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MOLEcafé

Das Schandemarterl

Vater: Hier ist es, das Schande-Marterl. Hab ich dir schon davon erzählt? Ich kann es dir unmöglich verschwiegen haben. Es ist nämlich ein ganz unverschämtes und ungerechtfertigtes Marterl. Du musst wissen, Tochter, das Marterl ist das Tabernakel der Berge! Ein Denkmal der Seligen. Nur Heilige bekommen es, die Mutter Gottes oder der Heilige Romed, oder aber, wie in diesem Falle, tödlich verunglückte Bergsteiger. Zu ihrem Gedächtnis!
Tochter: Ich weiß, Vater.

Vater: Das ist der Vorteil an einem Bergtod. Man bekommt prompt ein Marterl und alle Welt wird deiner ewig gedenken. Der hier aber hat sein Marterl gar nicht verdient! (der Vater liest) „Gedenke Wanderer, der du hier gehst, Achreiner Norbert, der hier am 15. Mai 1998 unerwartet verstorben ist.“ Sauerei! Weißt du den Achreiner Bertl?
Tochter: Nein, Vater.

Vater: Wo er doch hier ein Marterl hat! Also das war so: Der Achreiner ist sein ganzen Lebtag nie auf einen Berg gestiegen, ist den ganzen Tag beim Stanglwirt gehockt und hat keinen Finger gerührt. Irgendwann ist der dann bei so einem läppischen Erstkommunionsausflug mitgegangen – Gott weiß warum – und hat hier an dieser Stelle einen Schlaganfall bekommen. Einen Schlaganfall! Der ist überhaupt keinen Bergtod nicht gestorben. Ich meine, abstürzen, ja, Steinlawine, noch besser, da kannst du nichts dafür. Aber ein Schlaganfall! Nachdem er seit Jahren zum ersten Mal am Berg gegangen ist! Dieser Betrüger, dieser Marterl-Dieb!
Wahrscheinlich hat er gemerkt, dass es mit ihm zu Ende geht und er hat sich noch mit letzter Kraft hier raufgeschleppt um zumindest ein Marterl zu bekommen.
Tochter: Wahrscheinlich war es so, Vater.

Vater: Ganz sicher sogar! Wenn du nämlich im Dorf stirbst, also zum Beispiel vorm M-Preis zusammenbrichst, dann macht dir kein Mensch ein Marterl. Hier aber ist das anders. Das wird er gewusst haben der Achreiner, woher auch immer. Woher auch immer! Ich zum Beispiel, der ich seit Jahrzehnten praktisch täglich hier raufgehe, ich hätte mir so ein Marterl verdient. Jawohl! Stell dir das vor, Kind. Dann könntest du immer, wenn du hier heraufgehst meiner gedenken.
Tochter: Ja, Vater.

Vater: (überlegt) Ich möchte auch so ein Marterl, verdammt noch mal. Ich habe das Recht auf ein Marterl. Seit Jahren hoff’ ich jedes Mal, wenn ich hier vorbeigehe, dass mich der Schlag trifft und ich hier verende. Im besten Fall stellen sie dann mein Marterl statt dem vom Achreiner auf, weil sie sagen: Der hat es sich verdient. Im Notfall würd’ ich aber auch neben dem Achreiner stehen, wenn’s denn sein muss.
Tochter: Ja, Vater.

Vater: Der Schlag soll mich treffen, auf der Stelle! Herrgott, gib mir ein Zeichen. Lass mich eingehen in dein Reich. (Pause. Nichts geschieht). Vielleicht muss ich ihm ein Opfer bringen. (blickt auf die Tochter)
Tochter: Vater!

Vater: Verdammt! Ich will ein Marterl, so wie jeder andere Mensch auch! Aber gut. Wenn ich schon kein Marterl bekomm’, soll der Achreiner auch keines haben.
Der Vater zieht den Rucksack und macht sich daran, das Marterl mit seinen bloßen Händen aus dem Boden zu reißen. Er zerrt und zieht, bis schließlich der Fuß des Marterls zerbricht. Der Vater fällt mitsamt dem Marterl den Abhang hinunter.

Tochter: Vater, ist dir was passiert?

Der Vater liegt am Boden und rührt sich nicht.

Tochter: Vater, Vater! (Sie klettert zum Vater hinab. Sie rüttelt den reglosen Körper) Oh Maria! Der Vater! Aber ich sehe, er atmet. Vater, Vater, so sag doch etwas.

Vater: Leb ich noch?
Tochter: Ja, Vater!

Vater: Verdammt, das Marterl vom Achreiner hätt’ mich erschlagen sollen. Hat es aber nicht. Das war der Achreiner selbst. Der duldet keinen neben sich. Was mach ich nur? (überlegt) Tochter!
Tochter: Ja, Vater?

Vater: Geh ins Tal und sag ihnen, ich sei abgestürzt. Sag ihnen, du hättest mich gesucht – vergeblich. Dann pack meine Sachen und lass sie zum Flughafen bringen. Ich fliehe nach Argentinien, wo ich meinen Lebensabend verbringe und werde niemals gefunden. Dann müssen sie mir hier ein Marterl aufstellen.
Tochter: Und was wird aus Mutter und mir?

Vater: Darüber mach dir keine Sorgen. Ich sag dem Gufler Witwer, er soll sich um euch kümmern.
Tochter: Der Gufler!

Vater: Ja, ja. Ihr werdet euch schon an ihn gewöhnen, gell. Aber sag der Mutter nichts von meiner Flucht! Das muss ein Geheimnis bleiben. Versprich es!
Tochter: Ich verspreche es. Leb wohl, Vater.

Vater: Leb wohl, Kind.
Tochter: Ich werde ein Foto von deinem Marterl machen und es dir zukommen lassen.

Vater: Das ist so lieb von dir, Kind. Adieu!

Die Tochter geht ins Tal.