erfolgreiche Projekt trägt zur Etablierung des Finanzierungsmodells bei. Crowdfunding ist nicht das Allheilmittel, das professionellen Journalismus retten wird, aber eine Chance für engagierte JournalistInnen, ihre Projekte zu verwirklichen.