Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

»Das Mikrofon verleiht Macht«

#12 2013 / Valentin Dander

Mit stadt_potenziale fördert die Stadt Innsbruck seit 2007 Projekte für „Kunst- und Kulturinnovation“. Dieses Jahr entschied sich die unabhängige Jury für zwölf Einreichungen, darunter auch Wir bleiben!, ein Projekt von Freirad 105.9 – dem Freien Radio Innsbruck.

Mit stadt_potenziale fördert die Stadt Innsbruck seit 2007 Projekte für „Kunst- und Kulturinnovation“. Dieses Jahr entschied sich die unabhängige Jury für zwölf Einreichungen, darunter auch Wir bleiben!, ein Projekt von Freirad 105.9 – dem Freien Radio Innsbruck. Da für Flüchtlinge in Innsbruck und Umgebung ein Mangel an (Informations-)Angeboten besteht, soll mit Wir bleiben! ein entsprechendes Angebot geschaffen werden – von Flüchtlingen für Flüchtlinge. Ein neu geformtes Redaktionsteam mit mehr als zwölf AsylwerberInnen und den Projektkoordinatorinnen Rocío Cachada und Sónia Melo erarbeitet, erstellt und übersetzt in Eigenregie zehn Radiobeiträge für Flüchtlinge in die wichtigsten Sprachen: Arabisch, Dari, Russisch, Englisch, Französisch und Deutsch. Auf dem Projekt-Blog und natürlich auf Radio Freirad 105.9 können Interessierte alle Ergebnisse anhören und lesen.
Das Team entschied sich, so unterschiedliche Themen wie Deutschkurse, Rechte und Pflichten, illegalisierte Flüchtlinge oder Anlaufstellen für Homosexuelle in ihren Sendungen zu bearbeiten. Neben der informativen und politischen Ausrichtung des Projekts sei Wir bleiben! aber vor allem ein Sozialprojekt geworden. Die Beteiligten können ihre Heime und ihre Warteposition verlassen, Menschen kennenlernen, journalistische Fähigkeiten erwerben und einsetzen und vor allem sich selbst und andere ermächtigen, denn „das Mikrofon verleiht Macht“, wie Melo betont.
Angesichts dieser Ausrichtung erscheint es auf den ersten Blick ungewöhnlich, dass das Projekt aus einem Kulturtopf finanziert wird.
Doch im sozialpolitischen Bereich gibt es kaum ähnliche Förderschienen und die bewusst offene Formulierung in der stadt_potenziale-Ausschreibung verwischt die Grenze zwischen Kultur als künstlerischer Auseinandersetzung mit Gesellschaft und Kultur als jeglicher individueller und kollektiver Bedeutungsproduktion. Obwohl Wir bleiben! auch als Kulturprojekt (im weiteren Sinne) bezeichnet werden kann – darüber war sich die Jury einig –, zielt es nicht auf künstlerische Prozesse oder kulturelle Erzeugnisse (im engeren Sinne).
Dass Wir bleiben! notwendig ist, zeigen die positiven Rückmeldungen von Beteiligten und Betroffenen sehr eindeutig. Und einen vergleichbaren, geschweige denn partizipativen Informationskanal gebe es bislang nicht – oder nicht in den benötigten Sprachen, so Juliane Nagiller, die Freirad-Geschäftsführerin. Weil also zuständige Ämter im Flüchtlingsbereich mangelhafte Informationen und kaum Finanzierungsmodelle für Lösungen zur Verfügung stellen, müssen Kulturförderungen diese Leerstelle kompensieren. Diese
erzwungene Verschiebung der Verantwortlichkeiten sollte zumindest Diskussionen hervorrufen – im Dienste der „kulturellen Nahversorgung“.