Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Strategien im ländlichen Raum

#12 2013 / Bernhard Kathan

Mag Kunst im ländlichen Raum immer noch der Geruch der Verschönerung anhaften, so sind inzwischen doch abseits von Behübschungen auf Dorfplätzen oder Kreisverkehrsinseln zahlreiche Kunstprojekte zu nennen, die von ganz anderen Vorstellungen ausgehen. So unterschiedlich ihre Ansätze auch sein mögen – sie reichen von der Medienkunst bis hin zu ganz konkreten Interventionen –, gemeinsam  ist ihnen, dass es sich um Eingriffe in bestehende Sozial- und Raumgefüge handelt.

ICH MALE IHR PROBLEM. Auf Einladung des Museums in Bewegung setzte sich der Künstler  Martin Breindl  eine Woche lang während der Amtsstunden in eine Prättigauer Gemeindekanzlei, hörte sich Probleme des Dorfes an und brachte Sorgen und Wünsche der Bevölkerung zu Papier. Eine Bürgersprechstunde der anderen Art. Die entstandenen 35 Zeichnungen wurden anschließend in der Gemeindekanzlei ausgestellt. Dem Zeichnen kommt ebenso eine mediale Funktion zu wie der Ausstellung, in der eben diese Zeichnungen zu sehen sind. Es geht weniger um die Zeichnungen als darum, die geschilderten Probleme oder Wünsche in einen öffentlichen Diskurs zurückzubinden. Jeder erfolgreiche Künstler und jede erfolgreiche Künstlerin würde sich hüten, seine bzw. ihre Arbeiten in einer Bankfiliale oder in einer Gemeindekanzlei zu zeigen. Hier kehrt sich das ins Gegenteil, werden doch die Räume und das, was darin geschieht oder geschehen könnte, zum Thema.
An dieser Stelle ist auch auf das vom Schweizer Künstler Peter Trachsel initiierte Museum in Bewegung zu verweisen: 14 Räume für die Kunst oder Wenn es dunkel wird im Tal.
Bespielt werden die vierzehn Orte des in Graubünden gelegenen Prättigau. Statt der Präsentation abgeschlossener Werke work in progress, Kunst in ihrem Entstehen, und dies stets in konkreter Auseinandersetzung mit den OrtsbewohnerInnen. Statt musealer Räume stets konkrete Lebens- und Arbeitsräume, im eingangs erwähnten Beispiel etwa eine Gemeindestube. Der Ausgang der hier realisierten Projekte ist zumeist offen.
Projekte müssen scheitern können, etwas, das Kulturabteilungen bis heute noch nicht begriffen haben. Inzwischen wird das eine oder andere Projekt von DorfbewohnerInnen selbst getragen. Das Museum in Bewegung findet heute, wenn auch mit großer Verzögerung, jene Anerkennung, die es verdient.

Richard Frankenberger ist Initiator zahlreicher Kunstprojekte in der Gegend des oststeirischen Ortes Pischelsdorf. Unter den vielen Eingriffen seien hier nur der DOM und die als Nomadin bezeichnete Stiege erwähnt. Bei beiden Objekten haben wir es mit recycelter Architektur zu tun. Als in der Landschaft abgestellte Fremdkörper rufen sie Widerrede hervor und stellen Wahrnehmungsgewohnheiten in Frage. Beide Objekte sind am Ortseingang bestens positioniert: in einem Maisacker. Der DOM wurde ursprünglich als Abdeckhaube einer Radaranlage des Österreichischen Bundesheeres genutzt, die davorgesetzte Stiege, die ins Nichts führt, bestenfalls wie eine Aussichtsplattform begangen werden kann, diente bis zum Abriss des sogenannten „Lechnerhauses“ in Graz, an dessen Stelle das Kunsthaus errichtet wurde, als Aufgang in das erste Stockwerk. Beide Objekte sind frei zugänglich. Dem DOM mit seiner bemerkenswerten Akustik kommt die Funktion eines Klangraumes zu. Aber um einen Veranstaltungsort handelt es sich nicht. Wer immer will, kann ihn betreten. Der Verzicht auf ein Veranstaltungsprogramm versteht sich als Einladung an die Bevölkerung, das Bauwerk zu nutzen. Dass dieses Projekt funktioniert, macht nicht zuletzt deutlich, dass es bislang, obwohl die Kuppel nicht absperrbar ist, keine wirklichen Vandalismusschäden gab.

Die Gruppe  AO& , Philipp Furtenbach, Philipp Riccabona, Thomas A. Wisser und Rainer Fehlinger, führte im Rahmen des Walserherbstes 2012 drei Projekte durch, die zeigten, dass es möglich ist, mit minimalsten Mitteln soziale Prozesse in Gang zu setzen. Dies gilt gleichermaßen für die temporäre Bespielung eines ehemaligen Dorfgasthauses, die Herstellung großer Mengen von Butterschmalz oder den gemeinsam mit Martin Mackowitz entwickelten Lutzschwefelbrunnen in Buchboden. Bei diesem Brunnen handelt es sich um ein kleines Freiluftbad am Bachbett der Lutz unterhalb von Buchboden, einem Ort, den man gemeinhin nicht als schön betrachtet. Keine Aussicht, keine liebliche oder beeindruckende Landschaft. Früher nannte man einen solchen Ort ein „Loch“. Wohl nicht zufällig dachten manche im Tal reflexartig an Humusaufschüttung und gartenähnliche Bepflanzung. Mit dem Bad an der Lutz wurden Sehgewohnheiten radikal in Frage, öffentlicher Raum zur Diskussion gestellt. Das Projekt werden andere weitertragen müssen, Menschen, die sich dafür interessieren und vor Ort leben.
AO& bewegen sich in ihren Projekten oft genug entlang von Bruchlinien und machen dabei manche Gratwanderung. Ihre Projekte erfüllen jene Kriterien, die gute Kulturprojekte im ländlichen Raum ausmachen: sie sind konkret, prozessorientiert, Konflikte werden nicht von vornherein als negativ betrachtet. Sie greifen auf, ohne sich einem mehrheitsfähigen Geschmack anzudienen. Nicht zuletzt sind diese Projekte von einer hohen sinnlichen Qualität. Die Gruppe betreibt ihre Projekte nicht ohne Witz und Humor, aber dennoch mit einer großartigen Ernsthaftigkeit. Sie sind konzeptionell stimmig, bestens durchdacht, oft verbunden mit aufwendigen architektonischen Eingriffen, mühevoller Arbeit, keinesfalls beliebig. Man kann sich ihre Arbeit als Forschungstätigkeit denken, die sich von üblicher Forschung nur dadurch unterscheidet, dass es nicht um die Verifizierung von formulierten Hypothesen geht, sondern um Interventionen in komplexen Feldern, die eben keine Fragestellungen zulassen, die sich mit + oder – beantworten ließen. Was ihre Projekte
betrifft, fallen mir zahllose Bezüge ein, etwa Arbeiten von Lucius Burckhardt, des Begründers der Spaziergangswissenschaft; oder auch die Krisenexperimente des Ethnomethodologen Harold Garfinkel. Auf solche Vordenker beziehen sich AO& freilich nicht. Sie erfinden die Welt neu, und zwar auf sehr erfrischende Weise. Nicht zufällig drehen sich viele ihrer Projekte um das Essen.

Bei den hier genannten Projekten handelt es sich um Initiativen von unten. Inzwischen finden sich auch Beispiele, in denen anspruchsvolle Kunstprojekte im ländlichen Raum von oben initiiert werden, dies im Wissen, dass sich gute Kunstprojekte lohnen. Dies gilt insbesondere für strukturschwache Regionen. Als Beispiel sei das von der Deutschen Stiftung Kulturlandschaft finanzierte Projekt Kunst fürs Dorf – Dörfer für die Kunst genannt, dessen Ziel eine ökonomisch tragfähige nachhaltige Nutzung und Entwicklung der Kulturlandschaft ist, um die Existenzgrundlage ihrer BewohnerInnen auch in Zukunft zu sichern. 2013 haben sich bei einer bundesweiten Ausschreibung 101 Dörfer und 146 KünstlerInnen aus dem ganzen Bundesgebiet um die Teilnahme beworben. Eine Fachjury wählt aus den eingereichten Projekten eine bestimmte Anzahl aus. Von den unterstützten Gemeinden wird nicht zuletzt ein hohes Eigenengagement erwartet wie auch die Bereitschaft, sich in der Auseinandersetzung mit den jeweiligen KünstlerInnen auf einen Prozess einzulassen, geht es doch um die Durchführung gemeinschaftsorientierter wie konkret ortsbezogener Kunstprojekte.

Seit Jahren beschäftigt sich  FLUSS. NÖ Initiative für Foto- und Medienkunst mit internationalen Projekten, die sich abseits der sogenannten „volkstümlichen Kultur“ und doch in Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Realität des „Regionalen“ im ländlichen Raum positionieren. Das ist bemerkenswert, wird doch versucht, sich ganz allgemeinen Fragen zu stellen: Was verstehen wir unter dem ländlichen Raum? Wo hört eine Stadt auf? Wo beginnt der ländliche Raum, wie hat sich dieser durch Mobilität oder Kommunikationstechnologien verändert? Welche Anforderungen sind an Kunstprojekte im ländlichen Raum zu stellen? Welche Projekte machen Sinn, welche nicht? Wie lassen sich potenzielle Auftraggeber von solchen Projekten überzeugen? All die damit verbundenen Diskussionen sind längst überfällig. Neben einem unmittelbaren Erfahrungsaustausch geht es um Methodik, also um die Voraussetzung dafür, solche Projekte über kreative Einfälle oder gute Ideen hinauszuheben.
In Kultur- und Kunstprojekten läge, was Regionalentwicklung betrifft, und das zeigen die Projekte von AO& wie auch andere sehr gut, ein großes Potenzial. Von Kunst, die dem Geschmack der Menschen entgegenkommt, die man sich an Wände hängen oder im Vorgarten zur Behübschung aufstellen kann, ist wenig zu erwarten. Wohl aber von Kunst, die auf Eingriffe und Prozesse setzt, die aktives Tun statt passiven Konsum betont, die sich nicht vor Konflikten scheut, mehr noch, die Konflikte als Motor aller Veränderung sieht. Man muss Themen aufgreifen, die in der Luft liegen und Menschen bewegen. Das gilt heute etwa für das Alter, für den Umgang mit Alzheimerkranken, für den Umgang mit Sterben und Tod, es gilt für die Technisierung des Alltags, für die zunehmende Schere zwischen Arm und Reich, das gilt für denkbare Entwicklungen im regionalen Raum. Inzwischen wissen wir, dass ökonomische oder ökologische Krisen, die ihren Ausgang in ganz anderen Teilen der Welt nehmen, auch Gegenden erreichen und zutiefst erschüttern können, die damit nichts zu tun haben. Kunst muss forschen, nicht unähnlich wie dies Johannes E. Trojer praktiziert hat, oder heute junge KünstlerInnen wie die Gruppe AO& es machen. Man muss sich auf Experimente mit ungewissem Ausgang einlassen.